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Hinark Husen: Kleine Vorurteilskunde

Es soll ja immer noch Leute geben, die uns Homosexuellen unterstellen, wir redeten von Frauen wie die Blinden von der Farbe. Das stimmt so nicht. Ich, zum Beispiel, fand Birgit Schrowange schon häßlich, als sie noch nicht aussah wie Monica Lewinsky. Eigentlich ist es ja sehr lobenswert, wenn Journalistinnen bemüht sind, sich ihren Interviewpartnern anzupassen, aber die wirkliche Herausforderung wird Frau Schrowange erst dann finden, wenn sie es mal mit Inge Meysel oder auch Regine Hildebrandt aufnimmt. Auf diese Bilder wartet die deutsche Öffentlichkeit leider vergebens, denn Fernsehfrauen vom Schlage einer Schrowange achten tunlichst darauf, daß ihre Gesprächspartner noch weniger in der Birne haben als sie selber.

Schwule haben Angst vor Frauen, noch so eine Schublade. Ich finde einige Frauen nicht nur ausgesprochen anziehend, nein, ich unterhalte mich sogar mit Ihnen und das ernsthaft. Beispielsweise habe ich in meiner Stammkneipe eine unglaublich charmante Bekannte, die beim Pressereferat des LKA Berlin arbeitet. Das ist schon so ein Brötchengeber, wo Frauen in einer Zwickmühle sitzen. Auf der einen Seite sollen sie ihre Weiblichkeit herausstellen und immer hübsch und adrett im Kostümchen herumlaufen, auf der anderen Seite aber sollen sie energischer, kraftvoller und konsequenter auftreten als jeder ihrer rauhbeinigen Ordnungshüter-Kollegen. Immer schön die Ellbogen einsetzen. So kann es dann manchmal schon zu Übersprungshandlungen kommen. Und das spielt sich dann in etwa folgendermaßen ab: Frauke und ich wohnen in unmittelbarer Nähe eines wunderbaren Cafés im Wedding, und jedesmal, wenn wir dort den Abend verbracht haben, verabschieden wir uns an einem Stromkasten, an dem sich unsere Wege trennen. Dort plauschen wir dann noch ein wenig über Gott und die Welt und manchmal kommt es in der Hitze der Nacht und Extase der Situation sogar dazu, daß wir uns gemeinsam auf den Kasten setzen, wie es unlängst der Fall war.

Gut möglich, daß wir uns über Fußball unterhielten, denn wir beiden sind durchaus fußballinteressiert. Allein das ist ja schon ein Anti-Klischee, eine Frau und ein Schwuler sitzen nachts auf einem Stromkasten und reden über Hertha BSC. Ich sag mal so, das gibt´s nur im Wedding. Jawoll, und da sagt sie beispielsweise, daß sie Sixten Veit echt sexy findet und gibt mir dabei einen liebevollen Stupser mit dem Ellbogen, der mich so geschickt trifft, daß ich in hohem Bogen vom Kasten auf den Bürgersteig knalle. 80 Kilo mit einem federleichten Knuff außer Gefecht gesetzt, das macht Frauke so schnell keiner nach. Eine leichte Schürfwunde am Knie war die Folge. Schwule haben keine Angst vor Frauen. Sie werden sich nur nie, nie wieder mit ihnen nachts auf einen Stromkasten setzen.

 

Ein weiterer Klassiker unter den Vorurteilen: Homos haben kein Interesse an Hetero-Sex.

Es gibt tatsächlich Abende, an denen auch ich früh zu Bett gehe, weil ich meinen Schlaf brauche. Als das kürzlich wieder einmal der Fall ist, vernehme ich so ein monotones, aber sehr durchdringendes Brummen. Wenn man sich erst mal auf so ein Geräusch eingeschossen hat, ist es mit dem Einschlafen so eine Sache. Eine halbe Stunde lang drehe ich mich angenervt von der einen auf die andere Seite, dann platzt mir der Kragen, ich stehe auf geh auf den Balkon, denn das Geräusch kommt definitv von der Straße, und ich schaue mich um. Der Verursacher ist schnell gefunden: Ein blödes Auto ohne Licht, Blinker rechts und mit laufendem Motor. Sowas lasse ich mir allenfalls ein paar Minuten lang gefallen, aber doch nicht eine halbe Stunde? Da kann irgendwas nicht in Ordnung sein. Vielleicht hatte der Fahrer einen Herzinfarkt und hängt jetzt halb oder ganz tot über dem Steuer. Ich ziehe mich an und gehe im Geiste ganz schnell die Reanimationstechnik durch. Wie war das noch gleich mit der stabilen Seitenlage? Als ich am Unglücksort eintreffe und ins dunkle Wageninnere schaue, entdecke ich dort sogar zwei Menschen. Wo Sex ein Ärgernis ist, wird Widerstand zur Pflicht. Gerade will ich an die Fensterscheibe klopfen, als mir die schwarze Haarfarbe des männlichen Fahrers auffällt. Keine Frage, da vögelt ein Weddinger Jungtürke.

Ich muß mich ernstlich fragen, ob ich mich denn nun wirklich so ärgere, oder ob es nicht gesünder sei, jetzt ganz schnell nach Hause zu gehen. Tolle Alternativen sind das: Im Bett wahnsinnig werden oder auf der Straße verbluten. Ich zünde mir eine Zigarette an, um Zeit zu gewinnen. Vielleicht hat er sein Messer gerade verlegt, und ich habe noch die Möglichkeit wegzurennen, nachdem ich ans Fenster geklopft habe. Plötzliche Bewegungen im Wagen, die eindeutig nicht sexueller Natur sind lassen meine Gedankengänge jäh abreißen. Der Fahrer legt den Rückwärtsgang ein, rast die Utrechter Straße hinunter und verschwindet in der Maxstraße. Was für ein banales Ende! So unangemacht stehen gelassen zu werden.

Ich setze mich auf den nahen Stromkasten und warte, ob Frauke noch vorbei kommt. Kommt aber nicht. Dabei hätt ich grad jetzt Bock auf ne kleine Maso-Nummer. Ich krieg aber auch nie was ich will.

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 26
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Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Leben zur Jahrtausendwende Sarah Schmidt: Hauptstadtstrom Jürgen Witte: Wie ich einmal total zynisch drauf war Ahne: Kleines Haus Andreas Scheffler: Modernisierungs- maßnahmen Hans Duschke: Mittagspause Bov Bjerg: Pffft ... Die Kunst des Weglassens Tube: Fünfen und Sechsen Hinark Husen: 30 Sekunden Operngeschichte Andreas Gläser: Stubenhocker Ahne: Wenn ich an Kreuzberg denke Wladimir Kaminer: Die erste eigene Wohnung Horst Evers: Das Gespräch Robert Naumann: Ohrenklappen in Marzahn Dr. Seltsam: Der Prozess Jürgen Witte: Die Technik wird weiblich Sarah Schmidt: Ich muß zelten Hinark Husen: Kleine Vorurteilskunde Bov Bjerg: Hinter Lychen Andreas Scheffler: Baugerüst Robert Rescue: Die gemietete Nacht Ulrich Hannemann: Herr Rolf Hans Duschke: Ist die Nordsee noch Mordsee Andreas Scheffler: Den Stier wenden Falko Henning: Norwegischer Urlaub
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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