Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXVII
Seit dem Herbst 1989, fast 10 Jahre lang, hat Victor Orloff, ehemaliger Agent der Staatsicherheit, jetzt Privatdetektiv in eigenem Auftrag, die Pflanze gesucht, die AIDS besiegt. Jetzt hat er andere Sorgen. Nach der Zerstörung eines riesigen Forschungslabors, lebt Orloff ganz allein mit der sagenumwobenen Ursula auf der indonesisches Insel Obi, wo der alte Kämpe nach zähem Ringen den Verführungskünsten der lockenden Nixe erliegt. Dabei verliert Orloff sein Lieblingskörperteil. Jetzt kann er tatsächlich nur noch mit dem Kopf denken - wird das ihn retten?
Folge XXVII: Bittere Wahrheiten
von Eduardo Casaniente ins Deutsche übertragen von Hinark Husen
Entsetzt preßte ich meine Hände auf die blutende Wunde. Ursula lachte höhnisch auf.
»Warum um alles in der Welt hast du das getan!« schrie ich sie an, aber was half dieses Schreien noch. Es ging zu Ende mit mir, das war so klar wie ein letztes Oh Baby am Ende einer Soul-Schnulze. Warum keine Kugel, warum nicht Lungenkrebs oder die Leber im Arsch; alles wäre gerechter gewesen als das, was sich in diesen Minuten abspielte. Ich hatte nun weiß Gott die unterschiedlichsten Kerle auf jämmerlichste Art und Weise krepieren sehen und mir dabei geschworen, daß ich, wenn es einmal für mich soweit sein sollte, auf gar keinen Fall vor den Augen irgendwelcher Weiber winseln oder auf den Knien kriechen würde. Und jetzt, jetzt war ich dieser Megäre mit Mutterkomplex ausgeliefert, die sich daran ergötzte, wie ich langsam den Löffel abgab. Wo, zum Henker, war bloß meine 38er geblieben. Ein gezielter Schuß zwischen ihre perfekt gezupften Augenbrauen wäre das einzige, was mich in meinen letzten Minuten noch hätte aufheitern können.
»Weißt du noch«, begann sie zu säuseln, »wie du einmal behauptet hast, daß, falls du ins Gras beißen müßtest, dann nur durch die Hand einer Frau wie Silvie Latex?«
Was war das jetzt wieder für eine perfide Masche? Woher kannte Ursula Silvie? War sie es am Ende etwa selber? Wie viel Silikon war dazu unter ihrer Haut verarbeitet worden?
»Nein, nein, die Silvie, die ist längst aus dem Geschäft«, sagte Ursula und mein Kopf wurde blutleer. Ich dachte nur noch: Weg von diesem Monstrum. Sollte sie mir einen Stein über den Schädel brezeln, mich mit unserem Angelspeer durchbohren, mit dem wir gestern noch einen fetten Barrakuda erwischen konnten, der sich zu seinem Unglück ins Flachwasser verirrt hatte und uns somit ein fulminantes Abendessen bescherte. Bilder aus glücklicheren Zeiten. Zeiten des Verlangens und fast kindlicher Unschuld. Dann diese fatale Erektion. War ich eigentlich gekommen, als sie zugebissen hatte? Ein letzter Erguß, wie man es von Gehenkten immer berichtet?
Ich weiß nicht mehr wie lange ich, auf allen Vieren, wie eine Meeresschildkröte, vom Strand in den dichten Urwald gekrochen war. Sie hatte mir den Kopf nicht zertrümmert und sie hatte mich auch nicht aufgespießt. Anscheinend genoß sie den Anblick meines Elends und fand es aufgeilend, mich langsam und jämmerlich verbluten zu lassen. Irgendwo, verheddert in dichtem Gestrüpp, verlor ich die Besinnung.
Als ich wieder zu mir kam, waren da als erstes wieder die Schmerzen, dies stechende Pulsieren eines langhubigen Viertakters im Leerlauf. Ich tastete nach den kümmerlichen Resten meines Schwanzes, die aber waren mit irgendeinem Blätterverband umwickelt.
Ursula mußte schizophren sein. Wollte sie mich jetzt ein paar Tage lang aufpäppeln, um mir dann bei nächster Gelegenheit die Eier abzureißen? Das erste Mal im Leben dachte ich ernsthaft an Selbstmord. Als Invalide in den Klauen einer blutrünstigen Sadistin, das wäre selbst für einen Victor Orloff zuviel. Dann hörte ich ein Rascheln. Die Rachegöttin im Anmarsch?
»Komm mir nicht zu nahe, du elende Schlange. Ich habe meine 38er wiedergefunden!«
»Um Himmelswillen, schreien Sie doch nicht so herum, Orloff«, hörte ich eine männliche Stimme flüstern und aus dem Dickicht trat ein dicklicher Herr mit weißem Bart und Brille. Ich erkannte ihn sofort. Es war Dr. Petty, der durchgeknallte Virologe, dessen Labor wir vor einiger Zeit in die Luft gesprengt hatten. Waren denn außer mir nur noch Psychopathen auf dieser Welt?
»Petty! Sie Schwein! Was haben Sie mir da um meinen Schwanz gewickelt?«
»Sie meinen um das bißchen, was davon übrig geblieben ist, Victor? Sie sollten sich nicht so aufregen, Ihr Blutverlust war immens, andere wären schon längst tot. Und, bevor Sie danach fragen, ich kann Ihnen auch keine Auskünfte betreffs Ihrer Überlebenschancen geben, die sehen nach wie vor sehr schlecht aus!«
»Scheiße, halten Sie mir bloß keine wissenschaftlichen Vorträge, dazu bin ich nicht in der Stimmung, wie haben Sie überhaupt die Explosion überleben können?«
Er erzählte mir eine hanebüchene Geschichte.
»Hören Sie, Orloff, ich bin gezwungen worden, diese perversen Virus-Forschungen zu betreiben. Brent, den Sie glücklicherweise ins Jenseits befördert haben, war der wirkliche Kopf. Mich hat man aus New York hierhin verschleppt. Ich mußte für ihn arbeiten, ob ich wollte oder nicht. Als Sie Brent erledigt hatten, konnte ich fliehen, ich saß schon in einem Boot, als ich die Explosion sah. Ich bin zurückgekommen, um nach Überlebenden Ausschau zu halten.«
»Aber warum sind Sie dann nicht zu uns gekommen. Dieses Monstrum namens Ursula und ich: Wir waren tagelang hier, Sie hätten sich zeigen können, verdammt nochmal!«
»Das ist es ja gerade, sie waren immer zusammen. Ich traue diesem Weibsstück nicht über den Weg!«
»Hat sie Ihnen auch was abgebissen?«
»Nein, nein, aber sie ist eine Wahnsinnige mit einem genialischen Verstand und einer nicht zu unterschätzenden, kriminellen Energie. Sie war schon Wochen vor ihnen auf der Insel aufgetaucht, sie hatte sich in der Stationsküche anstellen lassen und faselte immer etwas vom nahenden Ende und von ihren ominösen Auftraggebern: Einem Autorenkollektiv aus Berlin, das beträchtliche Summen dafür ausgeben würde, Privatdetektive und Virologen zu ermorden! Zwei meiner Kollegen hatte sie schon vor ihrer Ankunft auf dem Gewissen: Prof. Schäfer und Dr. Hussen, wirkliche Kapazitäten auf ihrem Gebiet.«
Petty begann zu schluchzen: »Es gibt kein Entrinnen vor dieser Medusa!« »Wir haben keine Zeit für Sentimentalitäten, Mann!« Es war nun an mir, die Dinge wieder ein wenig ins Lot zu bringen, wenn für uns beide noch Hoffnung bestehen sollte.
»Wir müssen uns zu Ihrem Boot durchschlagen, das ist unsere einzige Chance. Los, helfen Sie mir auf!« Der alte Kerl gab sich redlich Mühe, uns beide durch die Büsche zu schlagen, als plötzlich hinter uns ein mir wohlbekanntes höhnisches Gelächter ausbrach.
