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Bov Bjerg: Beim Inder in der WO?

Verabredet waren wir »beim Inder in der O-Straße«, und ich wartete natürlich beim falschen. Bei dem, den ich von früher kannte. Mit den dunkelbraunen, verranzten Tischen mit den bunten Öllämpchen drauf und den gehäkelten Lampenschirmen an der Zimmerdecke. Dem mit den Tausendfüßlergöttern an der Wand. Wo man das Essen noch in der Edelstahlpalette serviert bekam. Seltsamerweise war ich heute abend der einzige Gast. Ich saß und wartete und nippte an meinem Pfefferminztee, denn die Einleitung des alkoholkonsuminduzierten Kontrollverlustes wollte ich mir für den späteren Abend aufbewahren. Ich war gern, wo ich herkam, ich war gern, wo ich hinfuhr, und den Radwechsel sah ich keineswegs mit Ungeduld.

Keiner da, der mich fragte: »Brecht, wa?«; keiner, dem ich meine Klugheit (groß) oder meine Güte (unendlich, aber nicht unbegrenzt) demonstrieren mußte. Ganz im Einklang mit dem Kosmos saß ich da, randvoll mit inneren Werten. Oberkante Unterlippe. »Ommm - o...«. Ein kleiner Werteschwall schwappte aus meinem Mund, genau ins Pfefferminzteeglas. Igitt.

Ich saß und wartete. Beim Anblick der gehäkelten Lampenschirme fragte ich mich, ob Antje Vollmer früher wohl einmal selbstgebatikte Kleidchen getragen hatte, ob sie so was womöglich heute noch tat, heimlich, zwischen zwei Terminen in der Naßzelle ihres Bundestagsbüros, und bei dieser Vorstellung schüttelte es mich. »Tee nicht gut?« fragte der Kellner durch den Raum. »Doch, doch, ganz ausgezeichnet«, sagte ich wahrheitsgemäß. »Wasser, Teebeutel, alles perfekt.« Wolfram Siebeck hätte den Tee nicht besser aufbrühen können, dachte ich still, und als ich mich beim Schmunzeln über diesen doch recht flauen Scherz ertappte, beschloß ich, den Zeit-Leser und Bildungsbürger in mir bei nächster Gelegenheit einmal tüchtig auszupeitschen. Ja, in meiner Psyche herrscht die Fatwah. Streng, aber gerecht. Wenn der Bildungsbürger den Witzemacher küßt, dann kann er froh sein, wenn’s bei Peitschenhieben bleibt. Da können die inneren Werte noch so betreten daneben stehn. Wenn’s umgekehrt drum ginge, den Witzemacher zu steinigen, da wären sie ja auch mit Vergnügen dabei. - Eine gelungene Metaphernkette, befand ich, rezeptionstheoretisch äußerst lehrreich, obendrein die humanistisch-puritanische Sinnenfeindlichkeit aufs Geistreichste geißelnd.

Gerade überlegte ich, mein Blick schwiff aus dem Fenster, ob es sich wohl lohnte, diese möglicherweise bahnbrechenden Gedanken aufzuschreiben, um sie so der Nachwelt zu bewahren - besonders der Einfall, »humanistisch« und »puritanisch« durch einen Bindestrich unlösbar miteinander zu verschmelzen, erregte mein Wohlgefallen. Humanistische Bildung und puritanische Enthaltsamkeit - hieß da die andre Seite der Medaille nicht unweigerlich: »Dumm fickt gut«? Bloß blöd, daß ich so klug war. - In diesem Moment bemerkte ich, daß da schräg gegenüber noch ein Inder war. Na prima. Kaum läßt man Kreuzberg 36 ein paar Jahre aus den Augen, bums, gibt’s ’n zweiten Inder in der O-Straße.

Der Laden war knackvoll, und natürlich saßen sie schon lange dort. An ikeahellen, blitzeblanken Tischen, die Essensreste auf pittoresk verschmierten Porzellantellern appetitlich drapiert.

Man plauderte über die Zustände hierzulande im allgemeinen und in Berlin im besonderen. Der doofe Diepgen, jaja. Der Innensenator, das Arschloch, na klar. Umstrukturierung, böööse Sache. Dschenn-tri-fi-kei-schän! Links-alternatives Tontaubenschießen. Schöner Sport, aber nicht mit Freunden, die man seit zwei Jahren nicht gesehen hat. Mir war ein bißchen langweilig. Ich sagte nichts. Stille Wasser: tief. (Eine Unsinns-Ansicht, die meiner gelegentlichen Maulfaulheit sehr entgegen kommt.)

Jetzt ging’s um eine Bekannte, »die putzt für 12 Mark die Stunde bei einem, der hat sich für Mordsdiehunderttausendeier eine Dachgeschoßwohnung gekauft. In Prenzlauer Berg. Ausgerechnet in Prenzlauer Berg! Die Sau.«

Nun schien es mir an der Zeit, auch etwas zur Konversation beizutragen: »Wenn ich das Geld hätte, würd’ ich das auch machen. Sofort.« Schweigen. »Warum auch nicht? Besser, ich kauf da ’ne Wohnung, als wenn’s irgend so ein Arschloch tut. Besser für mich, und besser für Prenzlauer Berg.« Was für ein großartiges Argument! Was für eine bestechende Prämisse: Ich bin kein Arschloch.

So könne man das aber nicht sehen. »Wie denn dann? Also, was das Moralische angeht, würd’ ich deiner Bekannten natürlich ein bißchen mehr zahlen fürs Putzen. Sagen wir, 15 Mark die Stunde. Obwohl: Ich glaub’, ich würde eher eine Türkin einstellen. Oder eine Polin. Die hamms doch noch ’n Zacken schwerer als so ’ne deutsche Studentin, oder? Natürlich fürs gleiche Geld. Oder ’n bißchen mehr. Sangwer, 20 Mark die Stunde. - Außerhalb vom S-Bahn-Ring würd’ ich versuchen, ’ne Schwarze zu kriegen. Für 30 Mark die Stunde, Taxifahrt natürlich bezahlt, wegen der Sicherheit. Das wär’ doch okay, oder?«

Irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl, die Prämisse von gerade eben - ich bin kein Arschloch - zu zerreden. Das Gespräch wollte nicht mehr so richtig in Gang kommen, ich bestellte ein zweites Bier und trank es zügig aus. Der Kontrollverlust mußte heute mal ohne mich auskommen.

Ich ging zu Fuß nach Hause - teils, weil ich nicht mit den andern U-Bahn fahren mochte; teils, weil ich beim Gang durch die nächtlichen Straßen, unbehelligt von Hunden, Autos und Berlinern, noch ein wenig an meinem Gedankengebäude zimmern wollte. Noch vor ein paar Jahren hatte es in seiner klaren Funktionalität entfernt an die Architektur des Bauhauses erinnert, doch durch Türmchen hier und Erkerchen dort war es immer barocker geworden.

Inzwischen wuchert mein Gedankengebäude unaufhaltsam Richtung Rokoko. Aber das macht nichts. Wenn es fertig ist, stell ich sowieso dunkelbraune, verranzte Tische rein, mit bunten Öllämpchen drauf. Und an die Wände jede Menge Tausendfüßlergötter.

Zeichnung von Ilia Kitup

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 25
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Hinark Husen: Illegale Postwurfsendungen Ahne: Meisengeschichte Jürgen Witte: Wahltage Horst Evers: In Würde Altern Robert Rescue: Hauptsache Arbeit Bov Bjerg: Beim Inder in der WO? Andreas Scheffler: Arbeit um Acht Hans Duschke: Vom Amt Ulrich Roski: Ich lerne sprechen Andreas Scheffler: Nürnberg Sarah Schmidt: Urlaub in Berlin Gabi Schlaug: Bier Manfred Maurenbrecher: Europa: zwei Stimmen Ulrich Hannemann: Eistee für unsere Taxifahrer Gunar Klemm: Vom schönen Landleben Falko Hennig: Schlangenschicksal Andreas Rüttenauer: Die Siedler Jürgen Witte: Ist Geldgeilheit heilbar? Horst Evers: Am Gemüsestand Tube: Typischer Tagesbeginn Gabi Schlaug: Lesen in Neukölln Bov Bjerg: »IS’ ROT.«
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Werswer
Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXVII
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Impressum
Mitteilung: Viktor Orloff - Unterstützungs- kommitee
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