Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 25/1999 Andreas Scheffler: Arbeit um Acht
Artikelaktionen

Andreas Scheffler: Arbeit um Acht

Wenn man einmal einen bestimmten Tagesrythmus lebt, ist es schwierig, da wieder rauszukommen. Ich hatte mir angewöhnt, dem Credo der Gruppe Truck Stop zu folgen: »Wer morgens länger schläft, hält’s abends länger aus.« Außerdem fängt man, wenn man erst um 13 Uhr aufsteht, nicht so früh am Tag mit dem Trinken an. Dieser Lebensphilosophie mußte ich allerdings eines Tages abschwören und zwar aufgrund eines Geburtstagsgeschenks. Dies Geschenk kam von meinem Schwiegervater und hieß: »Wir renovieren zusammen eure Küche und das Bad. Und ich besorge das Material.« Umwickelt war das Präsent mit einer netten Schleife, die lautete: »Montag um acht fangen wir an.« - Um acht. Und dann auch noch Montag! Das ist, wie wenn der Zahnarzt nicht nur auf die Betäubung verzichtet, sondern sich auch noch weigert, durch den Mund zu behandeln und stattdessen ein Loch in die Wange schneidet. Doch wenn ich das Geschenk abgelehnt hätte, wäre dies ein ziemlicher Affront gewesen, der meine Klassifizierung als Versager zementiert hätte. Also sagte ich dankbar und freudestrahlend zu.

Der Sonntag verging mit Grübeleien. Wenn ich wieder bis drei Uhr aufbleiben würde, käme ich nie im Leben um sieben aus dem Bett. Das Ergebnis dieser Überlegungen war mein erster Fehler: Ich beschloß, durch Einnahme von viel Alkohol mich vorzeitig in den Zustand der Schläfrigkeit zu versetzen. Bier, Whisky, Kümmerling und zum Abschluß ein Glas Rotwein sorgten für den gewünschten Effekt. Um Mitternacht, so sagte mir Sabine, sei ich ins Bett gewankt. Ich schlief wie ein Stein, bis um sieben der Wecker klingelte. Ich fühlte mich nicht so, als hätte ich sieben Stunden geschlafen. Im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, daß ich jetzt aber dringend ins Bett müsse. Außerdem hatte ich meine Sachen noch an. Ich stellte den Alarm auf halb acht vor und nickte nochmal ein. Schließlich hatte ich die Zeit für’s Anziehen gespart. Eine halbe Stunde später wuchtete ich mich verantwortungsvoll hoch und schaute in den Spiegel. Albino-Kaninchen-Augen sahen mich an. Ich torkelte in die Küche und machte starken Kaffee. Das war mein zweiter Fehler. Schon nach wenigen Schlucken hüpfte mein Herz wie ein Basketball, und der Kreislauf geriet ins Schlingern. Sollte ich so sterben? - Ungern. Es klingelte. »Morgen, Andreas. So, jetzt geht’s zur Sache. Na, bist du voller Tatkraft?« - »Geht so«, krächzte ich. Fröhliche, unternehmungslustige Menschen am frühen Morgen sind die Pest. Und wer nicht sah, in welchem Zustand ich war, dem würde ich ungern einen Hammer in die Hand drücken. Erstmal eine rauchen. Das war mein dritter Fehler. »Ich muß mal eben ins Bad«, preßte ich hervor und stürzte an Schwiegervater vorbei. Es ist unheimlich schwierig, lautlos zu kotzen. Ich gab mir Mühe, was die ganze Sache noch unangenehmer machte. Anschließend warf ich mir etwas Wasser ins Gesicht und rieb mir After Shave auf die unrasierten Wangen, um den Geruch zu übertünchen. Dann beging ich meinen nächsten Fehler. Schnaufend stützte ich mich auf dem Waschbecken ab. Es gab einen mächtigen Krach, als mir das Keramikungetüm auf den Fuß fiel. »Ist was passiert?« rief mein Schwiegervater Horst von draußen. Ich kämpfte den Schmerz nieder und antwortete: »Wir wollten doch hier die Wand verkleiden. Ich habe das Waschbecken schon mal abgenommen.« Nun ist Horst kein Idiot, aber er sagte nichts weiter dazu.

Immerhin war ich jetzt etwas wacher. Leitungen mußten unter Putz gelegt werden. Ich nahm den Trennschleifer und fräste eine saubere Rinne für das Kabel in die Wand. Sowas macht ganz schön Dreck. »Andreas, sag mal«, meinte Horst, »hättest Du nicht besser die Tür zum Wohnzimmer zugemacht?« Ich ging ein paar Schritte und sah meinen fünften Fehler: Alles war überpudert von einer dünnen Schicht Mörtelstaub. Sofa, Teppich, Schrank, Fax und Fernseher, alle Bücher in den Regalen. - Nur mühsam unterdrückte ich einen Weinkrampf und sagte: »Horst, ich hab jetzt erstmal hier zu tun.« Ich stapfte ins Wohnzimmer, schloß die Tür hinter mir und ließ den Tränen freien Lauf.

Dann verging eine Woche mit Kabellegen, Verputzen, Tapezieren, verschiedenen neuen Installationen und dem Anbringen von Wandpaneelen. Allmählich kam ich recht gut in den neuen Tagesrhythmus hinein. Am Freitagabend war ich so kaputt, daß ich früh zu Bett ging und bis zum nächsten Mittag schlief. Toll - da war ich also wieder im alten Rhythmus drin! Jetzt waren nur noch ein paar kleinere Arbeiten zu erledigen. Das würde ich alleine schaffen. Am Nachmittag.

Zeichnung von Ilia Kitup

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 25
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Hinark Husen: Illegale Postwurfsendungen Ahne: Meisengeschichte Jürgen Witte: Wahltage Horst Evers: In Würde Altern Robert Rescue: Hauptsache Arbeit Bov Bjerg: Beim Inder in der WO? Andreas Scheffler: Arbeit um Acht Hans Duschke: Vom Amt Ulrich Roski: Ich lerne sprechen Andreas Scheffler: Nürnberg Sarah Schmidt: Urlaub in Berlin Gabi Schlaug: Bier Manfred Maurenbrecher: Europa: zwei Stimmen Ulrich Hannemann: Eistee für unsere Taxifahrer Gunar Klemm: Vom schönen Landleben Falko Hennig: Schlangenschicksal Andreas Rüttenauer: Die Siedler Jürgen Witte: Ist Geldgeilheit heilbar? Horst Evers: Am Gemüsestand Tube: Typischer Tagesbeginn Gabi Schlaug: Lesen in Neukölln Bov Bjerg: »IS’ ROT.«
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Werswer
Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXVII
Aufruf gegen den Tonfilm
Impressum
Mitteilung: Viktor Orloff - Unterstützungs- kommitee
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: