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Horst Evers: Am Gemüsestand

»Mann, Herr Evers!« Herr Birüglü, mein Gemüsehändler, war richtig sauer. »Jetzt bist du schon das dritte Mal in einer Woche schlafend in meinen Tomatenstand gefallen! Langsam nervt’s! Kannst du mir das irgendwie erklären?« Ehrliche Wut blitzte aus seinen Augen. Es half nichts, ich mußte ihm die Geschichte, von der ich so gehofft hatte, daß sie nie jemand erfahren würde, erzählen.

»Alles begann an einem eigentlich ganz normalen Dienstagmorgen vor gut einer Woche. Nachdem ich erwacht war, brauchte es eine ganze Weile, bis ich mir sicher war, wo ich mich eigentlich befand. Mein kalter, feuchter Hintern, das rauschende Wasser, die schmerzenden Oberschenkel und die Kloschlüssel, auf der ich saß, machten mir klar, daß ich offensichtlich auf der Toilette eingeschlafen war. Mit der Hand an der Spülung. Damit erklärte sich auch mein Traum, in dem ich mehrere Stunden ununterbrochen bei laufender Spülung auf dem Klo saß. Mist, es werden auch immer nur die Träume wahr, von denen man’s nicht brauchen kann. Ein Blick auf die Uhr, es war elf, machte mir klar, daß mein Einschlafen schon eine Weile her gewesen sein mußte. Ein schweifender Blick durch das Badezimmer, unzählige Schminkutensilien, Tampons, eine große Flasche Shampoo und sogar ein Kamm, ließen mich erkennen, daß dies ganz sicher nicht mein Badezimmer war. Oh mein Gott! Kein guter Morgen.

Ich versuchte mich zu erinnern, zu rekonstruieren. Ich war gestern in der Keipe gewesen, hatte viel getrunken, da war diese Frau gewesen, die hatte noch mehr getrunken, sogar soviel, daß sie mich dann mit zu ihr genommen hatte. Ich war hier nochmal auf Klo gegangen, hatte abgeschlossen und war dann auf der Schüssel eingeschlafen. Alles in allem kam ich zu dem Schluß, daß es sich hier um eine definitiv peinliche Situation handelte. Mein Gefühl sagte mir, daß das hier sicher kein One-night-stand gewesen war, mit dem man vor seinen Männerfreunden prima angeben konnte. Genaugenommen war es ja auch mehr ein One-night-sleep, wenn nicht gar ein One-night-kack gewesen. Ich ließ endlich die Spülung los, putzte den Hintern, zog die Hose hoch, wusch mir die Hände und ging aus dem Bad. Kratzspuren an der Außenseite der Toilettentür und ein benutzter Plastikeimer ließen mich vermuten, daß mein Einschlafen auf dem Klo noch für ein echtes Problem gesorgt hatte. Die Frau schlief offensichtlich noch. Ich versuchte mir einzureden, daß man ja auch nicht immer gleich in der ersten Nacht, sofort gleich …, wußte aber aus langjähriger Erfahrung, daß es auch noch tausend andere Wege gab, keinen Sex zu haben, als sich im Klo einzuschließen. Ich überlegte, ob ich es ihr erklären sollte: »Tut mir leid, Durchfall oder so«, oder aber: »Weißt du, um eine Frau richtig kennenzulernen, verbringe ich immer erstmal eine Nacht in ihrem Badezimmer. Das schafft irgendwie eine ganz andere Art von Vertrautheit, weißt du …«, aber ein Zettel an der Klotür, »Laß uns einfach so tun, als wäre es nie passiert«, ließ mich vermuten, daß sie sowas gar nicht hören wollte. Vielleicht sollte ich es mal leidenschaftlich versuchen. Irgendwas mußte ich doch aus meinem jahrelangen Angucken amerikanischer Fernsehserien gelernt haben. Ich klopfte an ihre Schlafzimmertür und brüllte: »Hey, ich weiß, vieles ist nicht so gelaufen, wie wir es uns vorgestellt haben. Oh nein, das ist es echt nicht, Mann. Aber vielleicht waren wir einfach zu jung, zu unerfahren. Ich glaube, nach allem, was wir zusammen erlebt haben und auch nicht erlebt haben, verdienen wir einfach eine zweite Chance. Laß uns einfach sofort wieder in die Kneipe gehen, uns nochmal von vorne betrinken und ganz neu anfangen. Ja, ich denke, das sind wir uns schuldig!«

Sie brüllte nur: »Schreibtisch!«

Auf dem Schreibtisch lag ein weiterer Zettel: »Nein, Horst, wir werden uns nicht nochmal von vorne betrinken. Siehst Du den Fotoapparat neben dem Zettel? Mache damit bitte ein paar Fotos von Dir, mit denen ich meine Freundinnen vor Dir warnen kann!«

Oh, das klang nicht gut. Ich beschloß, uns ein leckeres Frühstück zu machen, um sie ein wenig zu versöhnen. Zumindest das war ich ihr schuldig.

Im Kühlschrank lagen nur einige Flaschen Bier und die Nummer vom Pizzaservice. Na toll, sollte das etwa ein Frauenkühlschrank sein? Das sah ja genauso aus wie bei mir. Gottseidank war ich im Bad und nicht im Kühlschrank eingeschlafen, sonst hätte ich ja nie gemerkt, daß ich nicht zuhause war. Naja, wenigstens war dann das Frühstückmachen nicht so schwer. Ich bestellte den Pizzaservice, machte, als er endlich kam, ein paar Fotos vom Pizzaserviceboten und verließ die Wohnung.

Alles war nochmal gutgegangen, wenn ich nur nicht die ganze Nacht so prima bei der laufenden Spülung geschlafen hätte. Seitdem macht mich das Geräusch von rauschendem Wasser einfach extrem schläfrig. Und da es in letzter Zeit ständig regnet und Sie, Herr Birüglü, diese blöde Regenrinne vor ihrem Laden haben, falle ich ständig in Ihre Tomaten.«

»Verstehe«, sagte Herr Birüglü mitfühlend, denn er hatte noch nie eine so traurige Geschichte gehört.

Zeichnung von Ilia Kitup

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 25
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
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Kvara Bistroj: Der Ausländer
Werswer
Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXVII
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Impressum
Mitteilung: Viktor Orloff - Unterstützungs- kommitee
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