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Andreas Rüttenauer: Die Siedler (von Dallgow-Döberitz)

»Ihr habt sehr schön gesungen, aber es verstößt gegen meine Prinzipien, euch dafür etwas zu geben.« Damit hatten die Kinder nicht gerechnet. An jeder Haustür hatten die Sternsinger etwas bekommen, außerdem wußten sie, daß sie nicht schön gesungen hatten, sie konnten überhaupt nicht singen. Die spinnt, dachten die Kinder, als sie die Frau sagen hörten: »Ich finde Musik sehr wichtig für Kinder, aber findet ihr nicht auch: Ihr Kinderlein kommet zu singen, bevor die Palästinenserfrage nicht geklärt ist, geht irgendwie ein Stück weit an der Sache vorbei.«

Sie versuchen es mit allen Mitteln, dachte die Frau, als sie die Haustür wieder zugezogen hatte. Aber die kriegen mich nicht, da können sie noch so süße Kinder zu mir schicken. Gut, sie waren vor drei Monaten in diese Reihenhaussiedlung gezogen, aber deshalb waren sie doch noch lange keine Spießer. Kreuzberg, ja, das war eine schöne Zeit, aber der Elektrosmog war einfach nicht mehr zu ertragen. Sie hatte ja eigentlich Verständnis, und vielleicht würde sie sich, wenn sie im Ausland leben würde, auch eine Satellitenschüssel auf die Balkonbrüstung schrauben, aber hier ging es einfach um die Gesundheit, und in Kreuzberg leben nun einmal viele Migrantinnen und MigrantInnen, aber deshalb ist man doch noch lange kein Spießer.

Außerdem war das gar keine normale Reihenhaussiedlung irgendwo im Umland. Sie hatten sich bewußt für diese Siedlung entschieden, weil es sich um eine Modellreihenhaussiedlung aus den 20er Jahren handelte, ein architektonisches Juwel. Auch wenn die Siedlung, das mußte sie zugeben, wie eine ganz gewöhnliche Reihenhaussiedlung aussah. Ja, die Leute waren schon etwas spießig hier, aber dafür gab es ja jetzt sie, als Gegenpol. Sie war ganz anders als all die anderen Frauen in der Siedlung. Die waren sicher alle verheiratet und hatten Kinder, und der Mann war der alleinige Ernährer der Familie. Schauderhaft. Immer, wenn sie an die Frauen in ihrer neuen Nachbarschaft denken mußte, bekam sie akneartigen Ausschlag im Gesicht, fast so wie früher bei zu hoher Elektrosmogbelastung. Man kann eine Beziehung doch auch anders leben, so wie sie, die seit 16 Jahren mit ihrem Lebensgefährten zusammenlebte. Man kann doch auch ohne Trauschein zueinandergehören, hatten sie sich vor 13 Jahren geschworen, als sie ihre Eltern zu ihrer Antiheiratsparty eingeladen hatten. Zur Erinnerung an ihren Schwur trugen sie bis heute einen goldenen Ring am kleinen Finger ihrer linken Hand. Den Ring an den Ringfinger der rechten Hand zu stecken, das war doch irgendwie reaktionär.

Sie hatten sich vorgenommen zu kämpfen, einen Gegenpol zu bilden, irgendwie, irgendetwas zu machen, sie hatten sich sogar schon überlegt, in der Siedlung einen Ortsverein der Grünen zu gründen. Sie begruben den Plan aber wieder, als sie erfuhren, daß es in der Siedlung bereits einen Ortsverein der Grünen gab. Sie überlegten sich etwas noch Radikaleres. Sie dachten an die Gründung einer Einkaufsgenossenschaft für Bioprodukte. Als sie erfuhren, daß es auch so etwas schon gab in ihrer Siedlung, fing sie an, die Spießer in ihrer Siedlung zu bewundern. Die konnten sich richtig gut tarnen. Die waren auch immer so freundlich zu ihr, so als würde sie dazugehören, als würde sie sich gar nicht unterscheiden von den anderen in der Siedlung.

»Kommen sie doch zu unserem Weihnachtsbasar in die Kirche«, wurde sie am nächsten Tag angesprochen, »wir sammeln für die Opfer der Wohlstandsgesellschaft in der Dritten Welt, unsere Sternsinger werden auch wieder mit von der Partie sein. Sie hatten natürlich recht, die Kinder haben uns das erzählt, Ihr Kinderlein kommet wird natürlich nicht gesungen, wir haben uns für Oh Tannenbaum entschieden. Auch ein heikles Thema, Waldsterben und so, wobei wir uns gar nicht einig waren, ob es das überhaupt noch gibt.« - »Habe ich jetzt Ausschlag bekommen«, fragte sie zurück.

»Nein, wieso?«

»Ich komme gerne«, sagte sie. Manchmal ist es schön, wenn man sich täuscht, dachte sie, hier gibt es ja doch keine Spießer.

Copyright: Andreas Rüttenauer

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 25
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Mitteilung: Viktor Orloff - Unterstützungs- kommitee
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