Tube: Fünfen und Sechsen
Wenn ich damals, zu Zeiten der Polytechnische Oberschule, meiner Staatsbürgerkundelehrerin erzählt hätte, daß die DDR sich eines Tages mit der BRD zusammenschließen wird und durch die damit verbundene Bildungsreform die schlechteste Schulnote eine sechs sein wird, hätte sie mir dafür bestimmt eine Fünf gegeben.
Doch von all dem wußte ich damals noch nichts, weder von den kapitalistischen Sechsen noch von der kommenden Wiedervereinigung. Und so stellte ich einmal als mein West-Cousin gerade zu Besuch war, die Peinliche Frage: »Und was machste, wenn ne Sechs kommt?« als er versuchte mit Hilfe eines Würfels die Zensur seiner Deutscharbeit in der nächsten Woche vorherzusagen. Und da klärte er mich auf. In seiner Gesellschaft sei alles reichlicher vorhanden, eben auch die Anzahl der Zensuren, und deshalb geht das auch mit dem Würfel so einfach.
Aha, da war ich ganz schön neidisch. Nicht nur wegen der größeren Anzahl an Zensuren, die die da drüben hatten, sondern auch wegen der Möglichkeit, sie mit Hilfe eines Würfels vorherzubestimmen. Das wollte ich auch.
Entschlossen machte ich mich ans Werk und versuchte einen Würfel zu konstruieren, der genauso ist wie ein ganz normaler Würfel, nur sollte er eben statt sechs Aussenflächen fünf haben. Ich wollte ihn dann zur Messe der Meister von Morgen unter dem Namen Sozialistischer Schulnoten Prediktor einreichen. Doch dieses Unterfangen zeigte sich schwieriger als anfangs vermutet. Monatelang saß ich im Keller und feilte an einem Holzklötzchen herum, um aus ihm einen fünfseitigen Würfel zu machen. Es klappte einfach nicht. Die Flächen wurden immer so ungleichmäßig, daß entweder fast ausschließlich Fünfen kamen oder aber nur Einsen. Schon in diesem kleinen Detail zeigte sich mir, daß die Schwierigkeiten bei der Lösung der Probleme im sozialistischen System mit denen der Quadratur des Kreises vergleichbar waren.
Deshalb gab ich meine Pläne bezüglich dieses besonderen Würfels auf und entwickelte stattdessen eine Leiter, die soviel konstruktive Finessen enthielt, daß man mit ihr über jede beliebige Mauer hätte klettern können.
Als ich dieses Exponat zur Messe der Meister von Morgen einreichte wurde es sofort beschlagnahmt und ich bekam dafür einen Tadel. Ich mußte zu einer Aussprache mit meiner Staatsbürgerkundelehrerin - sie hieß übrigens Frau Schramm - die mich darüber aufklärte, daß mein Messeexponat absurd sei. Mir wurde verboten, irgendwo nochmal zu erzählen, Sechsen wären besser als Fünfen.
Heute kann ich drüber natürlich nur lachen. Und manchmal wenn ich die alte, mittlerweile berentete Frau Schramm durch die Straßen kriechen sehe, dann gehe ich zu ihr hin und sage: »Sehen Sie, ich habe doch recht gehabt. Sechs Zensuren sind besser als fünf.«
Doch sie reagiert nicht, weil sie ihr Hörgerät ausgeschaltet hat. Ja, früher durften wir nicht sagen was wir wollten, und heute hört uns keiner mehr zu.
