Robert Naumann: Ohrenklappen in Marzahn
Es ist kalt. Der Wind pfeift um die Ohren. Ohrenklappen müßte man haben. Ein Stirnband mit kuschelweichen, warmen Ohrenklappen dran. Sieht schick aus und ist modern. Aber, man hat keine. Ist ja eigentlich noch nicht so kalt. Ist ja erst Oktober. Noch kein Winter, gerade mal Herbstanfang. Da würde man sicher auffallen mit Ohrenklappen. Zumal, wenn sie pink sind. Denn soviel steht fest: wenn Ohrenklappen, dann pink.
Es ist noch ein gutes Stück Weg zu meiner Arbeitsstelle in Marzahn. Marzahn: Berlins schillernder Vorzeigebezirk. Da, wo Berlin noch Berlin ist. Hier gibt es noch die berühmte Berliner Schnauze. In den reißenden Fluten der Wuhle kämpften einst unerschrockene Seemänner mit dem Steuerrad. Die Wirtschaft boomt. Großen Anteil daran hat der blühende Industrie- und Gewerbepark Meon. Meine Arbeitsstelle. Hätte ich Verwandte in Stuttgart, die mich bäten ihnen das echte Berlin zu zeigen, ich würde ohne zu zögern mit ihnen bis S-Bahnhof Wuhletal fahren, zwanzig Minuten laufen, auf den Meon-Gewerbepark weisen und sagen: Das ist Berlin. Im Meon-Gewerbepark gibt es beinahe alles. Tausende Firmen haben sich hier niedergelassen. Auch so was Ähnliches wie eine Druckerei, ein gefördertes Projekt für Sozialhilfeempfänger. Das ist meine Arbeitsstelle. Aushängeschild und sozusagen Dauerbrenner des Projektes sind unsere Notizzettelblockkästchen mit flexiblem Klappdeckel. Aus Pappe geklebt, bezogen mit Geschenkpapier, in der Luxusausführung mit rotem Kunstleder.
Notizzettelblöcke, die in einem solchen Kästchen aufbewahrt werden, sind gefeit gegen Staub und Eselsohren, sind immer schnell zur Hand und wirken optisch einfach viel eleganter. Mit einem Preis von 15 Mark erscheint so ein Kästchen vielleicht etwas teuer, aber Schönheit hat eben ihren Preis. Außerdem zeichnen sich diese Kästchen durch eine extreme Robustheit aus, sie sind voll funktionsfähig bei Temperaturen von -50º C bis +75º C und zeitlos schön. Mit anderen Worten: Eine Anschaffung fürs Leben.
Es ist noch ein kleines Stück bis zu meiner Arbeitsstelle. Ich genieße den Weg. Oft werde ich ihn nicht mehr laufen. Am 31. Dezember ist Schluß. Dann gibt es das Projekt nicht mehr. Wer stellt dann Notizzettelblockkästchen her? Ich weiß es nicht.
Das Projekt stirbt und mit ihm stirbt ein Stück Marzahn, ein Stück Berlin. Viele junge Menschen werden arbeitslos. Mein Gott, was für eine Welt?
Jetzt bin ich schon fast auf Arbeit. Der Wind pfeift mir um die Ohren. Jemand mit Stirnband und gelb-grün Ohrenklappen dran kommt mir entgegen.
»Ist das jetzt in?« frage ich.
»Der letzte Schrei«, wird mir bestätigt.
Ja, in Marzahn werden Trends gemacht. In ein paar Wochen wird in Paris jeder zweite grün-gelb gestreifte Ohrenklappen tragen, wenig später die ganze Welt.
