Dr. Seltsam: Der Prozess
So geht es bei Kafka: »Eines Morgens wurde Josef K. von Zivilpolizisten geweckt und durchsucht.« So ging es bei mir auch.
Ich werde aus den ozeanischen Tiefen der ersten Traumphase gerissen, durch aufdringliches Sturmläuten im Flur. Schlafend wanke ich hin, drücke den Summer, da tönt es durchs Türblatt: »Wir sind schon hier! Machen Sie auf! Hier ist die Polizei!« Als würde das Haus in Flammen stehen! Herein strömen vier Herren verschiedenen Alters, die sofort die strategischen Punkte meiner winzigen Einraumwohnung besetzen: Telefon, Ausgang, Schreibtisch, Klo. Kripomarken werden vorgezeigt, Namen genannt, einer telefoniert per Handy keuchend wie im nächtlichen Schmuddelfernsehen: »Wir sind drin! Ihr könnt jetzt rein!« Himmel nochmal, sechs Uhr morgens, das ist doch wirklich nicht die rechte Zeit für sexuell Perverse, versucht es in mir zu denken. Aber statt endlich vollends zu erwachen, überwältigt mich Zähneklappern, Blutleere im Hirn und kalter Schweiß am Rücken. Übrigens wurden in diesem Moment vier weitere Wohnungn durchsucht, das wußte ich aber nicht. Vier mal vier Leute plus Einsatzleiter und Sicherung: Meine kleine kriminelle Vereinigung ist dem Staat heute morgen rund hundert Überstunden wert, die Kohle hätt ich gern...
Aber noch kann ich nichts denken. Jemand quallt scheißfreundlich auf mich ein: »Beruhigen Sie sich erstmal, haben Sie sowas schon mal erlebt? Kochen Sie sich Kaffee, ziehn Sie sich was an. Nein, alleinlassen dürfen wir Sie jetzt nicht. Rufen Sie bitte Ihren Anwalt an, der wird Ihnen bestätigen, daß Sie die Durchsuchung dulden müssen.« Tatsächlich wählt der Herr Kriminal für mich alle Anwaltsnummern, die ich im Kopf habe, ich selber darf nicht wählen, aber um sechs Uhr hat natürlich keine Praxis auf; deswegen kommen sie ja so früh. Mein alter Englischlehrer sagte immer: Demokratie ist, wenns morgens klingelt und es kann nur der Milchmann sein... Endlich wecke ich einen Freund, der sich aber weigert, für sowas Albernes wie eine Durchsuchung aufzustehen: Ich soll gegen alles Widerspruch einlegen, nichts Unterschreiben und ansonsten ruhig sitzen bleiben und die Bullen keinesfalls verhauen. Klick.
Sehr witzig. Ich hab eher Angst, daß sie mich verhauen, eine den ganzen Körper von innen aufpumpende Panik, erfaßt mich, die kein Ventil findet. Die Polizei ist super korrekt, macht nichts Materielles kaputt und die Schuhe abgeputzt haben sie auch. So super korrekt, wie früher die DDR-Zöllner, wenn sie dir an der Grenze das Auto auseinandergenommen haben: Freundlich, höflich, kühl - aber verdammt nochmal, das paßt mir nicht, was sie da tun! Der eine hat sich AIDS-Handschuhe übergezogen und fingert schon mit spitzen Gliedern in meinen Liebesbriefen herum...