Gebannt starrte der schlanke, nickelbebrillte Mittdreißiger auf das mit Ethylakohol gefüllte Marmeladenglas, in dem etwas Erdbeerähnliches herumschwamm. »Nun gut, meine liebe Ursula, das ist in der Tat eine sehr abenteuerliche Geschichte, ich hätte allerdings einen etwas handfesteren Beweis bevorzugt! Wer sagt mir, ob das da«, er deutete leicht angewidert in Richtung seiner Schreibtischplatte, »wirklich von Orloff ist?«
»Noch nie was von Genanalyse gehört?« kam es lakonisch zurück.
»Ok, entschuldigen Sie mein erneutes Aber: ein Beweis für seinen Tod ist das noch lange nicht! Orloff war schon immer ein zäher Bursche.« Ursula rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum und wurde deutlich mißmutiger.
Der Mann mit der Glatze stellte sein Teetässchen ab und mischte sich in das Gespräch: »Seien Sie doch so gut und erzählen uns, warum sie ihn auf diese, doch zugegebenermaßen skurile Art und Weise umgebracht haben.«
»Ihr scheinheiligen Arschlöcher«, entfuhr es jetzt der aufgebrachten Blondine. »Ihr wolltet es doch so, das war doch genau nach eurem perversen Geschmack!«
»Warum haben Sie ihn dann noch davon kriechen lassen?« meldete sich der dritte Typ auf dem abgeschabten Sofa zu Wort und nestelte dabei an seiner Woolworthbrille.
»Warum ich das getan habe?« schrie Ursula auf, »weil ich ihn geliebt habe. Ich wollte ihm eine Chance geben. Er war ein Mann mit Visionen. Genau wie Petty, Schäfer und Hussen, die Sie auch auf dem Gewissen haben. Männer, die noch Ideen entwickeln und sich begeistern können. Aber ihr kleinkarierten Schreibtischtäter, ihr habt ja keine Ahnung, wie es in der Welt zugeht. Ich war auf Borneo und in Somalia, ich kann unterscheiden zwischen Korinthenkackern und wirklichen Kerlen.«
Der schlaksige Mittdreißiger blieb gelassen: »Bleiben wir doch sachlich, meine Liebe. Sie haben also den Angelspeer genommen und die beiden Flüchtenden von hinten erstochen, das war doch Ihre Aussage, nicht wahr?«
»Fliegen Sie nach Obi und schauen Sie sich die Leichen an, oder das, was die Würmer davon übriggelassen haben!« Ursula beruhigte sich langsam wieder, »und jetzt will ich das restliche Geld.«
Als Ursula aus dem Haus ging, wußte sie genau, daß sich nicht die geforderte Summe in dem Umschlag befand. Sie hatte sich nicht mal die Mühe gemacht hineinzuschauen. Sie mußte einfach raus, aus diesem muffigen Kontor, weg von diesen biederen Ärmelschonerprokuristen. Saubere Herren, kulturbeflissene, ordentliche Existenzen, die immer Mittel und Wege fanden, andere die Drecksarbeit erledigen zu lassen.
Nur zu genau wußte sie allerdings, was sie getan hatte. Es gab einen Mythos weniger auf dieser Welt. Aber, und bei diesem Gedanken strich sie sich genüßlich über ihren merklich dicker gewordenen Bauch, wo ein Ende ist, da ist auch immer ein neuer Anfang.
ENDE
Samstag, 4.9.1999 ab 20 Uhr: Große Victor Orloff Soli-Party mit Thüringer Rostbratwurst. Das Hype-Hof-Hyper-Fest in der Trinkgaststätte Freudenhaus, Lottumstr.9, 10119 Berlin.
Wichtig immer noch
Ansonsten muss ich noch auf die Eclipse-Mailingliste http://www.carpe.com/eclipse/ hinweisen, sonst ist der Diktator verstört ;-)
Ein literarischer Bilderbogen zur Sonnenfinsternis
Ich bitte um freundliche Beachtung.