Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Völkerverständigung
(Andreas Scheffler) »Ich mag Deutsche. Ville Ausländer nicht mögen Deutsche, aber ich mag!« Der dunkehäutige Mann neben mir am Tresen versucht, sich bei mir einzuschleimen. »Ich nicht«, erwidere ich. »Oh, Deutsche gut; vill fleißig, vill Arbeit.«
»Eben«, sage ich, trinke mein Bier aus und gehe.
Quengeln
(Hinark Husen) Vom Wedding aus nach Gatow rauszufahren, hat ja extrem was von Urlaub machen, oder sagen wir zumindest mal einen Tagesausflug zu unternehmen. Als Kind hat man dann immer gequengelt: »Ist es noch weit?« oder »Sind wir bald da!«.Diese Rolle übernehme ich gerne, weil sie je nach Geschlecht meiner mitreisenden Bekannten väter- oder mütterliche Gefühle weckt, und da die meisten keine Blagen haben, wissen sie nun, was sie eigentlich verpassen. »Is es noch weit?« - »Hinark, du nervst!« Worauf ich erwidere, wenn ich wirklich nerven wollte, hätte ich schon am Leopoldplatz damit angefangen und nicht erst am Bahnhof Zoo.
Das ABM-Gefühl für zuhause
»Gestern, nee, gestern hatte ich keine Zeit!«
»Was hast du denn gemacht?«
»Meinen Kühlschrank abgetaut.«
»Nervig?«
»Nöö, aber das dauert eben seine Zeit. Du sitzt da vor dem offenen Kasten und kuckst zu, wie das Eis schmilzt, puhlst ab und an einen gelockerten Brocken ab, damit es schneller geht, aber drei, vier Stunden dauert das dann doch.«
»Ein eher ruhiger Job?«
»Klar, aber einer muß es ja machen.«
(Jürgen Witte)
Friede
(Gabi Schlaug) Am Alexanderplatz kommt eine Frau auf mich zu. Sie fragt, ob sie mal eine Frage stellen dürfe.
»Aber sicher«, sage ich, »nur zu.«
Da zieht sie hinterrücks ein Mikrofon aus ihrer Jackentasche, hält es vor mich hin, schaltet ihr gut getarntes, umhängendes Tonbandgerät ein und fragt: »Was hast du zuletzt für den Frieden gemacht?«
So was gemeines! Ich denke nach und denke nach, mir fällt nichts ein, also antworte ich wahrheitsgetreu: »Nichts.«
Sie ist offensichtlich schockiert und gibt mir noch eine Chance, zu beweisen, daß ich gut bin: »Wirklich nicht?«
»Nein, gar nichts.«
Dann rückt sie raus mit der Sprache: Ein paar Jugendliche wären gerade dabei, die Welt auf Rollerskates zu umrunden und das täten sie für den Frieden. Und ob mir jetzt vielleicht was einfiele?
Werbung I
(Jürgen Witte) Ein kleines, nettes Produkt, daß die Werbeblöcke im Fernsehen automatisch wegzappen kann, wird von den Medienkonzernen seit Monaten mit Einstweiligen Verfügungen und Prozessen bekämpft. Jetzt kann mans doch kaufen. Heißt aber Fernsehfee. Wer kauft schon freiwillig ein Gerät, das Fernsehfee heißt.
Werbung II
(Jürgen Witte) Daß das Wegkonsumieren von Werbung richtig harte Arbeit ist, für die man auch eine ordentliche Bezahlung verlangen sollte, zeigen die Abrechnungsmethoden eines Gratis-Net-PC-Vertreibers. Für jede Werbung, die man bei seinem Angebot im Net anklickt, kriegt man fünf Pfennig gutgeschrieben, für jeden ausgefüllten Marktforschungsfragebogen gibts noch etwas mehr. Und massig weitere Werbung im E-mail Briefkasten. Leider ist die Bezahlung noch so miserabel, daß kein Mensch sich mit Werbung kucken allein sein Leben finanzieren kann. Die Entlohung für diesen nagelneuen Job als Berufskonsument liegt noch immer weit unter dem Sozialhilfesatz.
Peinlichkeit
(Andreas Scheffler) Eine alte Freundin von mir aus Abiturzeiten, bei der ich mich nach Jahren mal wieder melden will. Der Weißt-Du-noch-damals-und wir-müssen-uns-mal-wieder-treffen-Brief kommt zurück mit dem Vermerk unbekannt verzogen. Ich könnte ihre Eltern anrufen. Die Telefonnummer hab ich. Aber ich rufe nicht an. Was wenn sie sagen müßten: »Die Marion hat sich letzten Monat um´s Leben gebracht.«?