»Aufwachen jetzt! Das ist ein Alp!« kreischt eine innere Stimme, die sich wie meine Mutter anhört, wenn sie mich zur Schule wachrüttelte. Verdammt, ich sitze wirklich in plüschigem Nachtzeug auf meinem ungemachten, miefigen Bett herum. Gott, ist das peinlich! Aber darauf haben sie es ja wohl abgesehen. Ich muß lächeln, als mir einfällt: »Die Würde des Menschen ist antastbar.« Und also folgt nun endlich mein erstes Wort: »Was suchen Sie denn eigentlich?«
»Gegen Sie wird ermittelt wegen Unterstützung von nichtwahlberechtigten Ausländern.« - »Aber da brauchen sie doch keine Durchsuchung! Ich wiederhole jederzeit gern, was ich öffentlich im Kabarett verkündet habe: Wenn die CDU diese Diepgen rennt Plakate klebt und mit Unterschriften gegen Doppelpass Pogrome schürt, dann sollten wir sie beim Wort nehmen und dafür sorgen, daß die Drecksbande wirklich das Rennen kriegt. Und damit meinte ich Straftaten und ich habe persönlich mehrere CDU-Stände demolieren helfen. Ich gestehe! Was wollen Sie da noch suchen?«
»Nein, nein«, sagt der Bulle großzügig, »das ist es nicht.« Dann wird mir endlich ein Durchsuchungsbefehl gezeigt, von einem Moabiter Richter voller Grammatikfehler ausgefertigt: Verdacht der Wahlfälschung, weil ich mich bei der Bundestagswahl 1998 von einer Türkin in die Wahlkabine begleiten ließ, denn ich hatte kaputte Hände - Sehnenscheidenentzündung, per ärztlichem Attest nachgewiesen! Auf Wahlbetrug stehen fünf Jahre Knast, das weiß ich auswendig, weil ich immer agitiere, daß man die terroristische Kriegsverbrecherbande Schröder-Fischer-Scharping deswegen einlochen sollte.
»Aber das ist ja Monate her«, sage ich entgeistert und noch panischer und kam mir vor wie Bucharin in der Lubjanka. Nun, so sei eben der normale Ablauf des Ermittlungsverfahrens, und ob ich eine Aussage machen möchte, dann könnten sie sich die Durchsuchung sparen und würden auch meine Computeranlage nicht beschlagnahmen, und... Er quasselte wie ein Wasserfall, wahrscheinlich lernen sie das im Psychologielehrgang: Reden, Reden, Reden, dann brauchen sie nicht schießen.... Und weiter: »Möchten Sie einen Bekannten hinzuziehen, sollen wir einen Zeugen holen, wir haben da noch jemand vor der Tür stehen, (»Hä?!«) oder sollen wir vielleicht einen Nachbarn wecken?«

»Um Gottes Willen!« rief ich entsetzt, »das fehlte noch!«
So ging es immer weiter und mein größter Schock war die latente Drohung hinter der oberflächlichen Korrektheit: Hier hilft dir keiner. Wir könnten auch ganz anders, wenn wir wollten. Da ist nur die dünne Tünche der Dienstvorschrift, die uns daran hindert. Wenn Sie nicht auspacken, können wir Ihnen mal eben freundlich grinsend die Arme brechen oder mit Elektroschocks die Eier braten. Das wurde natürlich nicht gesagt, aber mein inneres Ohr vernahm genau diese Schwingungen. Ich fühlte mich vergewaltigt und beschmutzt, mußte danach zehnmal am Tag duschen, putzen, tapezieren und bekam wochenlang Magenkrämpfe beim Betreten meines Zimmers.
Beschlagnahmt wurden übrigens zwei Zeitungsartikel, die in Blättern mit über 100.000 Auflage abgedruckt waren. Und das Attest aus meinem Tagebuch. Seitdem nun, über sechs Monate, bin ich Beschuldigter in einem Ermittlungsverfahren, weil ich zur letzten Wahl Nichtwähler aufgefordert haben soll, ihre Briefwahlunterlagen an Migrantinnen abzugeben, die gerne wählen würden aber nicht dürfen. Unter dem drohenden Prozess kann ich nun natürlich nicht öffentlich dazu aufrufen, das wieder zu tun. Andererseits: Falls vor irgendwelchen anstehenden Wahlen von irgendwoher ausgefüllte Briefwahlunterlagen mit unausgefüllten Stimmzetteln auftauchen - also ich wüßte schon, was man damit macht. Habe ja jetzt Prozess-Erfahrung. Und auch Kafka wieder gelesen.
