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Robert Rescue: Die gemietete Nacht

Damals richtete sich meine Aufmerksamkeit auf die Leute, die vor Banken herumstanden und diese bewachten. Es muß ein langweiliger Job sein. Da waren sie in ihrer blau-grauen Uniform, die Arme hinter dem Rücken, von einer Seite zur anderen laufend und sie wirkten überhaupt nicht abschreckend, weil sie keine Pistolen trugen. Selten harte Burschen, sondern meist verwöhnte Wohlstandsmenschen, denen man eher Mitleid wegen ihres Jobs als Ehrfurcht vor ihrer Aufgabe entgegenbringt. Wie sollen die sich bloß verhalten, wenn eine schwer bewaffnete Dalton-Gang vorfährt, um die Bank zu leeren? Oder haben sie in ihren roten Baretts irgendwelche asiatischen Fernkampffrisbees versteckt, mit denen sie jede Bedrohung abwehren können?

Ich beschloß, mir einen von ihnen für einen Tag zu mieten, damit er etwas von mir bewachte. Mein Fahrrad zum Beispiel. Ich rief bei ASD (Allgemeiner Sicherheitsdienst) an und mietete eine Wachkraft. Das kostete 240 Mark sowie eine Mahlzeit, die ich zur Verfügung stellen mußte.

Eine Stunde später stand Heiner vor der Tür. Er war ein fettleibiger Mittvierziger, der seine Körperfülle zur Abwehr von Fahrraddieben einsetzen konnte, indem er sich einfach auf sie warf. Früher hatte er als Hebebühnenelektroniker gearbeitet und mit seinem neuen Job war er unzufrieden, wie er mir gleich erzählte. Ich hörte nicht darauf, sondern gab ihm den Auftrag, mein extra im Hof abgestelltes Fahrrad zu bewachen. Heiner machte kehrt. Später ging ich einkaufen und erkundigte mich auf dem Weg bei meinem persönlichen Objektschutzmann: »Na, Heiner? Alles klar?«

»Keine besonderen Vorkommnisse, Master Rescue.«

»Stillgestanden, Heiner!« brüllte ich mit einem Mal los. Heiner stand still. Was für ein erhebendes Gefühl, dachte ich mir. Endlich hört mal jemand auf mich und macht, was ich will.

Um seinen Job ordnungsgemäß zu erfüllen, mußte Heiner hinter mir herlaufen, als ich später in Richtung Prenzlauer Berg losfuhr. Ich nahm allerdings keine Rücksicht auf ihn, fuhr also mit gewohntem Tempo, so daß er mir bald schon hinterher hechelte. Jeden Ampelstop kommentierte er mit einem Aufatmen. Wenn ich irgendwo anhielt, um Freunde zu besuchen, dann blieb Heiner unten und kümmerte sich um mein Rad.

Traf es sich, daß sich in der Nähe eine Bank befand, so warf er auch dort einen bewachenden Blick hin, der Gewohnheit wegen. Am Abend kaufte ich einen Döner, um meinen Fahrradwächter zu verpflegen.

Um Mitternacht kehrte ich nach Hause zurück. Das Rad nahm ich mit in die Wohnung. Ich lasse es nie unten im Hof stehen. Heiners Dienstzeit ging noch bis fünf Uhr früh. Was sollte ich nun mit ihm anfangen? Ich wollte nicht, daß er die ganze Zeit im Flur steht und mein Fahrrad bewacht. Also lud ich ihn in mein Zimmer ein und spendierte ein Bier. Den Rest der Nacht betranken wir uns. Nebenbei ließ ich ihn ein paar Mal stillstehen, salutieren und »Jawohl, Master Rescue!«-rufen. Die übrige Zeit bis zu seinem Dienstschluß füllte ich mit einer weitschweifigen Darlegung meiner Hormonprobleme.

Zeichnung von A. Negrelli

Copyright: Robert Rescue

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 26
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Leben zur Jahrtausendwende Sarah Schmidt: Hauptstadtstrom Jürgen Witte: Wie ich einmal total zynisch drauf war Ahne: Kleines Haus Andreas Scheffler: Modernisierungs- maßnahmen Hans Duschke: Mittagspause Bov Bjerg: Pffft ... Die Kunst des Weglassens Tube: Fünfen und Sechsen Hinark Husen: 30 Sekunden Operngeschichte Andreas Gläser: Stubenhocker Ahne: Wenn ich an Kreuzberg denke Wladimir Kaminer: Die erste eigene Wohnung Horst Evers: Das Gespräch Robert Naumann: Ohrenklappen in Marzahn Dr. Seltsam: Der Prozess Jürgen Witte: Die Technik wird weiblich Sarah Schmidt: Ich muß zelten Hinark Husen: Kleine Vorurteilskunde Bov Bjerg: Hinter Lychen Andreas Scheffler: Baugerüst Robert Rescue: Die gemietete Nacht Ulrich Hannemann: Herr Rolf Hans Duschke: Ist die Nordsee noch Mordsee Andreas Scheffler: Den Stier wenden Falko Henning: Norwegischer Urlaub
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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