Hans Duschke: Vom Amt
I. Zensur
»Dies ist der zweite Arbeitsmarkt, dem Kapitalverwertungsprozeß entzogen, die beschützte Werkstatt, Beschäftigungstherapie, hier hat der Sozialismus überlebt - ein Arbeitsplatz im Öffentlichen Dienst.« So endete die Geschichte, in der ich nach einem Monat Beschäftigung behauptet hatte, mein Arbeitsplatz sei bei der Stasi. Nur im Scherz, doch in schriftlicher Form. Da drohte der sonst so launige Amtsleiter mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen. Für einen Moment war der Spaß vorbei. Später wurde ich gefragt, ob ich denn keinen Eid geleistet habe. Nein.
Trotzdem weise ich an dieser Stelle ausdrücklich darauf hin, daß die im folgenden geschilderten Ereignisse nicht der Wirklichkeit entsprechen. Es gibt noch nicht mal mehr zufällige Ähnlichkeiten. Und ich distanziere mich von allen Meinungen, die angeblich im Autor stecken.
II. Privates Klopapier
Das Amt ist umgezogen. In eine ehemalige Realschule. Große Räume, und auf den Klos der Gestank von achtzig Jahren Schülerpisse. Die Möbel sind aufgebaut, die Akten einsortiert: Jetzt könnte es losgehen. Oder nächste Woche.
Täglich ab 14 Uhr wird in einem der Klassenzimmer eine Flasche Rotwein geöffnet, die macht ein gutes Betriebsklima. Zu Mittag könnte man sich in der Mikrowelle ein Süppchen warm machen, dann heißt es wieder: »Man wird ja mal eine rauchen dürfen.« Dazu ein Kaffee »zum Runterdrücken«. (Diese eine Neuerung haben die Ossis übernommen.)
1. Stock. Zimmer 108. Früher der Chemieraum. Zu siebent sitzen hier die ABM-, LKZ- und IdA-Leute (IdA, das bin ich: Integration durch Arbeit). Zu siebent sitzen wir in einer Art Großraumbüro und machen eine Pause. Integration durch Arbeit ist das nicht, regelmäßiges Erscheinen genügt. Dann heißt es wieder: »Man wird ja mal eine rauchen dürfen«, und wir setzen uns auf den Flur. Durch hohe Fenster blinkt die Frühlingssonne, man plaudert, lernt interessante Leute kennen: Mein Gott, ich liebe den Öffentlichen Dienst.
Vier Monate geht das schon so. Vier von zwölf. Fünf Tage, 40 Stunden, 8 DM/Std.
Ich bin nun in Phase 2 meiner Maßnahme eingetreten. Phase 1: Man wundert sich. Phase 2: Mitmachen ist angesagt: Ich melde mich mit Name und Dienststelle am Telefon und beginne, Arbeit zu simulieren, nehme Aktenordner unter den Arm, wenn ich über den Flur laufe.
Die Armut ist bedrückend. Nicht die Armut der Mitarbeiter, sondern die des Amtes. Die Sperrmüllmöbel. Der Mangel an blauen Kugelschreibern. Daß wir privates Klopapier benutzen müssen.
Vor einer Woche begann ich aus Langeweile eine Webseite für das Amt zu konstruieren, obwohl es noch nicht einmal ein Modem gibt. Ein letztes Aufbäumen der Eigeninitiative. Mit diesem Web-Projekt werde ich planmäßig in Phase 3 meiner Integrationsmaßnahme eintreten: Ich mach mich unentbehrlich. Mein Vertrag wird verlängert. Und schon in wenigen Jahren bin ich ein Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst, ein Kollege, eine Trantüte - dann geh ich auch wieder demonstrieren, am 1. Mai. - Man muß doch ein Ziel haben im Leben.
III. Haushaltssperre
»Wer in geschlossenen Räumen eine Sonnenbrille trägt, will kein höflicher Mensch sein und verdient keinen Respekt«, erklärt die Mitarbeiterin des Amtes; zwei junge Männer auf der anderen Seite des Schreibtisches stecken verlegen ihre Brillen weg. Wir sind mitten in ein Beratungsgespräch hineingeraten.
Ein Schwenk durch die heiligen Hallen des Amtes für soziale Zwischennutzung: Ausschußsitzungen, Kolloquien, die Flure rauf und runter. Miteinander im Gespräch bleiben, das ist wichtig. Aktenordner unter dem Arm. Drum herum die Handwerker, die einer ehrlichen Arbeit nachgehen und uns die Klos sanieren.
»Kommunale Kulturpolitik in New York Central ist vielleicht auch nicht so einfach«, sagt einer, »vor allem, wenn Haushaltsperre herrscht.« Belagerungszustand. Langjährige MitarbeiterInnen kennen das schon. Dann telefoniert man herum, und sogar da muß man sparen, keine Honorare, keine Fördergelder, keine Ausstellung, keine Ausstattung, keine Genehmigung, keine Unterschrift. Nichts. Erstarrung. Verstopfung. Und kein Klopapier.
Fortsetzung folgt.