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Ahne: Wenn ich an Kreuzberg denke

Kreuzberg. Die Insel im Meer der feindlichen Welt. Einige Haudegen, mit allen Wassern gewaschen, die sich dem brutalen System entgegenstemmten, Haus für Haus eroberten und sich in ihnen festbissen. Ich stellte mir das wirklich so vor: »Die da drin, in ihren Lederjacken und Kapuzenpullis, Wasserwerfer spritzen ständig durch die Fenster, Welle für Welle rollen die Angriffe der berittenen Polizei, einige fallen von den Pferden getroffen durch Steine oder Zwillen! Das besetzte Haus praktisch als Wagenburg.« Gewisse Anleihen aus meiner früheren Indianerfilmbegeisterung werden sichtbar. »Irgendwann ist dann Nacht, die Polizei sieht nichts mehr und muß sich zurückziehen. Das ist die Zeit für die wagemutigsten der Rebellen. Sie brechen durch den Kessel um lebenswichtige Nahrungsmittelvorräte zu besorgen. Äpfel und Brot und sowas. Im Schutze der Dunkelheit gelingt ihnen dieses halsbrecherische Vorhaben. Doch es geht nicht ohne Verluste ab. Einige verheddern sich in Stacheldrahtverhauen und verbluten, die Hand zur Faust geballt, andere werden hinterrücks erschossen. Der Feind macht keine Gefangenen! Ein ums andere Mal fließen Tränen bei den harten Männern im Haus und den wenigen Frauen, die in dieser rauhen Umgebung zurechtkommen. Aber der Widerstand wird nicht gebrochen. Nein! Im Gegenteil! Durch die Musik von Ton, Steine, Scherben und die begeisternde Überzeugungskraft eines charismatischen Anführers, der merkwürdigerweise mir selber verblüffend ähnlich sieht, erreicht die Kunde vom Aufstand der Rebellen in Kreuzberg immer neue Schichten der Bevölkerung. Eine Welle der Solidarität durchrollt das Land. Bald erheben sich die Bauern in Schleswig, aber auch die Kumpel der Tagebaue im Bezirk Karl-Marx Stadt legen ihre Arbeit nieder!« In meiner Phantasie standen die Rebellen gegen beide Systeme gleichzeitig auf. »Die Situation spitzt sich zu, und...«

Dann fiel die Mauer. Mit Phantasie kam man jetz nich mehr weita. Ich ging erst zwei Monate später das erste Mal rüber. Irgendwie wußte ich was mich erwartete: Die Zerstörung meiner Träume. Grenzübergang Sonnenallee. Ein türkischer Gemüsemann hat seine Bananen- und Apfelsinenkisten extra 200 Meter näher zum Antifaschistischen Schutzwall geschoben, um sie dort paar Mark teurer zu verkaufen. Traurige Gestalten hängen an den Bahnhöfen ab. Die Augen leer und kalt. Ihre Hunde baden in Urinlachen. Jemand fragt mich nach ner Mark. Ich hol mir mein Begrüßungsgeld und teile es gerecht in hundert Teile. Am SO 36 stehen Parolen gegen Wurstesser und linke Machos. Was soll das denn!? Die Frauen gucken auch alle so komisch? Gar nich so wie sie in meinen Träumen immer geguckt haben? Zufall?

Dann die erste Kreuzberger Demonstration. Au ja, jetzt gehts los! Und ich mit ´n paar Kumpels mittendrin. So, wie ich´s mir immer vorgestellt habe. WAS FÜR´N SCHOCK! Neben uns läuft eine Symphatisantin irgendeiner maoistisch-türkischen Organisation, augenscheinlich die Einzigste, und brüllt andauernd etwas in ihr tragbares Megaphon, was niemand versteht. Sie versucht, ständig neben uns zu bleiben, obwohl wir immerzu das Tempo wechseln. Sie gibt sich alle Mühe, uns zu vertreiben. Im Auftrag des Systems wahrscheinlich. Von vorne dröhnt ebenso undefinierbarer Lärm aus einem sogenannten Lautsprecherwagen entgegen. Jemand schreit uns an: »Ketten bilden!« Und von hinten kommts auf schwäbisch oder so: »Ka Bier auffa Demo!«

Ständig werden unzählige Pamphlete der obskursten Vereinigungen verteilt. Stalin, Mao, ja selbst Pol Pot ist auf den Fahnen zu sehen. Als einer von uns sagt: »Dit sind bestimmt die Stasi-Votzen«, wird er als Nazischwein beschimpft und wir müssen die machtvolle Kampfdemonstration verlassen. Auf der Flucht geraten wir auch noch in den uns völlig unbekannten Frauenblock, was auch höchstens an der Größe der kettenbildenden Personen zu erkennen gewesen wäre, und werden mit Fausthieben und gräßlichen Schimpfwörtern, die ich hier nicht in der Lage bin wiederzugeben, in die Freiheit entlassen. Von den Erlebnissen noch völlig verdutzt, merken wir in einer sogenannten Kneipe der Oranienstrasse erst viel zu spät, daß das kleine Bier hier bei den Genossen vier Mark kostet. Ein für uns damals unvorstellbarer Preis.

