Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 26/2000 Sarah Schmidt: Ich muss zelten
Artikelaktionen

Sarah Schmidt: Ich muss zelten

Erik und Frank sind ein bißchen sauer, weil sie alle ihre Sachen im Auto lassen müßen, aber, ist ja Urlaub und da sind die beiden großzügig. Wir genießen die fränkische Küche im Ort, reden und trinken und machen uns auf den Heimweg. Es ist 21 Uhr und dunkel.

»Toll, dann müßen wir jetzt ja schlafen gehen«, sage ich. Mir fällt wieder ein, warum Zelten doch nicht so gemütlich ist. Sobald es dunkel wird, ist es blöd. Wir haben natürlich nicht so tolle Lampen wie die Proficamper, die alles taghell erleuchten, wir haben eine alterschwache Taschenlampe. Niemand von uns kann jetzt schlafen, das einzige, was man im Dunklen machen kann ist Sex und das fällt ja auch weg, wenn das Kind dabei ist. Noch ein Grund der gegen Zelten spricht.

»Kommt dann gehen wir wenigstens noch eine Runde über den Platz. Spazieren.« Wir merken dabei, daß wir fast die einzigen sind, die überhaupt noch ein Zelt besitzen. Fast der gesamte Zeltplatz ist in Siedlungen aufgeteilt, wie in Schrebergartenkolonien und vollgestellt mit Wohnmobilen, Jägerzäunen und Satellitenschüsseln. »Ekelhaft, das ist ja so spießig!« Jetzt bin ich fast schon stolz auf unser windschiefes Zelt. In einer Ecke ist die Berliner Allee, hier haben alle Wege Namen, wie in einer kleinen Stadt und schon von Weitem kann man die Berliner Nummernschilder sehen. Wir machen einen großen Bogen, denn das ist ja echt widerlich, im Urlaub Berliner zu treffen. Dann, wir sind fast überall gewesen, und es ist noch nicht mal halb Zehn, entdecken wir die Gaststätte des Platzes. Unsere Rettung.

»Los, Bier trinken und Scrabble spielen!« Wir eilen auf das große Bierzelt zu, bestellen Getränke und ich mach mich freiwillig auf den Weg, das Scrabble zu holen. Auf dem Rückweg, ich überlege mir, welche tollen Worte ich gleich auf das Spielbrett zaubern werde, fängt es an zu donnern. Ich beeil mich ins Trockene zu kommen und kaum sitze ich, blitzt es und es fängt an zu regnen.

»Ach, kein Problem«, sagen wir uns und fangen an zu Spielen. Ich erreiche mit EGOMANE eine irre hohe Punktzahl, das Gewitter kommt näher, der Regen, der auf das Bierzelt nierprasselt wird stärker. Viel stärker.

»Oh, Oh!« aber wir tun weiter so, als wäre alles in Ordnung. Mittlerweile müssen wir uns anschreien, da der Regen nicht nur viel stärker wird sondern auch viel lauter. Als meine Füße naß werden, merken wir, das quer durchs Bierzelt Sturzbäche fließen, aus allen Richtungen. Aber jetzt können wir sowieso nichts machen. Alle Worte die wir aufs Scrabblebrett legen, haben irgendwie mit Feuchtigkeit zu tun. Frank legt die NÄSSE, Erik findet die TRÄNE ich kontere mit GEIL Dann wird unser Brett naß. Als das Gewitter genau über uns ist und es wahnsinnig regnet, donnert und blitzt, sage ich: »So, das ist jetzt der Höhepunkt.« Dreißig Sekunden später wird es nochmal doppelt so laut. »Das hält unser Zelt niemals aus, wir müßen bestimmt im Auto schlafen.« Allein bei dem Gedanken, zu dritt in einem Fiat zu übernachten, werde ich wahnsinnig müde. Ich möchte mich in unserem gemütlichen Zelt ausstrecken und sofort einschlafen. Nach weiteren 15 Minuten, wir schweigen, ist der Regen soweit abgeklungen, daß wir losgehen können. Vorbei an den schönen Wohnmobilen, hellerleuchtet sitzen sie beim Tatort oder der Volkstümlichen Hitparade trinken Bier und sehen unser Elend nicht. »Ich will auch so ein Wohnmobil, mit Jägerzaun und Gartenzwerg. Ich will nicht im Auto schlafen!« Gleich muß ich heulen.

Wir sehen es schon von Weitem, unser Zelt hat aufgegeben. Es ist völlig in sich zusammengesackt, ein Bild des Elends. Wir machen es uns im Auto gemütlich, soweit das ohne Decken geht, Erik zieht sich einen zweiten Pullover über, das will ich auch. Da fällt es mir ein: »Alle meine Sachen sind da drin. Alles!!!« Frank und Erik trauen sich nicht wirklich schadenfroh zu sein, sondern bieten mir ihre Sachen an. Wir versuchen zu schlafen, die beiden schnarchen sich durch die Nacht, ich träume von einem Hymer-Wohnmobil und will nach Hause. Am nächsten Morgen räumen wir auf. Alles, wirklich alles von mir ist klatschnass und dreckig. In meinem Turnschuh wohnt ein kleiner Frosch. Die nächsten Tage trage ich Kinderhosen von Erik und hasse es. Ich will nie wieder zelten.

Zeichnung von A. Negrelli

Copyright: Sarah Schmidt

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 26
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Leben zur Jahrtausendwende Sarah Schmidt: Hauptstadtstrom Jürgen Witte: Wie ich einmal total zynisch drauf war Ahne: Kleines Haus Andreas Scheffler: Modernisierungs- maßnahmen Hans Duschke: Mittagspause Bov Bjerg: Pffft ... Die Kunst des Weglassens Tube: Fünfen und Sechsen Hinark Husen: 30 Sekunden Operngeschichte Andreas Gläser: Stubenhocker Ahne: Wenn ich an Kreuzberg denke Wladimir Kaminer: Die erste eigene Wohnung Horst Evers: Das Gespräch Robert Naumann: Ohrenklappen in Marzahn Dr. Seltsam: Der Prozess Jürgen Witte: Die Technik wird weiblich Sarah Schmidt: Ich muß zelten Hinark Husen: Kleine Vorurteilskunde Bov Bjerg: Hinter Lychen Andreas Scheffler: Baugerüst Robert Rescue: Die gemietete Nacht Ulrich Hannemann: Herr Rolf Hans Duschke: Ist die Nordsee noch Mordsee Andreas Scheffler: Den Stier wenden Falko Henning: Norwegischer Urlaub
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Was die anderen drucken
Werswer
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: