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Andreas Scheffler: Modernisierungsmaßnahmen

KLONG! »Wenn Sie das durchziehen wollen, werden Sie leiden«, hat der Rechtsanwalt von der Mieterberatung gesagt. Unser Rechtsanwalt ist ein kluger Mann.

Inzwischen ist der fünfte von zehn Briefkästen in unserem Haus abgerissen worden. Das passiert jedes Mal, wenn ein Mieter die Fahnen gestrichen hat. Zum nächsten Ersten werden drei weitere entfernt werden. Familie Bauer und wir aber harren aus.

Morgens um sieben, geht der Preßlufthammer los und kracht den alten Putz von der Hausfassade. Gelegentlich macht er eine Pause, in der ich kurz einschlafen kann, um sofort darauf wieder geweckt zu werden. KLONG! Die Katzen starren mich von der Zimmerdecke aus vorwurfsvoll an. Sie sind mal wieder die Wände hochgegangen. Ja, an die Traumphase kurz vor dem Aufwachen kann man sich meistens erinnern. Ich träume von Abrißbirnen, von Maurerkolonnen, die mir das Bett unter dem Hintern wegholen und von unserem Mieterbetreuer Herrn Irrgang, der nicht nur von seiner Physiognomie Assoziationen zu einem Schwein weckt.

Zeichnung von A. Negrelli

KLONG! Unser Mieterbetreuer, ich nenne ihn: Entmieter, hat letztens behauptet, er würde kündigen, weil seine Firma auch Schlägertrupps schicken würde, um die Mieter aus ihren Wohnungen zu treiben. Das ist eine interessante Drohung, zumal Herr Irrgang in Wirklichkeit gar nicht gekündigt hat, wie wir erfahren haben. KLONG! Die Bauarbeiter sind größtenteils freundlich und warten darauf, daß unser Briefkasten weg ist. Jede Woche erzählt ihnen der Bauleiter, daß in ein paar Tagen das Haus endlich leerstehe. Wir haben unseren Fernseher im Wohnzimmer so gedreht, daß die Bauleute vom Gerüst aus was sehen können. Deep Space Nine um 15 Uhr ist sehr beliebt. Dazu ein Bierchen, dann ist Feierabend. Auf diese Weise machen sie wenigstens keinen Krach. Manche kommen auch schon um 14 Uhr wegen Arabella Kiesbauer auf PRO7. Das macht nichts, denn ich habe mir inzwischen Ohrenstöpsel angeschafft. Für ganz schlimme Umstände zusätzlich einen Lärmschutz-Kopfhörer.

Einmal gab es Streit zwischen den Arbeitern wegen der Programmwahl. »Kein Problem«, habe ich da gesagt, »wir haben noch einen Fernseher im Schlafzimmer.« KLONG!

An den Mörtelbrocken, der in den Maschen des Netzes, das am Baugerüst hängt, klebt und der, vom Wind bewegt, ständig an die Stangen schlägt - KLONG! - habe ich mich inzwischen gewöhnt. Wenn der Wind stärker wird - KLONG! KLONG! KLONG! - denke ich an Familie Rühle, die ganz oben wohnt unter dem abgedeckten Dach, nur durch eine dünne Plane vor dem Regen geschützt. Rühles Briefkasten wird am nächsten Ersten weichen, und dafür haben sie noch nicht einmal 10.000 Mark bekommen. Die genaue Summe dürfen sie nicht nennen. Unser Rechtsanwalt hat gesagt, wir sollen 50.000 für unseren Auszug fordern, die wir aber selbstverständlich nicht bekommen werden. 3.000 wurden uns daraufhin geboten. - Ein inakzeptables Trinkgeld. Nun bin ich zur Unterstützung unseres Postulates zum Querulanten geworden. Die Telefonnummern von Tiefbauamt und Gewerbeaufsicht habe ich parat. Zehnmal am Tage renne ich die Treppe hinunter und schließe Haus- und Kellertür. Unsere Wohnung betritt niemand. Aber ich warte darauf, daß es jemand versucht. Dann rufe ich die Polizei.

Wir harren aus, lassen uns Nerven und leiden. Ich bin ein psychisches Wrack. Nicht nur der Preßlufthammer und der Staub und der Lichtmangel und das KLONG!, nein, die Bauarbeiter schreien sich auch noch unablässig an. »Wer hat hier schon wieder die Haustür zugemacht?!« - »Bestimmt einer von den Maurern!« - »Halt die Schnauze, Elektrikersau!« - »Ich hab deine Frau gefickt, du Arschloch!« Und so weiter. - Schlimm. Ich denke nach über Sabotage. Ein Bekannter, dem ich davon erzählte, meinte, dazu hätte ich nicht die kriminelle Energie und die Intelligenz. KLONG!

Aber schon jetzt lasse ich ständig Zwölftonmusik durch die Fenster dröhnen. Wer hätte gedacht, daß Schönberg mal zu was gut sein könnte. Die Arbeiter akzeptieren die Klangkatastrophe maulend wegen Deep Space Nine, kriegen aber derweil nichts geregelt. Und ich habe Lärmschutz-Kopfhörer, die Bauleute nicht. Ein Verstoß gegen die Arbeitsschutzbestimmungen; merken: Gewerbeaufsicht anrufen. Mit irrem Blick aus schwarzgeränderten Augen starre ich aus dem Fenster auf die verhangene Herbstlandschaft. KLONG! macht es, in meinem Gehirn klinkt sich eine entscheidende Synapse aus, und ich schnappe über.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 26
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Leben zur Jahrtausendwende Sarah Schmidt: Hauptstadtstrom Jürgen Witte: Wie ich einmal total zynisch drauf war Ahne: Kleines Haus Andreas Scheffler: Modernisierungs- maßnahmen Hans Duschke: Mittagspause Bov Bjerg: Pffft ... Die Kunst des Weglassens Tube: Fünfen und Sechsen Hinark Husen: 30 Sekunden Operngeschichte Andreas Gläser: Stubenhocker Ahne: Wenn ich an Kreuzberg denke Wladimir Kaminer: Die erste eigene Wohnung Horst Evers: Das Gespräch Robert Naumann: Ohrenklappen in Marzahn Dr. Seltsam: Der Prozess Jürgen Witte: Die Technik wird weiblich Sarah Schmidt: Ich muß zelten Hinark Husen: Kleine Vorurteilskunde Bov Bjerg: Hinter Lychen Andreas Scheffler: Baugerüst Robert Rescue: Die gemietete Nacht Ulrich Hannemann: Herr Rolf Hans Duschke: Ist die Nordsee noch Mordsee Andreas Scheffler: Den Stier wenden Falko Henning: Norwegischer Urlaub
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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