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Horst Evers: Das Gespräch

Der Nachtbus ist ziemlich leer. Total leer, um genau zu sein. Nur ein einziges Pärchen sitzt noch auf der Bank neben mir. Die beiden sagen nix, gar nix. Ich beobachte sie.

Ihr Blick sagt, irgendetwas stimmt nicht. Ihre Körperhaltung verrät, es hat irgendwo mit ihm zu tun. Die kleinen Furchen auf ihrer Stirn lassen erahnen, das Ganze geht vermutlich nicht gut aus. So sitzen sie schweigend nebeneinander. Ziemlich lange. Reale Zeit: Drei Stationen. Für die beiden gefühlte Zeit: Rund 6 Monate, plus/minus 20 Tage.

Ich bin froh, daß ich nicht die beiden bin, finde aber trotzdem, sie sollten über ihr Problem reden. Schon allein meinetwegen, mir ist doch auch langweilig. Ich finde die zwei ein bißchen rücksichtslos. Fühlen sie sich etwa beobachtet? Quatsch, wir drei sind doch völlig allein. Ich beschließe, es ihnen ein wenig leichter zu machen, indem ich mein Buch raushole und meine Nase dareinstecke. Ich kann sowieso besser zuhören, wenn meine Augen auf irgendetwas starren können.

Das klappt. Endlich hält er die Stille nicht mehr aus und wagt einen Vorstoß:

»Ach komm, laß uns das Thema wechseln.«

»Welches Thema?«

»Keine Ahnung, aber ich bin mir sicher, mir wäre ein anderes Thema lieber.«

»Nein, du wirst dich jetzt einmal damit auseinandersetzen.«

»Womit?«

»Das weißt du ganz genau. Oder hörst du mir etwa nicht zu.«

»Natürlich höre ich dir zu.«

»Dann würde mich jetzt mal dein Standpunkt dazu interessieren.«

»Äh, naja, ich denke, man kann die Sache so und so sehen.«

»Nennst du das etwa einen Standpunkt?«

»Nein, nicht direkt, aber worum gehts denn überhaupt?«

»Na toll. Du weißt also wiedermal überhaupt nicht worum es geht. So bist du!«

Wieder Schweigen. Die Sache läßt sich aber ganz gut an. Hoffentlich müssen die zwei nicht so früh aussteigen. Er nimmt das Gespräch wieder auf.

»Gehts um meinen Alkoholkonsum?«

»Nein.«

»Hm. Darum, daß ich oft zu wenig aufmerksam bin?«

»Nein.«

»Äh, gehts ums Kinderkriegen?«

»Nein, aber wo du schon davon anfängst, wir sollten mal darüber reden.«

Die Sache fängt an interessant zu werden.

»Du hast mit deinen Freundinnen gesprochen?«

»Ja, zufällig. Und jetzt fängst du auch noch damit an. Das ist doch irgendwo ein Zeichen, oder?«

»Ich dachte wir wollten uns damit noch ein wenig Zeit lassen.«

»Du hast doch davon angefangen.«

»Naja...«

»Außerdem, soviel Zeit ist gar nicht mehr. Ich bin jetzt...«

»Ich weiß, wie alt du bist.«

»Immerhin.«

Der Bus hält an meiner Station. Ich beschließe, daß es ein Skandal ist, daß sich die Menschen in dieser Zeit kaum mehr füreinander interessieren und komme mit mir überein, daß ich da nicht mitmache und deshalb mit den beiden weiter Richtung Köpenick fahre. Wie um mich für diese großherzige Tat zu belohnen, startet er den nächsten Anlauf.

»Weißt du, Kinder, irgendwie liegt mir das nicht so. Und ich hab eigentlich nur Spaß an Sachen, die ich richtig gut kann.«

»Ach ja? Und ich dachte, dir gefällt unser Sex.«

»Wie meinst du das?«

»Ach das gehört jetzt nicht hierher.«

»Was bitte, ist nicht in Ordnung mit unserem Sex?«

»Nichts. Nichts. Ich dachte nur, vielleicht täte es ihm ganz gut, wenn er irgendwo einen tieferen Sinn hätte.«

»Gut, lassen wir das Sexthema. Das ist vielleicht auch nichts für die Öffentlichkeit.«

Ich brülle sofort: »Ich hör überhaupt nicht zu, keine Angst, außerdem interessiert mich dieses ganze Sexzeugs auch gar nicht! Ehrlich!«

Die beiden sind beruhigt. Das war einfacher als gedacht. Er redet weiter zu ihr: »Sagt man nicht immer: Kinder kommen, wann sie wollen?«

»Na, da haben sie dir ja was voraus.«

»Komm, jetzt hör mit dieser Sex-Scheiße auf.«

»Schon gut. Aber guck mal. Du klagst doch immer über diese technischen Neuerungen, mit dem Computer, Internet und so. Daß du das immer schwerer kapierst. Ein Kind würde das von klein auf lernen und könnte dir dann einfach das, was du wissen mußt erklären.

