Bov Bjerg: »IS’ ROT.«
Wer seine sieben bis acht Sinne halbwegs beisammen hat, betrachtet die Signale von Fußgängerampeln als gutgemeinte Vorschläge. Klar, daß die Berliner Polizei das anders sieht.
Beseelt von der reinen, unschuldigen Freude an der eigenen Lautstärke krakeelt Senatens knorke Truppe absurde Anweisungen aus den Lautsprechern ihrer grün-weißen Kübel: »Weiterfaaahrn!« Oder: »Absteing!« Oder: »Fahrrad schieben!« Oder: »Ampel is’ ro-hooot!« Na sowas. Tatsächlich, die Ampel ist rot! Mensch, da wär ich ja fast falsch über die Straße gegangen! Puh … - Das ging grade noch mal gut. Der Volkspolizist, der es gut mit uns meint, er warnt alle Kinder, er ist unser Freund. In der ganzen Stadt hört man sein blechernes Blöken. Ja, das ist der Staat, unser Vater, die Autorität und die Sicherheit. Man verkehrt nicht gern mit ihm, er ist streng, er ist wohl gar rauh, aber Verlaß, Verlaß ist auf ihn.
Wenn Papa grad nicht da ist, schlägt die Stunde von Mama Staat alias Else Kling. Else Kling ist überall. Sie steht an jedem zweiten Zebrastreifen, ob Kudamm oder Leipziger, ob Pankow oder Tempelhof. Neben dem Ampelmast kauert sie auf der andern Seite der Fahrbahn. Und harrt. Keiner hat sie je die Straße überqueren sehen, reglos steht sie da, unauffällig, nur vom sehr geschulten Auge zu bemerken. Der Laie, der sich ihr arglos nähert, sieht allenfalls so etwas wie einen zweiten Ampelmast, eine Art Ersatzampelmast vielleicht, weiß der Geier, was die da oben sich schon wieder haben einfallen lassen, Ersatzampelmasten, möchte mal wissen, wozu man sowas braucht, eine Verschwendung ist das, aber typisch - perfekte Mimikry jedenfalls, bis …
Bis der Ersatzampelmast aus leuchtendroter Omme spricht: »Is’ rot.« Spricht, jawohl, nicht ruft, denn Else Kling, die letzte Orthodoxe in dieser von Heiden bevölkerten Stadt, hat es längst aufgegeben, sich laut zu ihrem Glauben an die rote Ampel zu bekennen, um auf diese Weise vielleicht doch noch die eine oder andere Seele zu retten. An der roten Ampel stehen zu bleiben, das ist ihr Gottesdienst, und das gemurmelte »Is’ rot« ist heute nur noch ein Gebet, eine höchst private Zwiesprache zwischen Else und ihrer Ampel.
Früher führte Else Kling noch richtige Kreuzzüge, und ihr Gekrächz ließ die Ampelagnostiker scharenweise erbleichen. Links und rechts neben ihr nickte es beifällig, so daß Else nachlegen konnte: »Unmöglich!« Oder: »Zu meiner Zeit …«, bzw.: »Unter Adolf …« Oder: »Wo kämen wir denn hin, wenn das jeder machen würde?« Gute Frage. Wo kämen wir dann eigentlich hin? Vermutlich genau dahin, wo wir auch hin kämen, wenn wir stehen bleiben würden. Nur ein bißchen schneller.
Wenn Else heute zu laut mosert, nickt niemand mehr. Statt dessen muß sie in den Westbezirken, wo schon länger gern bei Rot gegangen wird, immer damit rechnen, daß der Delinquent ihr zuraunt: »Wenn’s dir hier nicht paßt, dann geh doch in den Osten!« - Säure in den Ohren der Frontstadtberlinerin.
Und was entgegnet man im Osten einer Else Kling? »Dafür sind wir ’89 nicht auf die Straße gegangen!« Da ist Else aber baff - zum Glück, denn so überhört sie den schwäbischen Akzent.