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Falko Hennig: Schlangenschicksal

Ich kann eigentlich darauf wetten. Etwa, wenn ich im Auto in einer Schlange stehe. Ich erinnere mich, damals vor dieser italienischen Fähre, die ganze Zeit war es einigermaßen vorwärts gegangen, nur noch zwei Autos vor uns, dann eins, und dann fingen die Zöllner an, den Wagen direkt vor uns zu durchsuchen. In der Schlange neben uns fuhren alle weiter vorbei. Aber wir standen da, sie begannen die Räder abzuschrauben, die Kotflügel, schließlich kamen sie sogar mit einem Schweißgerät an.

Was soll ich sagen, es dauerte Stunden. Wir bekamen dann erst die Fähre am nächsten Tag. Und auf der Rücktour war es nicht anders, bloß daß sie dann uns durchsuchten. Damals hatte ich mich auf gewisse Art schon halb damit abgefunden. Ich weiß nicht, ob es genetisch ist, vielleicht ist es was Unterbewußtes von mir selber, aber immer bei mir passiert was. Also immer in der Schlange, in der ich stehe, und zwar immer kurz, bevor ich dran bin. Bei normaler Wahrscheinlichkeit müßte bei zwei Schlangen so etwas in meiner Schlange genauso oft passieren wie in der anderen. Aber das ist nicht so.

Ich habe mal eine Liste gemacht, die Erlebnisse einiger Monate bei Kaisers. Ich schaue schon immer genau, wer da so in einer Schlange steht. Alte verwirrte Frauen, dicke rotgesichtige Männer mit Schürfwunden, unbedingt vermeiden! Wie diese Mütterchen dann beginnen zu kramen in ihren Täschchen, es gellt mir noch in den Ohren, das hundertfache über die Kaufhallenlautsprecher ausgerufene: »Storno!« Und die rotgesichtigen Männer sind auch nicht besser. Wie sie den Preis auf der Anzeige ansehen und darauf starren wie auf eine Schreckensnachricht aus dem All. Wie sie dann unentschlossen die Kassiererin anglotzen, dann wieder auf den Preis, wieder die Kassiererin, und wie sie dann ihre mattglänzenden rotgeäderten Augen kurz auf mich heften und auf den Mann hinter mir. Manchmal habe ich schon schreien wollen: Bitte, warum immer ich? Warum passiert das immer vor mir? Warum niemals an einer anderen Kasse? An einer anderen Schlange?

Aber ich bin ja schon gefaßt inzwischen. Ich bleibe ganz ruhig, Kismet, Fatum, Schicksal, Vorsehung, höhere Gewalt, was weiß ich. Ich habe mir, wie gesagt, mal diese Liste gemacht. Es waren wohlgemerkt immer Personen direkt vor mir, innerhalb von zweieinhalb Monaten: Drei ungültige EC-Karten, zwei Verwirrte, ein Mann und eine Frau, die äußerlich ganz normal aussahen und die einfach stehen blieben, keinen Ton sagten und nach einer halben Stunde von der Polizei abgeholt wurden, eine fein gekleidete mittelalte Dame, die begann, alle Flaschen auf den Boden zu werfen, eine nach der anderen, und sie hatte viele Flaschen. Dann war noch ein Punk, der einen 5000-Mark-Schein gewechselt haben wollte und einfach nicht wegging, als die Kassiererin ihm sagte, daß sie alle nicht soviel hätten, nicht mal alle Kassen zusammen.

Kleine Mädchen, die merken, daß sie ihr Geld vergessen haben, scheinen nicht so schlimm zu sein. Aber es ist doch schrecklich, wenn der Ruf »Storno!« erschallt, dann dauert es zirka zehn Minuten, bis der Kaufhallenleiter erscheint, dann wird die Kasse aufgemacht und irgendwas verändert, und ich stehe da und warte. Ich bin schon ziemlich abgeklärt. Sie fummeln an der Kasse, keine Ahnung, was sie da immer verstellen müssen. Es dauert Ewigkeiten, manchmal brauchen sie noch andere Kassiererinnen, manchmal muß der Kaufhallenleiter etwas mit seinem Funktelefon nachfragen.

