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Bov Bjerg: Hinter Lychen

Ein Berliner Mythos, der nicht totzukriegen ist, ist das sog. Rausfahrn. Rausfahrn bedeutet, daß man am Samstag extra früh aufsteht, um sich ins sog. Grüne zu begeben.

Wenn man Glück hat, gibt´s direkt am S-Bahnhof von Birkendorf oder Borgswerder einen Biergarten, in dem der Städter dann den Tag vertrinkt, verdöst oder zerredet, während seine entzündeten Augen Erholung finden durch konzentriertes Anschauen der benachbarten sog. Natur, vertreten durch ein Spalier zerzauster Krüppelkiefern, dem sog. Wald. Wenn man großes Glück hat, liegt der Biergarten sogar direkt am sog. Wasser. Und wenn man ganz, ganz großes Glück hat, fährt man über´s Wochenende zum Paddeln an die Ober-Havel.

Drei Pärchen, darunter echte Feld-, Wald- und Wiesen-Fachleute: Eine Biologin, ein Geologe, eine Landschaftsplanerin, ein Strömungstechniker. Samstag Vormittag treffen wir uns am Bahnhof Oranienburg. Oranienburg ist fast noch Berlin, jedenfalls was den Hang zur Aufschneiderei angeht. Ich seh zwar nur ein halbes Dutzend Gleise, doch das, neben dem wir jetzt stehen, trägt die Nummer 26.

In Fürstenberg warten auf uns drei Kajaks, gelb wie Quietsche-Entchen. Auf geht´s, die Havel runter. Andere Paddler kommen entgegen und entbieten bizarre Grüße: »Ahoi!« Wir haben einen gemeinsamen natürlichen Feind: Den Motorbootfahrer. Er ist die Katze, wir sind die Maus; er ist der Hecht, wir sind der Karpfen. Barbäuchig steht er auf seinem Boot und tuckert an uns vorbei. Wenn seine Bugwelle kommt, müssen wir das Paddeln unterbrechen und zusehn, daß wir nicht kentern. Mit Abgasen markiert er sein Revier. Motorbootfahrer sind eine eigentümliche Spezies. Das Motorbootfahrer-Weibchen schmückt sich mit knappen Bikinis, doch das Männchen ist, ganz wie bei den Enten, das farbenprächtigere Geschlecht: Ein enorm voluminöser Bauch, der feuerrot glänzen kann, markiert seinen Status. Je größer und leuchtender der Bauch, desto größer das Motorboot. Wenn er noch nicht ausgewachsen ist, versucht der Motorbootfahrer-Erpel seinen relativ niedrigen Status mit waghalsiger Schnelligkeit wettzumachen. Ein Rennboot bietet dem Weibchen zwar nicht die sichere Gemütlichkeit einer Yacht, dafür aber die Aufregung, Potenz und Schnelligkeit der Jugend. Zum Beispiel beim Wasserski-Fahren. Der Anblick eines Knäuels Mensch, das in einem Affenzahn über den See geschleift wird, es aber trotz aller Mühen nicht gebacken kriegt, sich auf den Skiern endlich aufzurichten, versöhnt etwas mit Lärm, Gestank und Wellengang.

Inzwischen tun mir Schultern und Hände weh, und so langsam werden die Muskeln sauer - an Körperstellen, wo ich nie welche vermutet hätte. Ich reiß meine ganze Traute zusammen und rufe: »Ey, Leute, ich hab´ ne super Idee! Wir paddeln einfach zu dem Campingplatz da hinten und machen Feierabend für heute?« Alle andern: »Feierabend? Was, jetzt schon? Ist das dein Ernst?« Ihre Münder sprechen verschiedene Worte, in ihren Gesichtern aber steht das gleiche geschrieben: »Du Memme!« Da hinten, gleich hinter der Schleuse, da sei es viel angenehmer zu paddeln, »außerdem gibt´s da...« - Es folgen einige unverständliche Namen aus Flora und Fauna. »Und überhaupt, erst hinter Lychen ist es richtig schön!«

Hinter Lychen? Das sind ja nochmal mindestens fünf Kilometer! Es hilft nichts. Beim Örtchen Himmelpfort geht´s in die Schleuse: »Knock, knock, knocking on heaven´s door«. Links taucht prompt eine alte Kirche auf. Mensch, die würd´ ich mir jetzt gerne angucken. Ich wär sogar bereit, an einem Gottesdienst teilzunehmen. Wenn´s sein muss, als Messdiener! Bloß nicht mehr paddeln müssen. Stattdessen schwimmen wir, ich längst wie in Trance, ein Flüsschen namens Woblitz hoch.

Und tatsächlich, hier steppt der Bär: »Ey, haste das Tier gesehen?« juchzt die erste. »Ja, sah aus wie ne Mischung aus Fischotter, Bisamratte und Biber.« Der Ingenieur will es auch gesehen haben: »Es hatte so große, schwarze Augen!« Libellen beim Begattungsflug schwirren wie toll um uns herum, blaue und rote. Ich muss an Langstreckenbomber denken, die während des Fluges aufgetankt werden, und ernte für diesen treffenden Vergleich nur verständnisloses Kopfschütteln.

»Na«, frage ich die Landschaftsplanerin, »gut geplant, die Landschaft hier, was?« Ein Vogel, der irgendwie sensationell sein muss, kreist über uns. Ein Roter Milan? Ein Fischreiher? Ein Graureiher? Sie einigen sich auf die Formulierung: »Irgendein Greifer.« Die Biologin gesteht jetzt: »Ich hab von Vögeln eigentlich keine Ahnung.« Ein hübscher Scherz, der leider völlig untergeht. Ja, die Natur kennt keine Witze. Vermutlich ist es ein Geier, denke ich bei mir, der nur auf mich wartet. Der das schon riecht, daß ich es nicht mehr lange mache.

Vom Campingplatz, den wir laut Landkarte erwartet haben, existiert nur noch ein Plumpsklo. Zelte aufbauen, was kochen, und da fängt´s auch schon an zu regnen. Zu sechst sitzen wir in einem Zwei-Personen-Zelt und achten darauf, die Zelthaut nicht zu berühren. Gemütlich. Als wir uns müde gesessen haben, gehen wir schlafen. In unserem Zelt steht das Wasser. 40 Mark bei Aldi, was will man da erwarten.

Am nächsten Morgen knallt die nur kurzzeitig und vermutlich extra nach ihrem Aufgang mal eben herbeigeeilte Sonne aufs Zelt, das runtertropfende Kondenswasser weckt uns. Wir pellen uns ins Freie, total versifft. Geduscht wird auf dem Rückweg - der Regen prasselt in unsere Kajaks, besser: Sitzbadewannen. Erst schwach, dann stärker, schließlich aus vollen Kübeln. »We all live in a yellow Submarine!«

Obacht, abruptes Ende: Endlich, endlich sitzen wir wieder im Zug. Tja, das Schönste am Rausfahrn bleibt doch - na klar: das Reinfahrn.

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero
Nummer 26
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Leben zur Jahrtausendwende Sarah Schmidt: Hauptstadtstrom Jürgen Witte: Wie ich einmal total zynisch drauf war Ahne: Kleines Haus Andreas Scheffler: Modernisierungs- maßnahmen Hans Duschke: Mittagspause Bov Bjerg: Pffft ... Die Kunst des Weglassens Tube: Fünfen und Sechsen Hinark Husen: 30 Sekunden Operngeschichte Andreas Gläser: Stubenhocker Ahne: Wenn ich an Kreuzberg denke Wladimir Kaminer: Die erste eigene Wohnung Horst Evers: Das Gespräch Robert Naumann: Ohrenklappen in Marzahn Dr. Seltsam: Der Prozess Jürgen Witte: Die Technik wird weiblich Sarah Schmidt: Ich muß zelten Hinark Husen: Kleine Vorurteilskunde Bov Bjerg: Hinter Lychen Andreas Scheffler: Baugerüst Robert Rescue: Die gemietete Nacht Ulrich Hannemann: Herr Rolf Hans Duschke: Ist die Nordsee noch Mordsee Andreas Scheffler: Den Stier wenden Falko Henning: Norwegischer Urlaub
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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