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Manfred Maurenbrecher: Europa - Zwei Stimmen im Frühjahr 99

Er sitzt vor seinem Computer und tippt.

Sie sitzt vor ihrem Computer und tippt.

Ihr Adressat ist das weltweite Netz und kein einzelner Mensch im besonderen.

Sein Adressat ist die Weltöffentlichkeit und im besonderen die Weltelite.

Er tippt: ›…fordern wir also die Nato auf, nicht nachzulassen im Kampf um die Menschenrechte…‹

Sie tippt: ›Es war ein unendlich dumpfes Dahinleben, voller Anspannung und Leerlauf, hier vor dem Krieg. Wir hatten gar keine Wahl: Wer sich nicht anpaßte, wurde verrückt.‹

Er nimmt einen Schluck stilles Wasser und überlegt, ob er jetzt ›solidarische Intervention für die Freiheit der Völker‹ schreiben soll - aber aus einem ihm nicht recht zugänglichen Grund kommt ihm das vorgestrig vor. Er tippt also: ›Notwendige Intervention für die Werte des Hauses Europa.‹

Sie ruft, als die Sirene heult: »Nein Mama, ich komm nicht mit runter, ist mir egal, ich bleibe hier am Computer!« Dann überlegt sie, was sich geändert hat in den drei Wochen. Fast alles. Sie will nichts ins Allgemeine. ›Ich habe mich kurz vor Kriegsbeginn noch frisch verliebt‹, schreibt sie also, ›das machte die Situation natürlich ein wenig erträglicher.‹

Er wird in seinem Gedankengang von einem Anruf unterbrochen. »Nein, Wolf, ganz fertig bin ich noch nicht«, sagt er ungeduldig, »ich fax es dir dann zu … - So, du hast selber schon? Und Enzensberger auch!? Aber wer es der Öffentlichkeit vorstellt, das wollten wir doch erst während der Verfassungsfeierlichkeiten beratschlagen … wer zuerst kommt, mahlt zuerst, verstehe. Dann mail ich meins jetzt sofort an Focus - macht ihr doch, was ihr wollt!«

Sie sieht plötzlich das schreckgeweitete Gesicht ihres Freundes vor sich und seine blutigen Haare. Die Detonation kam aus der Richtung, wo er wohnt. ›Das einzige, wovor wir schon gleich am Anfang Angst hatten, war, daß die Save-Brücke zerbombt werden könnte, dadurch wären wir getrennt.‹ - »Scheiß-Phantasien«, denkt sie und schreibt: ›Bei jeder Veränderung, die dich vom zivilisierten Denken und Leben abhält, schaust du zurück. Es schmerzt jedesmal, wenn du merkst, wie viel größer der Abstand geworden ist. Und nach meiner Meinung hat nie jemand gefragt.‹

Er mischt sich einen uralten Grappa in das stille Wasser und lutscht dazu eine grüne Olive. Plötzlich sieht er einen Zirkel von Freunden um sich, mit denen er vor zehn Jahren häufig zusammen war. »Ergebenheitsadresse«, sagt er ganz im Stil dieser Freunde mit einem Blick über die Zeilen auf seinem Monitor. Dann denkt er: »Altlinkes Gesocks. Hocken in ihren Cafes und weigern sich einzugestehen, daß der Wind sich gedreht hat.« Er formuliert: ›Wir dürfen nicht zulassen, daß unsere westlichen Standards …‹ Er stockt und verbessert ›westliche‹ in ›global-humanitäre‹.

Sie muß jetzt erstmal die Mutter beruhigen. Die Mutter wird immer schwieriger. Aus dem Keller wieder aufgetaucht, will sie plötzlich einen Koffer packen und raus, nur noch raus hier. Ausgerechnet die Mutter, die ja wirklich nicht unschuldig daran ist, daß man hocken blieb. »Wo willst du denn noch hin«, ruft die Tochter und knallt ihre Tür zu. ›Nur die Schule wollte ich noch beenden‹, schreibt sie dann, ›alle meine Freunde denken so, seit sie 15 oder 16 sind. Wie lange wird es noch dauern? Wie weit wird es noch gehen?‹

Er ist auch nach dem dritten Durchlesen ganz zufrieden mit seinem Aufruf und sendet ihn Richtung München. »Wenn ich jetzt wirklich der Schnellste sein sollte, dann müßte das nächste Jahr sich eigentlich durchfinanzieren«, denkt er. Laut sagt er: »Life is a battlefield.« Dann bestellt er ein Taxi.

Sie wählt seit einer halben Stunde die Nummer ihres Freundes. Immer sagt eine Stimme: »Die Leitung ist momentan unterbrochen.« Sie würde jetzt gern dieses Lied hören vom Schlachtfeld der Liebe, bei dem sie sich kennengelernt haben. ›Die Kassette ist bei ihm in der Wohnung, aber ich weiß ja nicht, ob die Brücke noch steht, und ob … - aber ich geh jetzt los‹, schreibt sie als letztes auf ihren Monitor. Dann macht sie den Computer aus.

Copyright: Manfred Maurenbrecher

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero
Nummer 25
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Mitteilung: Viktor Orloff - Unterstützungs- kommitee
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