Was keiner ahnt
(Ahne) Subi und Klubi sind zwei lustige Nuktoniten, Sie leben auf dem Planeten Erde, aber keiner weiß es. Denn Subi und Klubi sind fast unsichtbar. Das heißt, niemand kann sie sehen, außer manchmal. Aber meistens eben nicht, und wenn doch mal, dann können Subi und Klubi so lustig lachen, daß man alles, was man gesehen hat, gleich wieder vergißt. Subi und Klubi machen immer das, was man als Nuktonit so macht, nämlich eigentlich nichts Besonderes. Eigentlich gar nichts Besonderes. Aber das finden Subi und Klubi meistens dermaßen komisch, daß sie einfach wieder darüber lachen müssen. Ein paar lustige Gesellen sind diese beiden Nuktoniten. Und ich finde, wir sollten ihnen ihren Spaß lassen.
Als Literaturlehrer I
(Andreas Scheffler) »Jetzt erklären Sie mir doch mal, warum Sie da mitten im Satz einen Absatz gemacht haben? Was soll das für ein Stilmittel sein? Ach, das Gegenteil von Enjambement. Und wie heißt das? Wissen Sie nicht? Dann gibt´s das auch nicht!«
Als Literaturlehrer II
(Andreas Scheffler) »Frau Mattigka, das ist ja alles sehr schön, was Sie da gerade vorgelesen haben. Aber kein Schwein interessiert sich für Ihre langweilige Kindheit. Sie sind ja noch nicht mal verhauen worden. Lesen Sie mal Alice Miller. Dann finden Sie für sich bestimmt eine ganz tolle Neurose.«
Meinungsfindungsprozesse
(Jürgen Witte) Mein Sohn bekommt seine erste, richtig benotete Mathearbeit zurück. War nicht so gut. Eine der Aufgaben: 8 x 8 x 0 = 0. Ist rot angestrichen. Ich finde trotzdem, daß 8 x 8 x 0 gleich Null ist! Birgit schwankt. Ich muß gehörig männliche Autorität aufbieten, dann ist auch sie überzeugt. Am Nachmittag beim Fußballtraining ist die Aufgabe der Gesprächstoff unter den Müttern. Die Meinungen sind geteilt. Sehr unsicher kommt Birgit wieder nach Hause. Ich bleibe dabei: »8 x 8 x 0 = 0!« Und ich kann Birgit auch nochmal überzeugen. Abends ruft Birgit die Leherin an. Nach fünf Minuten ist auch die schließlich überzeugt. »Ach«, platzt es da aus ihr heraus, »aber das ist ja noch viel zu schwer für die Kinder, so eine Aufgabe, die hätte ich noch gar nicht stellen dürfen!«
Möbel-Zen
(Bov Bjerg) Blick aus dem Zugfenster: Bei Uhldingen das leuchtende Schild auf dem Dach der Firma »Möbel-Zentrale«. MÖBEL-ZEN steht da. Der Rest der Buchstaben leuchtet nicht. Ist kaputt. MÖBEL-ZEN. Sehr nah am Feng-Shui.
Biolek I
(Falko Hennig) Der Dalai Lama bei Biolek. Ob ich da auch mal hinkomme? Ein Wettlauf mit dem Tod, Biolek ist ja kein junger Spund mehr. Dalai Lama, wie immer sehr nett, hat eine Rolex ums Handgelenk, repariert gerne Wecker, mag die vielen deutschen Brotsorten. Die wären so ähnlich, wie seine Mutter sie gemacht hat. Wenn er jetzt noch sagen würde, daß er gerne Bier trinkt und Auto fährt, wird er bei der nächsten Wahl deutscher Bundeskanzler.
Biolek II
(Falko Hennig) Bei Biolek der Familienclan der Hagens, also das ältere Semester Eva-Maria, die schrille Nina und Cosima-Shiva, deren Titten man seinerzeit im Laden besichtigen konnte. Als dann Nina von den drei verschiedenen Aspekten Vishnus erzählt, guckt Biolek sie grinsend an: »Sie kennen sich aber gut aus!« Das hatte er sich beim Dalai Lama nicht getraut.

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07