Jürgen Witte: Ist Geldgeilheit heilbar?
Klaus sagt: »Seit mich Sex nicht mehr so interessiert, kann ich auch treu sein!« Da ist ein junger Mann dabei, einen großen Schritt zu machen. Klaus beendet seine Pubertät. Gerade noch rechtzeitig, er geht schließlich langsam auf die Dreißig zu. Aber was kommt jetzt? Weniger ficken, dafür mehr Verantwortung übernehmen? Ein, zwei Bäumchen pflanzen?
Klaus sieht die Welt mit neuen Augen. Er hat einen festen Job. Irgendwas mit Computern. Und es macht ihm Spaß. An Algorithmen zu tüfteln ist ähnlich diffizil wie gekonntes Mädchen-Anbaggern. Ein ordentlich laufendes Programm ist wie ein gelungener Geschlechtsverkehr. Und Geld gibt’s auch noch dafür.
Klaus sagt: »Ich glaube, ich bin jetzt echt geldgeil geworden!« Ja, er könne sich richtig berauschen, an den derzeit stetig wachsenden Zahlen auf seinen Kontoauszügen. Manchmal nimmt er sie nachts mit ins Bett und blättert darin. »Ein gutes Gefühl«, meint Klaus. Wenn ein monatliches Gehalt plötzlich Gestalt annimmt, dann entstehen mitunter die unmöglichsten Gestalten.
Und ein neues Auto habe er sich bestellt, sein erstes fabrikneues Auto. Einen Golf mit viel Schnickschnack dabei.
»Einen Golf? Mein Gott, der Mensch hatte doch mal richtige Träume!« sagt einer in der Runde, und Klaus versucht sich damit herauszureden, daß beeindruckendere Auto-Träume, also ein 3er BMW zum Beispiel, schamlos lange Lieferfristen hätten. Und schließlich ist man nur einmal jung, und das sei bei ihm gerade jetzt.
Ja, der Einstieg in die Welt des Konsums ist schwer. So wie die erste Freundin damals nicht unbedingt die absolute Traumfrau war, so kann das erste Auto natürlich auch noch nicht die Erfüllung aller Wünsche sein. Aber noch ist das Auto nicht da, noch kann der Klaus ganz prima davon träumen.
Wer Geld verdient, der muß konsumieren. Und er will seinen Spaß dran haben. Wer kein Geld verdient, der soll im Schweiße seines Angesichts konsumieren. Hektische Winterschlußverkäufe, heruntergekommene, zerwühlte Schnäppchenmärkte, Aldi-Computer, für die man sich stundenlang am Morgen anstellen muß. Im Fox-Markt am Kottbusser Damm haben sie jetzt sogar eine Happy hour. Von drei bis vier kostet irgendwas im Sortiment nur noch die Hälfte. Was, das wird nicht verraten. Bleiben Sie doch solange da. Gehen Sie auf den Maybachufer-Markt, und kommen Sie danach nochmal wieder. Manchmal denkt man wirklich, die Reichen haben’s leichter.
Ich weise Klaus darauf hin, daß schon manch anderer sein Glück im Konsum gesucht hat und es da nicht finden konnte. Aber Klaus hört nicht. Er ist wieder Kind geworden. Wie mein Sohn: Er will haben! Haben, um zu sein. Ich sage: »Jeder scheinbar Glück verheißende Kaufwunsch wird, wenn man ihn sich erfüllt, nur der Auslöser weiterer Konsumsehnsüchte. Erst der GTI, dann der BMW, dann der größere BMW, dann der erste Benz oder Porsche, und dann, und dann… die Spirale ist endlos.«
Klaus hört nicht. Einige Jahre seines Lebens hat er damit verbracht, laufend seine Freundinnen zu wechseln, ab jetzt wird er seine Autos, seine Hobbys und die Urlaubsziele wechseln. Natürlich stellt man sich die durchschnittliche Masse Mann so vor, aber tatsächlich mal wieder einen von genau denen zu treffen?