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Falko Hennig: Norwegischer Urlaub

»Gustav, ein schönes Wochenende«, sagt er.

»Was gibt es?« fragt Kröger.

»Wir müssen es uns ansehen, Mord, ohne Zweifel. Eine weibliche Leiche, unbekleidet, noch nicht lange tot, vielleicht eine halbe Woche. Oben in den Wäldern im Norden, halbe Strecke nach Trontheim. Ich hole dich gleich ab.«

Gerichtsmediziner Arsond und der Fotograf und ein Kollege von der Spurensicherung warten schon am Flughafen. Sie steigen ein in die kleine Cessna und heben ab. Kröger schaut hinunter, wo Straßen und Häuser seltener werden, je mehr sich das Flugzeug von Oslo entfernt, dann nur noch Wälder, die Fjörde, Wolken wie Rauch. Schließlich landen sie auf einer holprigen Schotterpiste im Nirgendwo. Dorfpolizisten nehmen sie in Empfang.

»Wer hat die Leiche gefunden?« fragt Kröger. Ein dünner, mittelalter Mann mit einem schmalen Gesicht unter einer Schirmmütze stellt sich vor, er ist der örtliche Forstverwalter:

»Mir war sofort klar, daß es ein Verbrechen sein muss. Sie werden es auch sehen. Sie war so merkwürdig verdreht, die Beine und Arme, ich wußte gleich, daß sie tot war. Ich bin trotzdem hin und habe sie angefaßt, um vielleicht erste Hilfe zu leisten oder so. Aber sie war schon ganz kalt.«

Sie steigen alle in einen Kleinbus, fahren über schottrige Serpentinen. Der Bus stoppt.

»Wir müssen hier zu Fuß weiter«, sagt der Dorfpolizist, »es ist aber nicht weit.« Sie steigen zwischen Baumstümpfen über hohes Gras und Farn. Da liegt sie. Auf dem Rücken, in den trüben Augen spiegelt sich der Himmel. Der Fotograf beginnt Aufnahmen zu machen. Es ist die Leiche einer blonden Frau von Ende 30, sie ist nackt, wenn man Taucherbrille, Schnorchel und Schwimmflossen nicht als Kleidung gelten läßt.

Während der Fotograf knipst, der Kollege von der Spurensicherung herumläuft und kleine Proben von irgendwas in Tütchen steckt und der Arzt die Temperatur der Leiche mißt, befragt Kröger den Polizisten:

»Wie kann die Frau hierhergelangt sein?« Der Polizist zuckt mit den Achseln: »Eigentlich gar nicht. Es ist nicht so, daß wir hier alles überwachen, aber trotzdem glaube ich nicht, daß hier jemand unbemerkt herkommen könnte. Die einzige Straße führt durch Trondö, drei Häuser, eins davon meins. Kein fremdes Auto bleibt da unbemerkt. Auch nicht in der Nacht.«

»Mit einem Geländewagen hätte man doch das Dorf auch umfahren können?«

»Das wäre aufgefallen, eigentlich ist alles abgesperrt. Obwohl, irgendwie hat es der Perverse ja doch geschafft.«

»Welcher Perverse?«

»Na, es ist doch klar, daß es ein Perverser war.« Er sieht Kröger an, als wäre es ganz ausgeschlossen, daß jemand das nicht erkennt. »Die Schwimmflossen, die Taucherbrille und der Schnorchel. Hier ist kilometerweit kein See. Wissen Sie was? Das waren irgendwelche Perverse aus der Stadt und dann ist was schiefgegangen. Vielleicht hatten sie ja auch noch Gummimasken oder so.«

»Gut, ich danke Ihnen soweit«, sagt Kröger.

Jan lacht mich aus, als ich ihm sage, daß ich schwimmen gehen will. Er war heute morgen kurz im Wasser, es war so kalt, daß sein Schwanz zu einem kleinen Wurm zusammengeschrumpelt war. Wir haben ihn dann aber zusammen wieder zum Leben erweckt, auf einer Decke unter freiem Himmel. Unser erster Urlaub ohne die Kinder. Und jetzt lacht er mich aus, er ist an dem Campingkocher zu Gange. Wir werden wieder Spaghetti haben heute, wie schon die ganze Woche über. Aber was solls?

Kröger geht zum Mediziner. Der notiert sich einiges in seinem Notizbuch, blickt kurz zu Kröger auf, der fragt: »Vergewaltigung?«

»Kann sein. Aber wenn das eine Vergewaltigung war, dann war es die sonderbarste in meiner Laufbahn.«

»Wieso?«

»Sie hat zweifellos Verkehr gehabt, bevor sie gestorben ist. Aber wie sie gestorben ist? Er muß sie erschlagen haben. Mit einem Knüppel verpügelt, aber in Irrsinnswut. Keine Hautreste unter den Fingernägeln, keine Würgemale. Er scheint ihr so ziemlich jeden Knochen im Leib gebrochen zu haben. Für Genaueres wirst du dich gedulden müssen.«

»Und wie lange ist sie tot? Ungefähr?«

»Ein, vielleicht auch zwei Tage? Dazu muß ich noch die Wetterberichte vergleichen.«

Kröger schaut sich die Schwimmflossen genau an, bevor der Körper der Frau auf eine Bahre gelegt wird. Einen Moment befürchtet er, sie müßten mit der Leiche in dem Kleinbus zurück fahren. Doch da sieht er schon den Krankenwagen, den sie von irgendwoher organisiert haben.

