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Hans Duschke: Ist Nordsee noch Mordsee

Ich sah ihn auf der Überfahrt von Schlüttsiel nach Amrum. Den kleinen Maximilian Scheufele, wie er von den Zeitungen genannt wurde. Mir kam er nicht so klein vor. Eher pummelig. Ein großes, dickes Kind. Mit dem Fernglas stand er an der Reling und beobachtete die Halligen und das Wattenmeer, lief aufgeregt hin und her, rüber zu seinen Erzeugern (Doppelhaushälfte, A-Klasse), sich einen Öko-Keks geben zu lassen, zur Brücke des Kapitäns, die Bedienungsanleitung der Rettungsinseln... immer hin und her.

»Soll I dir zoige, wo des Häusle isch?« fragte ihn seine Mutter, ob er auf Klo müsse. »Noi, Mama...«, und wieder mit dem Fernglas die Sandbänke abgesucht.

Was dann geschah; ich habs nicht selbst gesehen: Die Mutter schrie. Das Schiff hielt an. Das Horn ertönte. »Mann über Bord!« - der Befehl an die Seeleute. Die liefen an alle Ecken des Schiffs, sie waren zu viert, und begannen Ausschau zu halten.

Der dicke Max war über Bord gegangen. Ein paar mal sahen wir ihn noch, auf der linken Seite, vielleicht wars auch ein Stück Holz - dann war er verschwunden.

In kürzester Zeit erschienen Polizeiboote und Hubschrauber. Die Fähre und alle Autos darauf und die Nordsee drumherum wurden gründlich durchsucht, wir mußten Namen und Anschrift hinterlassen.

Dämmerung legte sich über das Meer. Kein Max und kein Moritz war zu sehen. Endlich beschloß man weiter zu fahren.

Mit zweistündiger Verspätung kamen wir auf Amrum an. Und als wir unsere Ferienwohnung gefunden hatten, ausgepackt und eingeräumt, und wir saßen um den Wohnzimmertisch herum, da waren wir uns einig, daß das ja wohl ein ziemlicher Hammer sei, zum Urlaubsauftakt, und wir wünschten Maximilian alles, alles Gute, und gingen dann schlafen, müde von der Fahrt und der Aufregung. (Im Stillen aber hoffte ich, daß seine Leiche nicht an unserem Strand angespült werden würde.)

In den nächsten Tagen war der kleine Max Gesprächsstoff in sämtlichen Cafés und Restaurants. Er wurde nicht wiedergefunden. Das Entsetzen war groß. Der Inselbote erschien mit Sonderseiten.

Am Dienstag, vier Tage später also, brachen wir schon am Vormittag auf: Sechs Kilometer Radweg zum Hafen, um von dort mit der MS Eilun eine Naturbesichtigungsfahrt zu den Seehundsbänken zu unternehmen.

Der kleine Kahn war bis zum letzten Platz gefüllt. Entsprechend gut gelaunt der Kapitän.

Da kamen die Seehunde in Sicht. Bis zu zwei Meter lang und 100 Kilo schwer ließen sie sich auf der Sandbank den Pelz bescheinen.

»Bitte seien Sie jetz s-till«, sagte der Kapitän, »die Seehunde sind sehr scheu und haben gute Ohrn.«

Um uns herum versuchten Eltern ihre lärmenden Bälger im Zaum zu halten. Dann wurden die Ferngläser ausgepackt. Meine Frau war es (Sie hatte sich - »Darf ich mal bitte, nur ganz kurz...« - ein Glas ausgeliehen), die den rosaen Bauch zwischen den Jungtieren entdeckte. »Max! Das ist doch der Max da hinten!« Die anderen sahen ihn nun auch und winkten und riefen: »Max! Mäxle! Hierher!« Fluchtartig verließen die Robben die Sandbank und tauchten davon. Eine Zeit lang lag das Mäxle allein im Sand, dann sprang er hinterher.

Meeresbiologen der Robbenaufzuchtstation St. Peter-Ording wurden herbeigeholt und am nächsten Tag gelang es, den Max mit Hilfe eines Betäubungsgewehres einzufangen. Damit schien die Geschichte ein glückliches Ende gefunden zu haben.

Auf der Rückfahrt mit einem anderen Dampfer, begegnete uns noch einmal die wieder vereinte Familie Scheufele. Vater Scheufele kam rüber, um sich bei meiner Frau zu bedanken, und daher weiß ich auch, wie die Geschichte vom kleinen Max ausgegangen ist.

Seine Mutter hatte ihn erst einmal gründlich abgeschrubbt, aber der Fischgeruch blieb an ihm haften. Statt Keksen wollte er nur noch Krabben und rohen Fisch. Stundenlang lag er in der Sonne, hob nur gelegentlich den Kopf und rief etwas Unverständliches (Es klang wie »ujing, ujing«). »Ja, unser Sohn ist viel ruhiger«, bestätigt Mutter Scheufele. Sie hofft, er bleibt so.

Und nächstes Jahr, das haben sie dem Maxi versprechen müssen, kommen sie wieder nach Amrum.

Zeichnung von A. Negrelli

Copyright: Hans Duschke

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 26
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Leben zur Jahrtausendwende Sarah Schmidt: Hauptstadtstrom Jürgen Witte: Wie ich einmal total zynisch drauf war Ahne: Kleines Haus Andreas Scheffler: Modernisierungs- maßnahmen Hans Duschke: Mittagspause Bov Bjerg: Pffft ... Die Kunst des Weglassens Tube: Fünfen und Sechsen Hinark Husen: 30 Sekunden Operngeschichte Andreas Gläser: Stubenhocker Ahne: Wenn ich an Kreuzberg denke Wladimir Kaminer: Die erste eigene Wohnung Horst Evers: Das Gespräch Robert Naumann: Ohrenklappen in Marzahn Dr. Seltsam: Der Prozess Jürgen Witte: Die Technik wird weiblich Sarah Schmidt: Ich muß zelten Hinark Husen: Kleine Vorurteilskunde Bov Bjerg: Hinter Lychen Andreas Scheffler: Baugerüst Robert Rescue: Die gemietete Nacht Ulrich Hannemann: Herr Rolf Hans Duschke: Ist die Nordsee noch Mordsee Andreas Scheffler: Den Stier wenden Falko Henning: Norwegischer Urlaub
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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