Horst Evers: In Würde Altern
»Haste das jetzt kapiert, oder muß ich’s nochmal erklären?«
»Hör mal, junger Mann, in dem Ton redeste aber nich’ mit mir …«
»Ich kann’s auch lassen, dann stürzt dir das Ding eben weiter jeden Tag dreimal ab, hab ich keine Probleme mit!«
»Neenee, is schon gut.«
Die ganze Situation hat in der Tat etwas Entwürdigendes. Jonas, der elfjährige Sohn meiner Nachbarin, installiert mir auf meinem Computer Norton Utilities, während ich ihm dafür ein Bild für den Geburtstag seiner Mutter male.
»Da müssen noch mehr Blumen rauf. Mama mag Blumen, und ich will ihr mit dem Bild eine Freude machen, außerdem will ich ein neues Fahrrad, also streng dich gefälligst an!«
Ich sage nix, denn ich will dieses komische Norton Utilities haben, aber mir wird mulmig bei dem Gedanken, daß dies die Generation ist, die uns dereinst im Alter umsorgen wird. Ich kann mir genau vorstellen, wie die Altersheime unserer Generation im Jahr 2030 oder 2040 aussehen werden. Da wird nix mehr sein mit freundlichen jungen Frauen oder Zivildienstleistenden, die unsere Rollstühle durch blühende Parkanlagen fahren, und sich geduldig lächelnd zum 357sten mal anhören »wie schön das früher war, als die Vögel noch einfach lustig fiepend durch die Gegend flogen, und nicht wie jetzt nach gentechnologischen Veränderungen durch skrupellose Geschäftemacher den ganzen Tag sinnlose Werbeslogans trällern: ›...piep, piep, piep, 0190-333333, 333333, piep, piep, piep, ruf an...‹ Früher gab’s das noch nich. Das waren noch Zeiten, wie ich jung war, da hättense mich mal sehen müssen. Ach, wenn wir uns doch man ’n paar Jahrzehnte früher getroffen hätten!«
So in etwa hatte ich mir das Altsein vorgestellt. Aber nein, im Altersheim der Zukunft wird man jeden von uns einzeln und allein in ein kleines Zimmerchen mit Computerbildschirm setzen. Die schönen Altersspaziergänge werden wir, wenn überhaupt, dann nur virtuell machen. Unsere Nachmittage verbringen wir in Chatrooms, die Namen haben wie Karstadt-Bistro und Café Keese. Und da chatten wir über unsere Krankheiten oder unser neues Hüftgelenk, das uns der nette junge Mann von Körperteile auf Rädern am Vormittag vorbeigebracht hat. Nachts aber klinken wir uns, getrieben von seniler Bettflucht und/oder Altersgeilheit in die Chatrooms der jungen Leute ein, nehmen, da man uns nicht sehen kann, eine andere, eine jüngere Identität an, in der Hoffnung, noch einmal einen heißen Feger aufreißen zu können. Die jungen Leute aber enttarnen uns blitzschnell und werfen uns aus ihren Chatrooms, da sie uns sofort daran erkennen, daß wir immer noch nach den alten Rechtsschreibregeln schreiben.
Doch einmal im Jahr ist Faschingsball im Seniorenheim der Zukunft. Zusammen mit unserem Essen kommt dann ein lustiges Papphütchen aus dem Ernährungsfax. Das müssen wir uns aufsetzen, wenn die nimmermüde Stimmungskanone Pete Townsend via Internet für alle Altersheime der Welt die Hits unserer Jugend spielt. Vor allem mindestens dreimal My Generation. Und immer bei der Zeile: »Hope I’ll die, before I get old« blendet sich ein computeranimierter Kurt Cobain ein, der mit eindringlicher Stimme fragt: »Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal darüber nachgedacht, was aus Ihren Träumen geworden ist? Noch ist es nicht zu spät. Nehmen Sie sich ein Herz, und treffen Sie eine Entscheidung.«
Aber den Gefallen werden wir ihnen nicht tun. Wir werden einfach immer älter und älter werden. Das wird unsere Rache sein. Ja, so sieht unsere Zukunft aus. Das ist die Wahrheit. Ich denk mir das nicht aus.
Für jede Generation kommt irgendwann der Moment, wo sie bei einem technologischen Fortschritt der Welt einfach nicht mehr mitmacht. Irgendwann will man nicht mehr. Das muß man dann nicht auch noch unbedingt verstehn. Bei meinen Eltern war das der Videorecorder, bei meinen Großeltern die Digitaluhr, bei meinen Urgroßeltern der Reißverschluß.
Manchmal habe ich das Gefühl, bei mir könnte es das Internet sein. Gut, ich bin vielleicht noch ein bißchen jung für den Ausstieg aus dem gesellschaftlich-technologischen Fortschritt, aber ich war ohnehin nie so ein technologischer Typ. Schon in jungen Jahren, ich war gerade 13 geworden, bin ich von der Wissenschaft bitter enttäuscht worden.
Damals hatte ich zum ersten Mal von den Pawlowschen Experimenten gehört. Speziell faszinierte mich der Bereich der Traumsuggestion. Man hört während des Schlafens irgendwelche Kassetten, und am nächsten Tag kann man alles, was da drauf ist wie aus dem Eff-Eff. Allerhand!
Auch ich wollte mir seinerzeit diese Traumsuggestion zunutze machen, stellte erst meinen Wecker auf zwei Uhr und dann einen Kassettenrecorder mit folgendem, von mir besprochenen Band in das Schlafzimmer meiner Eltern:
»Mensch, der Horst, der braucht aber mal ganz dringend eine supergute Stereoanlage. Jawoll!!! Gleich morgen gehn wir los und kaufen ihm eine!«
Ein ins brillante lappender, prima Plan. Nach einer Woche ohne jeden Erfolg jedoch habe ich aufgegeben. Erst viel, viel später fand ich heraus, daß mein Vater den Recorder schon in der ersten Nacht bemerkt, seinerseits eine Kassette besprochen und das Ganze für seine Zwecke eingesetzt hatte. Das war dann auch der Moment, in dem ich endlich begriff, warum eigentlich ausgerechnet Autowaschen in meiner gesamten Jugend mein allerliebstes Hobby gewesen war.
Nach diesem Erlebnis habe ich mich von der Wissenschaft abgewandt. Die Gefahren wurden einfach unkontrollierbar.