Ein Mann auf Krücken war auch noch dabei, ich meine auf meiner Liste. Er roch nach Alkohol, und seine Beine, die in einem dreckigen Trainingsanzug steckten, endeten in unförmigen Wülsten, die wie mißlungene Leberwürste aussahen. Er schwitzte, als er nach dem Geld suchte, die Kassiererin machte ein geduldiges Gesicht, da fiel ihm ein Büchlein zu Boden, voller Zettel, die er hektisch aufsammelte. Dann suchte er weiter, hatte schließlich sein Portemonnaie. Seine zitternden Hände hielten es falschrum, Pfennigstücke, Groschen, Münzen aller Größen fielen zu Boden und rollten unter die Regale.

So könnte ich aufzählen bis ans Ende meiner Tage. Das waren gerade nur Beispiele aus einer zweieinhalb Monate lang geführten Liste. Aber eigentlich wollte ich erzählen, wie es heute zur Wahl war. Ich ging rein in diese Schule. Sie machen die Wahllokale ja meist in den Schulen. Jedenfalls finde ich mein Zimmer, eine Schlange steht da. Ich stelle mich an. Es geht halbwegs zügig voran.

»Haben Sie einen Ausweis bei?« höre ich die Dame den vor mir fragen.

»Nein«, sagt der und beginnt sich die Jacke auszuziehen, »aber gucken sie mal hier!« Er zieht sich sein T-Shirt auch noch aus. »Hier, diese Narbe!«

Die Frau bleibt ganz ruhig: »Es tut mir leid, aber eine Narbe reicht als Identifikation nicht aus.« Der Mann wird jetzt etwas aufgeregter, kramt in seiner Umhängetasche, und es ist skurril, wie er da steht mit freiem Oberkörper.

»Hier!« sagt er und zeigt eine schwarze Karte, dann erkenne ich, daß es ein Röntgenbild ist. »Das ist ein Röntgenbild von meinen Zähnen. Und hier!« Er reißt den Mund auf und zeigt irgendwas, was ich nicht erkennen kann. »Sehen Sie die Füllung. Das ist doch eindeutig. Da auf dem Röntgenbild steht mein Name. Zehdenicker 11. Das muß doch gehen, oder?«

Was soll ich Euch sagen? Ich bleibe ganz ruhig, Kismet, Fatum, Schicksal, Vorsehung, höhere Gewalt, was weiß ich. Ich kann es mir gar nicht mehr anders vorstellen. Der Tag, an dem die Schlange sich immer weiter bewegt und ich ganz normal meine Sachen bezahle, oder wählen gehe, oder sonstwas mache, an diesem Tag bin ich sicher tot.

Bis ans Ende meiner Tage, kein Zweifel. Da wird diese wichtige Operation sein, Routinesache eigentlich, Blinddarm oder so. Ich liege im Gang auf der Bahre mit diesem merkwürdigen Operationshemd an. Gleich sind sie fertig mit meinem Vorgänger im OP, da höre ich Geschrei. Blut spritzt, ich sehe es am Milchglas an der Tür zum Saal. Der Chirurg schreit: »Oh, mein Gott!« Eine Schwester stürzt aus dem Saal, kreidebleich. Dann, mein Gesicht ist spitz und weißlich gelb wie Wachs, ich liege im Krematorium, sie schieben die Leiche vor mir rein. Ich höre den Heizer fluchen: »Verdammt!« Ich fasse mich in Geduld, ich kann warten.

Copyright: Falko Hennig

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 25
Titelbild
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Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
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Kvara Bistroj: Der Ausländer
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Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXVII
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Mitteilung: Viktor Orloff - Unterstützungs- kommitee
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