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Ahne: Kleines Haus

Ich wohne in einem Haus. Dieses Haus ist alt. Der Putz bröckelt von den Wänden. Ab und zu fällt auch mal ein Schornstein runter. Da es aber auf diesem kleinen Haus nur kleine Schornsteine gibt, tut es meistens gar nicht weh, wenn man so´n Ding auf den Kopf kriegt. Oft merkt man es noch nicht mal. Höchstens eine winzige Beule bleibt, die man schon extrem suchen muß, um sie schließlich zu finden. Ich mag dieses Haus. Es ist so klein, so zerbrechlich. Die dicken Elstern trauen sich nicht draufzusitzen, so zerbrechlich wirkt es. Manchmal sitze ich in dem kleinen Haus, schaue aus den niedlichen Fensterchen und freue mich, in so einem kleinen Haus zu wohnen. So ein kleines Haus hat natürlich auch seine Schattenseiten. Zum Beispiel paßt kein Kühlschrank durch die Tür und auch mit normalen Plattenspielern hat man so seine liebe Müh und Not. Alles Schöne ist eben nie beisammen. Doch Hauptsache man ist zufrieden. Das ist die Hauptsache.

Gelegentlich ist eine kleine Fliege Gast in meinem kleinen Haus. Sie ist grün und summt versonnen. Eine kleine, verträumte Scheißhausfliege. Sie sitzt mir direkt gegenüber, ab und zu, leckt mit der mikroskopisch kleinen, rosa Zunge ihre lustigen Scheißhausfliegenhändchen und guckt mich aus ihren dubios verschmitzten Äuglein an, als wolle sie sagen: »Hallo! Siehst du mich überhaupt?« Ich tue dann erst mal so, als ob ich sie gar nicht sehen würde, halte aber meistens nicht lange durch. Dann streichle ich ihr liebevoll über ihren kleinen, mit ultrawinzigen Härchen bewachsenen, Scheißhausfliegenkörper. Was für ein Glück, wenn man Gäste hat.

Wie viele vor Geld fast platzende Zeitgenossen würden alles Hab und Gut das sie besitzen hergeben, nur um einmal Besuch von einer kleinen Scheißhausfliege zu haben. Doch niemand verirrt sich in ihre hermetisch abgeriegelten Prunkschlösser, weil alle Angst haben, von den wilden Hundebestien, die im Foyer lauern, zermalmt zu werden. Kein Mensch kommt, keine Schildkröte, ja noch nicht mal eine winzige, grün schillernde Scheißhausfliege. Diese Zeitgenossen sterben früh oder kriegen unheilbaren Scharlach, wegen Einsamkeit.

In meinem kleinen Haus ist der Gast König. Ich teile Brot, Buletten und Bett mit ihm. Wenn er will, kann er duschen, obwohl Warmwasser kaputt ist. Ich schenke ihm erlesene Kleider und tausche wertvolle Gedanken aus. Die Fliege weiß das zu schätzen. Sie gehört nicht zu den neureichen Fliegen, denen eh alles egal is. Wo sich die Erde um das business dreht. Nein sie ist bescheiden geblieben, eben eine gute, alte Scheißhausfliege. Habe ich schon gesagt, daß ich sehr glücklich bin, in einem kleinen, zerbrechlichen Haus zu wohnen? Wenn nicht, dann sag ich´s eben jetzt. Ich bin sehr glücklich, in einem kleinen, zerbrechlichen Haus zu wohnen. Nur manchmal, da will ich die ganze Welt. Da will ich mit zwölf Zylinder Cadillacs, ohne zu fragen nach Sonnenschein, um die Ecken brausen in einer Tempo 30 Zone. Da will ich jedes Ding was es gibt einkaufen, all die unnützen Sachen die dekadent blitzen und blinken, ohne nach dem Preis zu fragen. Oder doch! Teuer muß es sein, nur teuer! Da will ich mich aalen in Swimming-Pools voller Kaviar. Da will ich auf Bergen von Edelsteinen ruhen und auf puren Goldklos kacken gehen. Und mit diamantenen Klatschen Fliegen totpatschen. Doch das ist nur manchmal und mehr so ein Ausgleich, für die wundersam vorherrschende Bescheidenheit, die mein Leben ausfüllt. Hab ich eigentlich schon gesagt, daß ich sehr glücklich bin, in einem kleinen, zerbrechlichen Haus zu wohnen?

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 26
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Leben zur Jahrtausendwende Sarah Schmidt: Hauptstadtstrom Jürgen Witte: Wie ich einmal total zynisch drauf war Ahne: Kleines Haus Andreas Scheffler: Modernisierungs- maßnahmen Hans Duschke: Mittagspause Bov Bjerg: Pffft ... Die Kunst des Weglassens Tube: Fünfen und Sechsen Hinark Husen: 30 Sekunden Operngeschichte Andreas Gläser: Stubenhocker Ahne: Wenn ich an Kreuzberg denke Wladimir Kaminer: Die erste eigene Wohnung Horst Evers: Das Gespräch Robert Naumann: Ohrenklappen in Marzahn Dr. Seltsam: Der Prozess Jürgen Witte: Die Technik wird weiblich Sarah Schmidt: Ich muß zelten Hinark Husen: Kleine Vorurteilskunde Bov Bjerg: Hinter Lychen Andreas Scheffler: Baugerüst Robert Rescue: Die gemietete Nacht Ulrich Hannemann: Herr Rolf Hans Duschke: Ist die Nordsee noch Mordsee Andreas Scheffler: Den Stier wenden Falko Henning: Norwegischer Urlaub
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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