Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 25/1999 Gabi Schlaug: Bier
Artikelaktionen

Gabi Schlaug: Bier

Mit dem Bier ist es doch so: irgendwann kommt die Zeit, in der man schon vor dem Betreten einer Kneipe weiß, wieviel man trinken wird, da man nach Jahren der Übung eingesehen hat, daß mit dem Alkohol meistens doch nur Übelkeit und Trübsinn einher gehen. Mit diesem Erfahrungswert ausgestattet, nähert man sich dem Trinken mit einer ganz unerfreulichen Vernunft, Widerspruch in sich, und könnte es somit auch gleich ganz sein lassen. Für einen richtigen Rausch muß man sich schon weiter vorwagen, oder man muß weit von zu Hause weggehen, um zu trinken.

Auf der Suche nach dem Rausch habe ich mich fortbegeben, an einen würdigen Ort für mein Anliegen, nach Prag. Prag ist eine Bierstadt, eine Stadt voll mit Menschen, die dem Alkohol sehr wohlwollend und offen gegenüberstehen. Bewohner und Besucher, allesamt schwere Trinker. Tagsüber schieben sie sich zu Tausenden über die Karlsbrücke - es ist das Grauen! Und bei Einbruch der Dämmerung sind alle schon betrunken und schwermütig.

Ich war mit zwei Freunden dort, einer Tscheche und folglich ausdauerndster Biertrinker unserer Gruppe. Freilich hatte Jakub die Angewohnheit, nicht länger als eine halbe Stunde laufen zu können, dann mußten wir schon wieder eine Schänke ansteuern. Am ersten Tag war das ganz in unserem Sinne, wir stürzten durstig und erlebnisfroh in die Jugendclubs und wurden herzlich empfangen. Im Taz Club war schon um acht Uhr abends der Weg mit Bierleichen gepflastert, die noch laufen konnten waren meistens die Kiffer, die fielen auf durch ungebremste Energie. Ihr Hin- und Hergerenne erweckte den Eindruck einer Sportveranstaltung. Der Wirt sah aus wie der Golem, nur dicker, man hörte Death Metal und dazu lief ein Live-Auftritt der Spice Girls im Fernsehen. Emma, die süßeste der Gruppe, das harmlose Babyspice, lächelte so falsch in die Kamera, daß es ganz offensichtlich war, wie verdorben sie eigentlich ist. Da kann sie noch so viele Krankenschwesternuniformen anziehen, das kriegt die einfach nicht raus aus ihrem Gesicht. Hier war sie aber in ein blaßrosa Kleidchen gezwängt und bewegte sich dazu in ihren praktischen Turnschuhen wie ein tolpatschiger Welpe zum infernalischen Getöse der Musik, es war sagenhaft. Im Toilettenbereich durfte man hinpissen, wohin man wollte oder wo man sich gerade befand, wenn man sich nicht mehr beherrschen konnte, es gab weder Türen noch Gesetze, man war völlig frei.

In der nächsten Kneipe schleuderte direkt nach unserer Ankunft ein Prager Trunkenbold vor Begeisterung einen Stuhl quer durch den Raum, der mich sogleich im Kreuz erwischte. Ein Zwischenfall, der in das plötzlich auftretende Schwarz vor meinen Augen ein schönes Blaulicht zauberte und meinem Gehör kurzzeitig das Geräusch eines Martinshorns vorgaukelte. Es konnte dann aber doch störungsfrei weiter getrunken werden, die einheimischen Jugendlichen rückten näher und stellten sich vor als Libor und Jolanta. Bald schmückte uns Jolanta mit bunten Bändern, die sie in wildem Übermut aus dem Vorhang riß und markierte uns so als Freunde. Wir ließen es gern mit uns geschehen und rauchten schlechtes Gras für die Völkerverständigung, während wir aufmerksam der Geschichte lauschten, wie Libor einmal in den Besitz eines Plektrums von Blixa Bargeld gelangt war.

Dann wurden die Tschechen müde und verabschiedeten sich, schließlich haben sie schon lange vor uns mit dem Trinken angefangen. Wir stolperten über Moldaubrücken, fuhren mit dem Taxi zu unserem Schlafplatz und während Jakub und der gesprächige Fahrer vorne im Duett zwitscherten, das Tschechische ist nämlich nichts anderes als Zwitschern und Trällern, lachten wir im Fond über diese rätselhafte Melodie, lachten über nichts, an das man sich später wird erinnern können, so, wie es nur Berauschte vermögen.

Im Grunde hätten wir gleich darauf wieder abreisen sollen, denn der Tag war so gut, daß es auf keinen Fall mehr besser hätte werden können. Jakub wies schon am Vormittag des Folgetages erste Anzeichen von schwerer Melancholie auf und sprach nicht mehr. Er hatte sich in Jolanta verliebt. Dann fing das Trinken wieder an, machte aber keinen Spaß mehr. Jakub war auf der Suche nach Jolanta oder einer anderen Frau, die sich seiner annehmen würde, und beim Warten vergeht die Zeit bekanntlich langsam. Alles war wie zu Hause. Der Taxifahrer wollte nicht reden, vorne auf der Ablage lagen zerfledderte Sexmagazine für die Fahrgäste. Zu lachen gab es nichts mehr.

Copyright: Gabi Schlaug

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 25
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Hinark Husen: Illegale Postwurfsendungen Ahne: Meisengeschichte Jürgen Witte: Wahltage Horst Evers: In Würde Altern Robert Rescue: Hauptsache Arbeit Bov Bjerg: Beim Inder in der WO? Andreas Scheffler: Arbeit um Acht Hans Duschke: Vom Amt Ulrich Roski: Ich lerne sprechen Andreas Scheffler: Nürnberg Sarah Schmidt: Urlaub in Berlin Gabi Schlaug: Bier Manfred Maurenbrecher: Europa: zwei Stimmen Ulrich Hannemann: Eistee für unsere Taxifahrer Gunar Klemm: Vom schönen Landleben Falko Hennig: Schlangenschicksal Andreas Rüttenauer: Die Siedler Jürgen Witte: Ist Geldgeilheit heilbar? Horst Evers: Am Gemüsestand Tube: Typischer Tagesbeginn Gabi Schlaug: Lesen in Neukölln Bov Bjerg: »IS’ ROT.«
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Werswer
Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXVII
Aufruf gegen den Tonfilm
Impressum
Mitteilung: Viktor Orloff - Unterstützungs- kommitee
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: