Jürgen Witte: Wie ich einmal total zynisch drauf war und einfach nicht mehr damit Aufhören konnte
Wir redeten tatsächlich über Politik. Das hatte es schon lange nicht mehr gegeben. Aber einer hatte was über Öcalan gesagt, und dann, es war eine längere Pause, da sagte sie: »Ja, weißt du, aber die Kurden, die können einem aber auch leid tun! So ein altes Kulturvolk, und immer nur unterdrückt worden!«
So kannte ich sie. Unterdrückte oder gar aussterbende Völker hatten es ihr angetan. Menschen ohne ein eigenes Land, Völker ohne eigens Zimmer im Weltgebäude. Indianer, die sich vor Langeweile in den Resevaten zu Tode soffen, rührten sie an. Für ganz normale berliner Säufer konnte sie dagegen kaum mehr Mitleid aufbringen. So eine Beziehung hatte sie schon hinter sich. Und dieser Rettungsversuch war gründlich danebengegangen.
Aber was war schon die Verzweiflung eines Einzelnen, gegen die Verzweiflung ganzer Völker. Ginge es nach ihr, müßte jedes Kind in Irland ab morgen gälisch sprechen und auch Australien sollte man ihrer Meinung nach wieder gänzlich den Aborigines überlassen. Alles Übel der Welt enstand, so dachte sie, durch die massenhafte Invasion fremder, kriegerisch oder wirtschaftlich überlegener Zivilisationen. Wäre nur jeder mit dem zufrieden, was er hat, und bliebe dort, wo er wohnt, dann wäre die Welt endlich wieder so, wie sie eigentlich sein sollte, und das wäre schön so. Und ökologisch wäre es auch.
Daß sie dann sicherlich nicht in Berlin studieren würde, sondern wahrscheinlich auf einem südhessischen Bauernhof im Frühjahr, wenn der Schnee wieder taut, die Steine vom Feld läse, damit wäre sie auch einverstanden, sagt sie nach einigem Zögern. Wer der ganzen Welt Genügsamkeit und einfaches Leben verordnen will, der darf sich selbst davon nicht ausnehmen. Und sie wäre sicher glücklicher dabei, sagte sie noch.
»Deine andauernden Reisen, ich erinnere nur an Südamerika, Jamaika und Indien, das zerstört doch auch das fragile kulturelle Gleichgewicht dieser Kulturen, die du so gerne im Urzustand belassen würdest!«
Urlaub sei doch etwas ganz anderes, beharrt sie, und von Kulturen kaputtmachen könne bei ihren Rucksack-Reisen ja wohl kaum die Rede sein. Außerdem, wo man auch hinkäme, überall sei doch die Welt schon mit japanischen Kasettengeräten, deutschem oder holländischem Bier und amerikanischer Coca-Cola infiziert.
»Und hier sitzt der Kurde auf billigen Woolworth-Webteppichen vor seinem Goldstarfernseher!«
»Ja, schon, aber hier kann man eben nicht so leben wie in Kurdistan!«
»Wenn der Kurde sein eigenes Land hätte. Diese kargen Berge und Täler zwischen der Türkei, dem Iran und Irak, meinst du denn, da würden welche aus Berlin wegziehen und da hingehen? Ziegen hüten? Unterernährte Rinder schlachten? Für einen Kurden in Berlin würde sich doch mit einem befreiten Kurdistan gar nichts ändern, außer daß der Otto Schily ihn dann nach jedem kleinen Ladendiebstahl sofort dorthin ausweisen könnte; mangels türkischer Verfolgung!«
Sie war verunsichert. Meinte, das wäre zynisch, was ich da sage. So als unterdrücktes heimatloses Volk, da verliere der Mensch doch seinen ganzen Stolz!
»Das funktioniert wohl eher andersrum. Wer meint, daß er nix hat, der hat dann immer noch seinen Stolz. Wer ist denn hier in Deutschland am stolzesten? Doch wohl genau die Dummdeutschen, die auch immer meinen, die ganze Welt habe sich gegen uns verschworen. Und daß uns viel mehr zusteht, als wir von Weltkuchen abbekommen haben.«
»Ja aber die kurdische Kultur, die Sprache und die Kunst!«
»Was ist denn übrig, von deiner bäuerlichen Kultur Südhessens von vor, sagen wir mal, fünfhundert bis tausend Jahren? Ein Heimatmuseum mit diversen Holzlöffeln und nachgebauten Butterfässern. Ein paar Trachten, und ein langhaariger Lautenspieler in Pumphosen, der mittelalterlich angehauchte Lieder in nachempfundenem Dialekt singt. Dazu ein Häuflein junger Frauen, die jedes Wochenende über einen anderen Landstrich herfallen, Seminare abhalten, in langen Röcken über die Wiesen und Felder streichen und alte Kräuterrezepte neu erfinden wollen. Verkitscht aufgemöbelte Fachwerkhäuser und einige Kirchen, aber da geht auch kaum einer mehr hin.«
»Ja, bei uns sind diese alten Kulturgüter verloren gegangen, aber bei den Kurden, da lebt diese Kultur noch. Die singen noch immer ihre Lieder! An Newrotz, dem kurdischen Neujahrsfest, da kannst du in Kreuzberg ... «
»Darf ich mal lästern?« fragte ich. Sie nickte schicksalsergeben. Aber jetzt hätte mich ohnehin keiner mehr bremsen können. »Das kurdische Neujahrsfest in Kreuzberg, was unterscheidet das eigentlich vom Schlesierteffen in der Dortmunder Westfalenhalle? Beides sind doch politische Rituale. Rund- und Reihentänze in Trachten, Kultur inszenieren, um ein Recht auf Land zu begründen!«
»Ja, bist du denn für die türkische Regierung?«
»Das bin ich natürlich nicht. Aber bisher besteht das freie Kurdistan erstmal nur als eine Armee! Da geht´s zu, wie bei uns im Dreißigjährigen Krieg! Ich glaub, den meisten Leuten, die da leben, ist es längst egal, wer ihnen die die Dörfer zerbombt und die Nahrungsmittel plündert. Jede Armee, und besonders eine nicht von Steuern finanzierte Befreiungsarmee versorgt immer erstmal sich selbst!«
»Aber man kann doch nicht einfach so tatenlos zusehen, wenn eine Kultur vernichtet wird!«
»Ob eine PKK-gesteuerte Kollektivierung der Landwirtschaft so förderlich für die traditionelle kurdische Kultur wäre, ist wohl doch auch zu bezweifeln.«
»Ja, schon! Aber das ist doch eine ganz zynische Einstellung!«
»Und wenn ein freies Kurdistan tatsächlich mal existieren würde, und wenn es tatsächlich Wohlstand und Freiheit für alle bringen würde, was anderes als die bäuerliche Gemeinschaft, die Trachten und Volkstänze fiele dem wohl als erstes zum Opfer?«
»Aber die Sprache?«
»Türkisch oder Arabisch müßten alle Kurden doch trotzdem lernen. So ein kleines Land mit so mächtigen Nachbarn.«
»Ich find das total zynisch, was du sagst, ich will das gar nicht hören!« sagte sie, hielt sich die Ohren zu und trampelte mit den Füßen auf den Boden unterm Kneipentisch.
Zynisch wie ich drauf war, beschloß ich, daß es sich dabei sicher um ein neumodisches Entspannungstraining aus irgend einem Workshop handelt. Da wollte ich dann nicht weiter stören.
