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Uli Hannemann: Herr Rolf

Zum Gestern werde ich zum Beispiel gefragt, ob ich mich an den Dreijährigen erinnere, dessentwegen 1968 das Nichtschwimmerbecken in Schöppenstedt gesperrt werden mußte. Wo bitte ist Schöppenstedt? Und ist 1968 sonst nichts Wichtiges passiert? Oder ich werde gefragt, ob ich mich an den 18-jährigen erinnere, der auf einer Klassenfahrt wegen unerlaubten Waffenbesitzes verhaftet wurde? Ich entgegne dann meistens, daß ich mich an nichts erinnere und daß das ganz, ganz kleine Waffen waren. Ich denke möglichst selten an gestern.

An Morgen denke ich erst recht nicht, weil ja sowieso keiner weiß, was da passiert.

Aber ich denke gerne an Heute. Das Heute bildet eine feste Brücke zwischen dem Gestern und dem Morgen und fügt auf wunderbare Weise scheinbar Zusammenhangloses wieder zusammen, so daß es urplötzlich einen Sinn ergibt! Das Heute schreitet in buntem Gewande fürbaß. Es ist berechenbar und doch nicht langweilig. Heute sitze ich beim Zahnarzt.

»Hallo, Herr Hannemann, lange nicht mehr gesehen«, schüttelt er mir die Hand, »setzt dich schon mal rein, ich komme gleich!« Ich liege auf dem bequemen Zahnarztstuhl und besinne mich. Zahnarzttermine sind fast sakrale Momente der Besinnung. Viel bedeutendere Eckpfeiler als Geburtstage, weil viel seltener. Eine Duftmarke die die Zeit an den Baum des Lebens pinkelt. Die Jahresringe sind die Kronen, die bei jedem Besuch neu dazukommen.

Herr Rolf ist zurück, zusammen mit den Zahnarzthelferinnen, die ich auch schon seit immer kenne.

»25, Füllung; 26, kariös; 27, Krone« reimt er eigentümlich um dann zu variieren: »28, kariös; 29, Krone; 30, Füllung.«

»Wann waren wir denn das letzte Mal da?« beginne ich die Kette unserer heißgeliebten Rituale.

»1995« antwortet der Doc und lacht: »Hast ja schon graue Haare, Herr Hannemann.« Ich nicke bewundernd, wie der fast blinde Mann das erkannt hat und mustere vestohlen meine Lieblingshelferin: Gestern noch war sie ein kleiner Springinsfeld mit Zöpfen und Zahnspange sowie einem Blumenkleidchen, das man wegen des Kittels nicht einmal erahnen konnte. Und heute? Graue Haare!

»Dieses Gebiss weist starke Gebrauchsspuren auf«, meint Herr Rolf wie jedesmal, »naja, immer noch besser, als mit der Magensonde ernähren.« Die Helferinnen lachen, wie jedesmal. Ich lache, wie jedesmal. Dann ist der Chef besser gelaunt und spart nicht an der Betäubung. Geliebte Rituale. Sinnvolle Rituale. Rituale der Zeit.

Jaja, die Zeit: Seine Hand, die den großen Bohrer hält, zittert merklich stärker als früher. Die Gicht, die ist ein schlimmer Feind. Die eine Helferin hält den vibrierenden Arm, die andere - sie scheint inzwischen übrigens eine Beinprothese zu tragen, aber ich bin mir da nicht sicher - stützt den rüstigen Greis, damit er nicht auf den Patienten fällt.

»Weißt du noch, Herr Hannemann«, schwatzt der munter weiter, während der Bohrer surrt, »damals beim ersten Termin? Kaum Flaum hinter der Ohren, immer ne Fahne und so ne schwäbelnde kleine Dicke im Schlepptau...?«

»Ja... Sylvia«, spreche ich mir den Bohrer ins Zahnfleisch, »die Zeit vergeht.«

»Jaja, die Zeit vergeht... vergeht... vergeht.« Mein Zahnarzt ist im Stehen eingeschlafen und wispernd geben sich die Helferinnen Kommandos, füllen leise die Löcher, um den alten Mann nicht zu wecken. Dann verlasse ich die Liege, und wir betten den Alten dorthin. Heute schnarcht er. Morgen weiß keiner was passiert.

Am Counter zieht die Helferin meine Karte durch´s Lesegerät. »Du bist ja schon wider umgezogen, Herr Hannemann«, staunt sie, »wer hat denn diesmal wen rausgeschmissen?«

»Ich mich«, stottere ich, »nee, wir uns, nee, geht dich doch gar nichts an, Frau Äääh...«

Frau Äääh wird ernst: »Willst du nicht endlich mal zur Ruhe kommen? Du hast doch schon graue Haare!«

»Selber«, sage ich frech, aber heute werde ich auch total nachdenklich.

Morgen nehme ich einen Sack Amalgam, nein, zwei Säcke Amalgam. Morgen bringe ich drei Säcke Amalgam zu meinem Zahnarzt und halte bei ihm um die Hand seiner Zahnarzthelferin an.

Copyright: Uli Hannemann

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 26
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Leben zur Jahrtausendwende Sarah Schmidt: Hauptstadtstrom Jürgen Witte: Wie ich einmal total zynisch drauf war Ahne: Kleines Haus Andreas Scheffler: Modernisierungs- maßnahmen Hans Duschke: Mittagspause Bov Bjerg: Pffft ... Die Kunst des Weglassens Tube: Fünfen und Sechsen Hinark Husen: 30 Sekunden Operngeschichte Andreas Gläser: Stubenhocker Ahne: Wenn ich an Kreuzberg denke Wladimir Kaminer: Die erste eigene Wohnung Horst Evers: Das Gespräch Robert Naumann: Ohrenklappen in Marzahn Dr. Seltsam: Der Prozess Jürgen Witte: Die Technik wird weiblich Sarah Schmidt: Ich muß zelten Hinark Husen: Kleine Vorurteilskunde Bov Bjerg: Hinter Lychen Andreas Scheffler: Baugerüst Robert Rescue: Die gemietete Nacht Ulrich Hannemann: Herr Rolf Hans Duschke: Ist die Nordsee noch Mordsee Andreas Scheffler: Den Stier wenden Falko Henning: Norwegischer Urlaub
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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