Dann das Ding mit dem Ramones-Konzert. Ein Traum geht in Erfüllung. Eine Stunde anstehen an der Eissporthalle. Ich bezahle 33 West-Mark. Utopisch, aber ein Traum sollte ja in Erfüllung gehen. Für DDR-Bürger wär´s theoretisch nur die Hälfte gewesen, doch ich sehe nicht ostig genug aus, mir glaubt man nicht und den Ausweis vorzuzeigen, bin ich zu stolz zu. Kontrolle mit Körperabtastung. Die Flasche Schnaps müssen wir abgeben. Wo gibt´s denn sowas? Zum Glück haben wir keine Schuhe mit Stahlkappen an, denn auch die wären verboten gewesen. Drinnen dann erst mal zum Bierstand. Die Westler trinken wohl nicht viel, jedenfalls is keine Schlange. Punk Rock, haha! Hole aber vorsichtshalber doch gleich 10 halbe Liter, wer weiß, wenn dann erst mal die Massen drin sind. Kostet zwar 70 Mark, aber gut, heute is heute und morgen ma sehn! Fassungslosigkeit und blankes Entsetzen jedoch, als wir nach den ersten Schlucken bemerken, daß das Zeug nich nur nich schmeckt, sondern, daß da auch gar kein Alkohol drin is.

Was soll denn das für ein Konzert werden? Steckt die Heilsarmee dahinter, ist es das wovor uns die FDJ-Leitung immer so gewarnt hatte? Genauso isses! Ein absoluter Reinfall! Jedes Lied klingt wie das andere. Ja eigentlich versteht man so richtig garnichts, was nicht unbedingt an der Lautstärke lag, denn man konnte sich immer noch bequem unterhalten. Unsere Helden von einst waren, nicht nur in Metern berechnet, unerreichbar weit weg. Vor der Bühne hopsten aufgemotzt niedliche Schulkinder herum. Um Zehn war das Konzert zu Ende und alle gingen brav nach Haus. In der U-Bahn wollte mir noch jemand mein Portemonnaie klauen, ein anderer betrog uns damit, daß man sogenannte Energiebällchen essen könne.

Ich hatte von Kreuzberg die Schnauze voll. Ein spießiger Kleinstadtladen mit einigen Problemkindern. Eine lausige Spielzone. Heute sehe ich das alles etwas beschwingter. Doch so ist das ja immer mit den Erinnerungen. Paßt scho! Heute gehe ich am Kottbusser Tor vorbei und gebe nicht mehr jedem ´ne Mark, genaugenommen gar keinem. Ich habe selber genug Probleme. Wozu gibt´s ein Sozialamt? Ich bin angekommen. Ich bin einer von Ihnen geworden.

Zeichnung von A. Negrelli

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 26
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Leben zur Jahrtausendwende Sarah Schmidt: Hauptstadtstrom Jürgen Witte: Wie ich einmal total zynisch drauf war Ahne: Kleines Haus Andreas Scheffler: Modernisierungs- maßnahmen Hans Duschke: Mittagspause Bov Bjerg: Pffft ... Die Kunst des Weglassens Tube: Fünfen und Sechsen Hinark Husen: 30 Sekunden Operngeschichte Andreas Gläser: Stubenhocker Ahne: Wenn ich an Kreuzberg denke Wladimir Kaminer: Die erste eigene Wohnung Horst Evers: Das Gespräch Robert Naumann: Ohrenklappen in Marzahn Dr. Seltsam: Der Prozess Jürgen Witte: Die Technik wird weiblich Sarah Schmidt: Ich muß zelten Hinark Husen: Kleine Vorurteilskunde Bov Bjerg: Hinter Lychen Andreas Scheffler: Baugerüst Robert Rescue: Die gemietete Nacht Ulrich Hannemann: Herr Rolf Hans Duschke: Ist die Nordsee noch Mordsee Andreas Scheffler: Den Stier wenden Falko Henning: Norwegischer Urlaub
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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