Gabi Schlaug: Lesen in Neukölln
Früher, als die Bibliothek Neukölln noch an der Karl-Marx-Straße lag, war es nicht nötig, sich die Haare zu waschen oder die Sabberflecken vom T-Shirt zu bürsten, wollte man sich schnell ein lehrreiches Buch ausleihen gehen. Im Gegenteil, man wäre eher aufgefallen, hätte man sich lange mit solchen unnützen Eitelkeiten aufgehalten. Man konnte sich einfach durch die dunklen Seitenstraßen entlang der Flughafenstraße ungesehen hin schleichen, unbemerkt aufhalten, unauffällig ein Buch entleihen und sich wieder die Anhöhe Richtung Hermannstraße hoch schleppen. Das war gemütlich, damals.
Heute, da die Bibliothek übergangsweise an der Hasenheide untergebracht ist, ist es ganz anders. Es scheint, als hätte sie, zumindest rein formal durch ihre Lage, Anschluß an die Welt bekommen, und ich habe keine Lust mehr, mit fettigen Haaren hinzugehen, obwohl es alle anderen immer noch machen.
Die Neuköllner Leser! Sie wurden untersucht. Es kam dabei heraus, daß jeder Neuköllner einmal im Jahr in die Bücherei kommt. Da das so wenig erscheint, haben die Angestellen dort einen beispiellosen Vergleich ausgearbeitet: Es werden jährlich so viele Bücher ausgeliehen, daß sie aneinandergereiht die Strecke Neukölln-Hamburg ergeben. Wem dieses Bild den imponierenden Wissensdurst der Bürger nicht anschaulich genug wiedergibt, der kann sich auch vorstellen, daß die entliehenen Medien das Gewicht von 83 ausgewachsenen Elefanten haben. So stand es in der Zeitung, und dieser Artikel war in mancherlei Hinsicht erhellend.
Nun weiß ich immerhin, womit sich die Angestellten dort ihre ganze Arbeitszeit vertreiben, derer massenhaft ungenutzt zu verstreichen scheint, handelt es sich doch bei dieser Einrichtung um das reinste Beschäftigungswunder. Auf engstem Raum tummeln sich fünf, sechs, sieben, manchmal auch acht Angestellte, die alle unglaublich beflissen und diensteifrig herumstehen und ab und zu in ihren Lochkartenbeständen stöbern, beim Stromern hinter dem Leihtresen ständig sinnlos auf Hüfthöhe kollidieren, so daß ihr Arbeitsplatz von weitem den Eindruck einer Autoscooterfläche erweckt. Aber was sie wirklich machen, das blieb bisher ein Rätsel. Daß es sich um Kopfrechnen handelt, ist plausibel, da muß man aber erst mal drauf kommen!
Sie sind nett dort, die meisten jedenfalls. Einmal sollte ich Strafe zahlen. Der Angestelle sagte: »So, das macht drei Mark!« Ich sagte: »Jaja«, gab ihm aber nichts. Da zog er sich wortlos zurück, um nach ein paar Rechenaufgaben mit den Kollegen über die Verluste zu scherzen. Lobenswert! Wo es so wenige Leser gibt, hat man Respekt vor deren Entscheidungen.