Hinark Husen: 30 Sekunden Operngeschichte
Ich weiß auch nicht genau, woran es liegt, daß ich auf einmal Interesse am gutbürgerlichen Kulturbetrieb entwickle. Kollege Jürgen meinte dazu, ich würde jetzt auch immer schwuler. Naja, soll er doch denken, was er will. Ich jedenfalls finde Opernaufführungen klasse. Meine erste große Oper erlebte ich sogar auf der Bühne, und zwar als Statist in Puccinis La Bohéme. Überzeugen kann man in einer solchen Rolle ja nur dann, wenn man vom Publikum quasi nicht wahrgenommen wird, und das hat in den allermeisten Aufführungen auch wunderbar geklappt.
Ein Weihnachtsmarkt im Paris um 1830 bildete die Kulisse für den zweiten Akt. Regisseur Götz Friedrich ist ein großer Freund der oppulenten Illusion und hatte selbst hinter den Pappfassaden eines Cafés alles detailgetreu nachbauen lassen. An den Wänden hingen Portraits von Pariser Künstlern. Es gab einen richtigen kleinen Pseudo-Tresen, ein Bier bekam ich aber nie dort, und am Zeitungsständer hingen alte Ausgaben von Le Monde und Figaro. Das Publikum konnte von diesem ganzen Firlefanz natürlich rein gar nichts sehen, ich hingegen konnte nur allzu gut erkennen, wohin all die Subventionsmillionen hinflossen. Wer tausende von Märkern dafür ausgibt, das es auch hinter den Kulissen noch authentisch aussieht, der darf ruhigen Gewissens als verschroben bezeichnet werden.
Dazu hat Intendant Friedrich alle Qualitäten, die einen genialischen Opernschaffenden auszeichnen. Bei einer Durchlaufprobe des zweiten Aktes ging Herr Friedrich ohne die geringste Vorankündigung hoch wie eine Rakete. In einem filmreifen Tobsuchtsanfall, die Partitur auf den Bühnenboden werfend, bezichtigte er mit hochrotem Kopf alle Anwesenden der völligen Unfähigkeit und eine kollektive Verschwörung vermutend befahl er sämtliche 120 Darsteller auf die Ausgangspositionen. Ich konnte keinen Unterschied zum vorherigen Durchlauf erkennen und wartete schon auf die nächste cholerische Unterbrechung, es geschah aber nichts. Vielleicht ist es das, die absolute Unberechenbarkeit, Berserker und gütiger Übervater, im Terzwechsel von sado zu maso, was Regieführende auszeichnet. Beim Mann auf der Straße würde man hingegen von immensen sozialen Defiziten sprechen.
Nun denn, irgendwann glaubte Herr Friedrich aus den spärlichen Qualitäten der Darsteller das Beste herausgepreßt zu haben. Auch ich wußte was ich zu tun hatte, nämlich das Café zu verlassen, bevor der Opernchor singend eintrat; bei einer Straßenverkäuferin einen kandierten Apfel kaufen und ein kurzes, lautloses Schwätzchen mit einem Zeitungsjungen halten, um dann vorne links abzugehen, damit die Solisten die Bühne betreten konnten. Bis zur vorletzten Vorstellung am zweiten Weihnachtstag klappte das auch wunderbar. Selbst meine besten Freunde hätten mich bei einem Besuch der Vorstellung völlig ignoriert.
Vielleicht war es die Überzeugung, wirklich gut überflüssig zu wirken, die mich patzen ließ. Mehr als ein paar Takte können es nicht gewesen sein, die ich zu lange im Café blieb. Auf jeden Fall kam nun der Opernchor durch die Tür und ich verlor weitere wichtige Sekunden. Als dann endlich alle drinnen waren, flutschte ich hastig auf die offene Bühne, um nach der Paradiesapfelverkäuferin Ausschau zu halten - vergeblich! Also gut, dann also kein Süßkram heute, nur noch schnell zum Zeitungsjungen. Der allerdings, war auch verschwunden. Ich irrte orientierungslos über die Bühne, um wenigstens mein 30 Sekunden-Soll zu erfüllen, wobei ich mich in meiner Rampengeilheit natürlich krass verrechnete, denn diese 30 Sekunden waren längst um. Das wurde mir schmerzlich klar, als ich just aus der Ecke die Solisten ankommen hörte, in die ich schon vor einiger Zeit ungesehen hätte verschwinden müssen. Was tun? Den gegenüberliegenden Ausgang benutzen? Ausgeschlossen, das hatte ich ja nie geprobt. Ob ich einfach kurz bon jour passend zur Melodie singe, um dann geschickt am Solistentrio vorbeizuflitzen?
Drei entscheidende Gründe sollten mich daran hindern: Zum ersten, wußte ich trotz Orchesterbegleitung überhaupt nicht, wie Melodie nun wirklich ging, zum Zweiten hatte Tenor Rodolfo, alias Weiß-Ich-Auch-Nicht-Mehr, längst mit seiner Arie begonnen und zum Dritten: Selbst wenn diese beiden Gründe nicht eingetreten wären, in einer Oper in italienischer Sprache französisch zu krächzen, ist mit Sicherheit Grund genug für eine fristlose Kündigung. Ich versuchte mich also schweigend an Rodolfo, alias Keine-Ahnung-Wie-Der-In-Echt-Hieß vorbeizuschmuggeln. Was dann folgte, hat jeder Fußgänger schon dutzendfach erlebt: Ich will rechts an ihm vorbei, er versucht auf gleicher Seite auszuweichen. Versuch ich´s mit links, zieht er ebenso konsequent nach. Das geht in der Regel drei bis vier mal, bis man je nach Gefühlslage lächelnd oder verärgert seinen Weg fortsetzen kann.
Mir war nach keinem von beiden, denn beide Trommelfelle schienen mir zu platzen, alldieweil Rodolfo, alias Ich-bin-lauter-als-ein-Preßlufthammer trotzig in der Arie fortfuhr. Das Publikum hatte bestimmt schon den ein oder anderen Lacher von sich gegeben, als es mir endlich gelang, dieses Inferno zu verlassen.
In der Statistengaderobe angekommen, kam der Zeitungsjunge schmunzelnd auf mich zu: »Heute kein Bock auf ein Schwätzchen gehabt?«
»Ich versteh kein Wort«, gab ich lakonisch zurück, »Rodolfo hat mir das Trommelfell zersungen.«
Anscheinend nahm man mir meinen Faux-Pas nicht übermäßig übel, denn ein viertel Jahr später, bekam ich ein Statistenangebot für die nächste Inszenierung. Ich allerdings, hatte von Oper erst einmal die Schnauze voll. Und selbst wenn ich mir heute eine anschaue, werfe ich immer einen kritischen Blick auf die Statisterie.
