Bov Bjerg: Pffft ... Die Kunst des Weglassens
Kreuzberg, Mittenwalder Straße. Was hat denn in dieser gottverlassenen Ecke eine Radioreporterin verloren?
»Sind wir uns schon begegnet?«
»Nee ... - ?«
»Die Reste der Mauer. Stehnlassen oder abreißen?«
Sie drückt mir ungefragt ein blaues Schaumstoffmikro von unten in die Nase, soll wohl Spontanität provozieren, soll zum Mal-frei-von-der-Leber-weg-reden verleiten. Hier kommt Volkes Stimme, ungeschönt!
Ich dreh den Kopf, um den Schriftzug auf der Seite des Mikros zu lesen, mdr kultur steht da.
Erster Gedanke: Aha. Zweiter Gedanke: Der Mitteldeutsche Rundfunk hat auch Kulturprogramm?
Das mit weißer Farbe aufs blaue Schaumgummihäubchen gedruckte MDR-Logo wirkt etwas abgewetzt, daraus folgt Gedanke drei: Ist das jetzt das normale, ohnehin schon ziemlich angenagte MDR-Logo, oder ist es noch darüber hinaus abgeschabt, das Hauptstadtmikro vom MDR? Immer im Dienst, im Einsatz, seit es das Logo überhaupt gibt. Kann nicht erneuert werden, weil die erzgebirgische Mikroschaumstoffkugeldruckerei längst schon pleite gemacht hat. Gute Arbeit geleistet eigentlich, nach der Wende endlich wieder im Besitz der Gründerfamilie, doch dann: Kürzungen beim MDR, beim ORB; bei den Mikroschaumstoffkugeldruckereien wird als erstes gespart, schwächstes Glied in der Kette, es folgt das sog. Unvermeidliche, es folgt der sog. Gang zum Konkursverwalter.
»Sind wir uns schon begegnet?«
»Nee ... - ?«

»Die Reste der Mauer. Stehnlassen oder abreißen?«
(Zeit gewinnen.)
»Stehn da noch Reste?«
(Sie nickt eifrig.)
»Pfff ... «
Zeit gewinnen. Okay, sie hat mich nicht nach dem Namen gefragt, es wird mich keiner von den fünf Leuten, die das hören, erkennen, ich bin also nicht beruflich hier auf der Straße, vor diesem Mikro.
Ich muss also nichts Originelles sagen, »Reste? Na, wie wärs denn mit ´nem Reste-Essen?« oder so was ähnliches, was einem halt so einfällt, wenn man schlagfertig ist. Ich muss nichts Politisches sagen, »Wieder aufbauen, als Mahnmal gegen Krieg und Holocaust!«
Ich muss nicht differenzieren, »Von so´m kleinen Stückchen kriegt man doch gar keinen richtigen Eindruck, das ist doch viel zu niedlich, das ist doch wie, wie ...« - und dann würde ich ziemlich sicher »... wie Disneyland« sagen, das kulturkritischste Wort, das der linksliberale Studienrat so parat hat. Ich muss nichts Medienkritisches sagen, »Für den Mitteldeutschen Rundfunk? Aber Sie sehn doch ganz vernünftig aus!«
Ich kann einfach frei nach Schnauze drauflosreden:
»Die Reste der Mauer. Stehnlassen oder abreißen?«
»Stehn da noch Reste? Pfff. - Is mir relativ egal.«
Aber die Mühe, die Pfriemelei, das vorsichtige Wegschleifen alles Überflüssigen, die gedanklich-stilistische Herkulesarbeit, die in so einer scheinbar einfach so dahingenuschelten Sentenz stecken: Das bemerkt natürlich wieder kein Mensch.