»Okay, dadurch wäre mein Leben einfacher, also zumindest ab dem Moment, wo es alles schneller begreift als ich.«

»Also nach zwei bis drei Jahren.«

»Ich bin geistig noch sehr rege!«

»Geistig schon.«

»Hör mal, so hilfst du uns auch nicht. Außerdem, weißt du überhaupt, was so ein Kind kostet?«

»Das zahlt der Staat.«

»Welcher Staat?«

»Hm. Weiß nicht genau, eventuell müßten wir umziehen.«

»Vielleicht reicht es ja auch, wenn nur das Kind umzieht. In Indien z.B. könnte es doch von seinem Kindergeld von hier, leben wie ein König.«

Der Bus hält S-Bahnhof Treptower Park. Verdammt das geht ziemlich weit raus. Vielleicht sollte ich versuchen, die zwei zu einer Tasse Kaffee hier in der Nähe zu überreden. Ich würd mich auch dazu setzen und völlig taub in mein Buch gucken. Aber sie redet schon wieder weiter.

»Gut, vielleicht zahlen wir die ersten 20 Jahre drauf, aber im Alter sind wir froh, wenn wir Kinder haben, die für uns sorgen.«

»Du meinst so, wie wir jetzt für unsere Eltern sorgen?«

Ich lache auf. Die beiden starren mich an. Verdammt! Ich sage geistesgegenwärtig: »Das Buch, sehr lustig, das Buch, Haha. War grad sehr lustig, Haha.« Die beiden blicken auf das Französischwörterbuch in meiner Hand und glauben mir kein Wort. Sie fahren noch schweigend drei Stationen und steigen dann aus. Ich denke: »Ja toll, schweigt ihr nur, meint ihr das mich euer blödes Gespräch interessiert hätte?« steige dann auch aus und folge den beiden durch die dunkle Nacht, immer mein Buch vor Augen. Sie spricht schon wieder.

»Naja, wir müßten die Kinder natürlich entsprechend erziehen. Es müßte für sie die natürlichste Sache der Welt sein, daß alles, was sie jemals erreichen oder verdienen werden, ihren Eltern mindestensmal genau so sehr gehört, wie ihnen selbst.«

»Klingt gut. Aber sag mal, sprichst du jetzt schon von mehreren Kindern?«

»Logisch. Einzelkinder werden später immer irgendwie komisch.«

»Ich bin Einzelkind!«

»Weiß ich doch.«

Ich muß wieder lachen. Diesmal glauben sie mir die Geschichte mit dem Buch nicht. Schweigend gehn sie bis zu ihrem Haus, und lassen mich trotz flehentlicher Bitten: »Ich sitz nur still daneben, hör gar nicht zu«, draußen stehn.

Ich klingle nochmal bei ihnen. Der Mann kommt herunter, schaut mich sehr streng an und sagt: »Hörn Sie mal, ich verbringe einige Zeit meines Lebens damit auf irgendwelchen Bühnen zu stehen und Texte von mir vorzulesen. Und wenn Sie nicht sofort Ruhe geben, werde ich diese Geschichte auch aufschreiben und vorlesen. Und glauben Sie mir, ich werde Sie zum Ich-Erzähler machen, und ich werde Sie als ziemlichen Trottel dastehn lassen.«

Dann dreht sich der doch sehr sympathische, gutaussehende, kluge, junge Mann um, und geht weg wie ein Herr. Ein toller Typ, denke ich, rutsche aus und falle in eine Pfütze, was mir allerdings ganz recht geschieht.

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 26
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Leben zur Jahrtausendwende Sarah Schmidt: Hauptstadtstrom Jürgen Witte: Wie ich einmal total zynisch drauf war Ahne: Kleines Haus Andreas Scheffler: Modernisierungs- maßnahmen Hans Duschke: Mittagspause Bov Bjerg: Pffft ... Die Kunst des Weglassens Tube: Fünfen und Sechsen Hinark Husen: 30 Sekunden Operngeschichte Andreas Gläser: Stubenhocker Ahne: Wenn ich an Kreuzberg denke Wladimir Kaminer: Die erste eigene Wohnung Horst Evers: Das Gespräch Robert Naumann: Ohrenklappen in Marzahn Dr. Seltsam: Der Prozess Jürgen Witte: Die Technik wird weiblich Sarah Schmidt: Ich muß zelten Hinark Husen: Kleine Vorurteilskunde Bov Bjerg: Hinter Lychen Andreas Scheffler: Baugerüst Robert Rescue: Die gemietete Nacht Ulrich Hannemann: Herr Rolf Hans Duschke: Ist die Nordsee noch Mordsee Andreas Scheffler: Den Stier wenden Falko Henning: Norwegischer Urlaub
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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