Gunar Klemm: Vom schönen Landleben...
...weiß jeder ein Lied zu singen, der sich schon mal aufgemacht hat zu ergründen, wo nun eigentlich die Schnitzel wachsen. In der Regel wachsen die eben beschriebenen Fleisch- und Bindegewebslappen an Pflanzen, die der als Landwirt getarnte Subventionsempfänger Schweine nennt und die er in dunklen, schlechtbelüfteten Gewächshäusern hält. Die zum Hof, so nennt sich der Lebensmittelpunkt des Gummistiefelmodels, gehörenden Wiesen, die der Agrarmutant von seinen Vorvätern geerbt hat und deshalb Scholle nennt, liegen brach, weil nur so die EU auch wirklich was zahlt. Hat der Bauer Kinder, so sind diese meistens mit dem Erreichen der Volljährigkeit in die Stadt gezogen, um sich als Hilfsarbeiter durchzuschlagen oder sie sind, wenn die Intelligenz nicht gereicht hat, in den väterlichen Betrieb eingestiegen und kurbeln nun ebenfalls die Umsätze der gummistiefelproduzierenden Industrie an.
Ganz anders sieht das bei dem Öko-Landwirt aus. Hierbei meine ich nicht den Öko-Bauern, der die unglücklichen Embryonen glücklichen Federviehs mit dem Jeep Grand Cherokee zum Öko-Laden fährt und sich auf Kosten von Leuten, die ihre Kinder Sophie-Anne oder Pierre-Rüdiger nennen, eine goldene Nille verdient. Nein, ich spreche von den richtigen Hardcore-Ökos. Diese tragen Rauschebart, Friesenhemd, Rauhlederbundschuhe und den Gesichtsausdruck von Jesus während der Kreuzigung. Ein Zusammentreffen mit diesen Landbewohnern ruft bei dem Normalbürger anfangs ein schlechtes Gewissen hervor, weil man gerade die letzten fünf Mark für ein Landwirtschaftsprojekt in irgendeinem Kriegsgebiet in Zentralafrika gespendet hat. Das schlechte Gewissen schlägt jedoch relativ schnell in Ekel um, wenn der Hausherr einem stolz die Sammlung ökologisch vertretbarer, weil wiederverwendbarer Windeln des Nachwuchses, die zum Trocknen in der Wohnküche hängen, vorführt. Mag ja sein, daß die wieder trocknen, aber man erinnert sich dunkel, irgendwo mal etwas von »vorher waschen« oder so gehört zu haben.
Überhaupt scheint es dieser Schlag Menschen besonders mit den Kindern zu haben. Unter sechs macht er es nicht. Fragt man sich dann beim Anblick der Kinderschar, ob das Grundrecht auf menschenwürdige Unterbringung nur für Asylbewerber und Schwerstkriminelle gilt, so kommt nach der Namensnennung die unausweichliche Frage hinzu, ob es sich hier nicht gar um Kindesmißhandlung auf eine besonders perfide Art und Weise handelt. Die Kinder in diesem Millieu heißen in der Regel Joshua, Abraham, Elias, Sarah, Rachel und Rosine. Fast möchte man meinen, die Eltern hätten das Alte Testament mit dem kleinen Vornamensbuch verwechselt. Diese Kinder wachsen im allgemeinen, bis auf gelegentliche Verkloppaktionen gleichaltriger Dörfler, ohne jeden Kontakt zur Außenwelt auf und sind für eine handvoll Smarties bereit, zu jedem dahergelaufenen männlichen Erwachsenen »Papi« zu sagen.
Ist dann das Frühjahr gekommen, spannt der Friesenhemd-Ersatz-Jesus die sechs bis acht Kinder samt der vom Zustand der Dauerschwangerschaft ausgemergelten 27jährigen Ehefrau vor den Pflug, um den Möhrenacker zu bestellen. Das ist notwendig, weil der Einsatz eines umweltverpestenden Traktors vehement abgelehnt wird und ein Pferd keinen Platz mehr in der Wohnküche der ehemaligen Tagelöhnerkate hat. Von Zeit zu Zeit wird etwas familärer Sammelurin auf den Acker gekippt, um den Ertrag zu steigern. Ist dann das Feld gepflügt, bricht auch schon die Nacht herein und nach einem schönen Teller Buchweizengrütze machen sich die Kinder auf ins gemeinsame Bett.
Derweil strampelt der Vater wehenden Bartes auf einem Fahrrad, dessen Benutzung den Tatbestand der eigenverantwortlichen Selbstgefährdung locker erfüllt, dreißig Kilometer zur Hebamme, da bei der Mutter derweil die Wehen eingesetzt haben. Das Angebot, ihn mit dem Auto zu fahren, wird, da umweltschädigend, empört zurückgewiesen. Außerdem hat die Niederkommende so noch Zeit, schnell die Ziege zu melken und ein paar Leinenhandtücher zurecht zu legen. Spätestens jetzt ist es für den Besucher an der Zeit, einen Bund Möhren und einen handgeflochtenen Einkaufskorb zu kaufen und zu verschwinden, wenn er nicht Zeuge einer Hausgeburt unter den Bedingungen des frühen Mittelalters werden möchte.
Zuhause angekommen hat man dann ein richtig schlechtes Gewissen, die Möhren an das Meerschwein der Nachbarstochter zu verfüttern, weil man weiß, wieviel Blut, Schweiß und Tränen darin stecken. Dafür kauft man aber auch wieder völlig reinen Herzens Tomaten aus holländischen Gewächshäusern, weil man weiß, daß bei deren Produktion die Arbeiter wenigstens ein Mindestmaß an Nächstenliebe erfahren durften. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß man acht Tage später erfährt, daß der neue Erdenbürger Jesaja Krüger heißt und die glückliche Mutter schon wieder alleine laufen kann.
Petri Heil, auch noch!
