Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 25/1999 Andreas Scheffler: Nürnberg
Artikelaktionen

Andreas Scheffler: Nürnberg

»Edz dring mer erschd amol an Schnabbs!«

»Hosd doch scho gsuffn, du bläider Hund, bläider!«

»Ach, an Rausch hodder!«

»Ich an Rausch? Zwa Bier hobbi ghabt, du Debb, debberder!«

»Edz dou amol däi seggsersechzger Kadden her. Und an Schnabbs! Du Sauhund!!«

Nürnberg. Die Gaststätte zur Friedensglocke. Keine Kneipe der Welt könnte einen unpassenderen Namen haben, dachte ich als erstes. Nach einem langen Spaziergang im Schnee hat es mich hierher verschlagen. Von draußen war in den Fenstern zu lesen Kicker und Dart. Ich hatte ein nettes altes Lokal mit hauptsächlich jungen Leuten erwartet. Ein paar junge Leute sind da, aber auch der Stammtisch.

»Do, gibbs ders her! Des is mai Schdiech!!«

»Edz schrei halt ned a su. Debb, du debberder!!«

»Iich und schreier? Selber schreist, bläider Hund, bläider!«

»Dring mer läiber nu an Schnabbs! Rosie, bring nu amol an her!«

So geht das schon eine ganze Weile zwischen dem Debben und dem bläiden Hund. Als ich hereinkam, drehten sich alle zu mir um und guckten böse. Aber daß ich sofort ein Bier bestellte, hat sie wohl besänftigt. Trotzdem bin ich natürlich ein Fremdkörper hier mit meinem violetten Seidenjackett. Sie sind interessiert, sprechen mich aber nicht an. Ich bekomme mein Bier und sehe mich um nach Lesestoff. Unter dem Spielautomaten, der unablässig von einem jungen Türken gefüttert wird, liegen ausschließlich alte TV-Illustrierten. Ich hole mein Buch aus der Tasche und lese. Sicher etwas Ungewöhnliches an diesem Ort.

»Kohsd ned zähln, du Debb, du?«

»Drei Bier und scho bsoffn!«

»Edz horch amol, du bläider Hund.«

»Schorsch, zähl du amol.«

»Edz dring mer erschd amol an Schnabbs!«

Immer wieder drehn sich die vier Leute am Stammtisch zu mir um. Müßte ich auch einen Schnaps bestellen, um voll akzeptiert zu werden? Ich bin fast entschlossen, denke dann aber an meine Lesung am Abend. Stattdessen bestelle ich ein zweites Bier. Überraschend prostet mir der bläide Hund zu. »Zum Wohl, Bou!« schreit er. Beinahe rufe ich »Prost, bläider Hund!« zurück. Mittlerweile bin ich sicher, daß diese »Sauhund-«, »Debb-« und »bläider Hund«-Bezeichnungen zärtliche Kosenamen sind. Trotz allen Schreiens ist das hier ein Idyll. »Friedensglocke« - ja, warum eigentlich nicht?

Als ich nach zwei Stunden zahle und mich zum Gehen anschicke, brüllt der Debb: »Ge zou, Rosi, bring dem junger Mo amol an Schnabbs!« Ich bedanke mich und trinke langsam das dunkle Gebräu. Schmeckt gar nicht schlecht. Zur Lesung werde ich wohl wieder nüchtern sein. Zum Abschied klopfe ich landesüblich zweimal auf den Tisch. »Tschüß«, sage ich. Die ganze Kneipe ruft: »Ade!« So ist Nürnberg.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 25
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Hinark Husen: Illegale Postwurfsendungen Ahne: Meisengeschichte Jürgen Witte: Wahltage Horst Evers: In Würde Altern Robert Rescue: Hauptsache Arbeit Bov Bjerg: Beim Inder in der WO? Andreas Scheffler: Arbeit um Acht Hans Duschke: Vom Amt Ulrich Roski: Ich lerne sprechen Andreas Scheffler: Nürnberg Sarah Schmidt: Urlaub in Berlin Gabi Schlaug: Bier Manfred Maurenbrecher: Europa: zwei Stimmen Ulrich Hannemann: Eistee für unsere Taxifahrer Gunar Klemm: Vom schönen Landleben Falko Hennig: Schlangenschicksal Andreas Rüttenauer: Die Siedler Jürgen Witte: Ist Geldgeilheit heilbar? Horst Evers: Am Gemüsestand Tube: Typischer Tagesbeginn Gabi Schlaug: Lesen in Neukölln Bov Bjerg: »IS’ ROT.«
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Werswer
Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXVII
Aufruf gegen den Tonfilm
Impressum
Mitteilung: Viktor Orloff - Unterstützungs- kommitee
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: