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Andreas Scheffler: Den Stier wenden

»Hast Du heute schon den Stier gewendet?« fragt Sabine, und ich erschrecke. »Oh nee, hab ich vergessen, mach ich aber sofort.« Ich hole die Gießkanne, fülle den Stier auf und wende ihn. Unser Stier ist vermutlich das Dümmste, was wir uns jemals angeschafft haben. Vielleicht mal abgesehen vom Ananasschneider, der Blumenampel und dem Kochbuch mit der Brigitte-Diät. Jetzt haben wir ein Rindvieh in der Wohnung, und ich bin sein Pfleger. Wir hätten auch ein Schaf, einen Hund oder ein Kaninchen nehmen können, aber als Sabine bei Lidl den Stier sah, konnte sie nicht widerstehen und mußte ihn gleich kaufen. Zugegebenermaßen waren vier Mark 95 nicht viel Geld. Zuhause wurde ich zum Stierpfleger ernannt.

Das Tier ist etwa 16 Zentimeter lang, 11 Zentimeter hoch und aus gebranntem Ton. Manche nennen das Terrakotta, aber dieses eklige Wort kommt mir nicht über die Lippen. Unser Stier ist ein Chia Pet und kommt aus dem fernen Osten. Ein Chia Pet funktioniert so, daß in die Rillen, die in seinen Leib eingearbeitet sind, dicht an dicht kleine Samenkörner eingelegt werden. Die Samen und das Vieh müssen vorher eingeweicht werden. Nach ein paar Tagen sprießt es, und auf dem Ding wächst eine Art Wiese, nicht aber als Rasen, sondern mit einer ausgesprochen häßlichen Gräserart. Täglich muß der hohle Stier auf der Fensterbank mit Wasser aufgefüllt und gewendet werden, weil sonst das Gras einseitig, dem einfallenden Licht entgegen strebt. Das sieht blöd aus. - Wie gesagt, unsere vermutlich dümmste Anschaffung. Nutzlos, langweilig, häßlich. Ich aber wende an jedem Tag nach dem Aufstehen als erstes den Stier. Warum? - Weil er nun einmal da ist und immerhin vier Mark 95 gekostet hat. Wenn er vertrocknete, müßte ich die Wurzeln aus den Rillen kratzen und den Stier neu einsähen. Wir haben noch fast ein ganzes Tütchen mit Samen. Zur Ehrenrettung meiner Frau muß ich übrigens sagen, daß sie das Ganze nach wenigen Tagen auch blöd fand. Aber es ist ja nun mein Stier, also muß ich auch für ihn sorgen.

Manche werden nun sagen: »Mensch, Scheffler, hast Du nichts Anderes zu tun!« - Nee, hab ich nicht. Ich empfehle allen Rentnern und Arbeitslosen, die zuviel Freizeit haben, an Stelle der Hundehaltung sich alle Fensterbänke mit Chia Pets vollzustellen. Das hält einen auf Trab, und Dreck macht es auch nicht. Es kann nur vorkommen, daß man sich manchmal fühlt wie der letzte Trottel.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 26
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Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Leben zur Jahrtausendwende Sarah Schmidt: Hauptstadtstrom Jürgen Witte: Wie ich einmal total zynisch drauf war Ahne: Kleines Haus Andreas Scheffler: Modernisierungs- maßnahmen Hans Duschke: Mittagspause Bov Bjerg: Pffft ... Die Kunst des Weglassens Tube: Fünfen und Sechsen Hinark Husen: 30 Sekunden Operngeschichte Andreas Gläser: Stubenhocker Ahne: Wenn ich an Kreuzberg denke Wladimir Kaminer: Die erste eigene Wohnung Horst Evers: Das Gespräch Robert Naumann: Ohrenklappen in Marzahn Dr. Seltsam: Der Prozess Jürgen Witte: Die Technik wird weiblich Sarah Schmidt: Ich muß zelten Hinark Husen: Kleine Vorurteilskunde Bov Bjerg: Hinter Lychen Andreas Scheffler: Baugerüst Robert Rescue: Die gemietete Nacht Ulrich Hannemann: Herr Rolf Hans Duschke: Ist die Nordsee noch Mordsee Andreas Scheffler: Den Stier wenden Falko Henning: Norwegischer Urlaub
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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