 

Ich ziehe mir die Schwimmflossen an, Taucherbrille auf und Schnorchel in den Mund, dann steige ich runter zum Wasser, werfe mich mit einem Ruck hinein und im ersten Moment will mir der Atem stocken vor Kälte. Doch dann bewege ich mich mit gleichmäßigen Schwimmzügen fort. Ich schnorchle, das Wasser ist dunkelgrün und blau, manchmal sehe ich die kleinen silbernen Fische. Es ist kalt, doch nach einigen Minuten hat man sich daran gewöhnt, vermutlich machen es die Fische genauso. Diese Fjorde sind immer kalt. Wir machen nun schon seit fast zehn Jahren Urlaub in Norwegen, egal wie heiß der Sommer war, noch immer war das Wasser der Fjorde kalt wie Eis. Aber genau das ist das Schöne.

 

Kröger fragt den Kollegen von der Spurensicherung: »Und? Wie kann sie hierhergekommen sein?«

»Keine Autospuren, bis jetzt nur die von uns und dem Förster.«

»Mit Fahrrädern?« fragt Kröger.

»Es hat lange nicht geregnet hier«, sagt der Polizist, »auch Fahrradspuren hätte ich sicher gefunden. Und glaubst du, er ist mit einem Tandem hierhergekommen, zieht ihr Schwimmflossen an, erschlägt sie und fährt wieder zurück?«

Kröger antwortet nicht. Er geht mit dem Polizisten zum Bus, sie fragen nach, ob es in der Provinz eine Vermisstenmeldung gegeben hat. Doch die Antwort ist negativ.

Sie fahren schweigend zurück. Kröger schaut seinen Assistenten Claus Norwaldt an und fragt: »Glaubst du auch, daß es Perverse waren? Bei einer merkwürdigen Sexualpraktik?«

»Ich weiß nicht«, sagt Norwaldt. »Jedenfalls war es kein natürlicher Tod.« Das sicher nicht, denkt Kröger. Aber was für eine Erklärung sollte es geben? Was für ein Mord sollte das sein, der so unauffällig war, wie eine Vogelspinne auf der Geburtstagstorte?

Ich tauche auf, schwimme kurz auf dem Rücken. Die Sonne ist stark genug, daß sie mich wärmt. Dann tauche ich weiter, paddel mit den Flossen noch mehr zur Mitte der Bucht. Ich merke, wie meine Brüste klein und fest werden vom Wasser. Ich werde mich aufwärmen müssen. Man darf es nicht übertreiben. Ein Muskelkrampf kann tödlich sein hier auf dem Wasser. Ein Brummen, ich glaube ein Motorboot.

Sie sind wieder an der Rollpiste, steigen in die Cessna. Kröger versucht ein Gespräch anzufangen mit dem Piloten, der erst nichts mitkriegt, wegen seiner Kopfhörer. Doch dann hat er verstanden, dreht sich um zu Kröger.

»Schlimm?« fragt er. Er weiß nur, daß es um Mord geht und keine Einzelheiten. Kröger antwortet nicht, fragt stattdessen: »Sie kennen die Gegend hier?«

»Und ob! Ich hatte die ganze Woche hier zu tun.«

»Und ein See, wo ist der nächste See von hier?«

»Ach da gibts eine Menge, aber die meisten waren für mich zu klein. Ich musste immer 150 Kilometer zum Hagelfjord.«

»Zu klein? Wofür zu klein?« fragt Kröger.

»Wir hatten doch die ganze Woche mit den Bränden im Glommatal zu tun. Es gibt Hubschrauber, die können auch aus einem kleinen See Wasser holen. Aber ich flog das Löschflugzeug. Die sind doppelt, dreimal so schnell wie normale. Die brauchen nicht landen zum Wasseraufnehmen. Die zischen einfach über die Wasseroberfläche und nehmen das Wasser auf. Genial!«

Sehr unwahrscheinlich, hier in der Gegend ein Motorboot? Das Brummen wird stärker, immer lauter, ich schaue mich um. Gischt, ein riesiger offener Rachen, spritzendes Wasser, ein Hai! Ich bekomme einen Schlag, werde gegen eine Blechwand geschleudert. Ich schlucke von dem brackigen, eiskalten Wasser. Meine Schulter schmerzt, ich habe Mühe, wieder an die Oberfläche zu kommen. Es ist wie ein reißender Fluß, wie Wildwasser. Ich sehe kaum noch Licht, es wird weniger, das Brummen noch lauter. Der Lichtspalt wird schmaler, versiegt ganz. Nochmal gegen die Wand , diese Schmerzen.

Was ist passiert? Wie in einem angekippten Bottich schwappt das Wasser von einer Ecke in die andere. Es brummt, wie im Rumpf eines Bootes. Bin ich tot? Hat mich ein Motorboot in Stücke gerissen? Nein, nur die Schulter, sonst scheint alles noch heil. Der Druck in den Ohren, ja das ist es. Ein Flugzeug. Aber was soll das für ein Flugzeug sein? Ich muss mich bemerkbar machen. Gegen die Blechwand klopfen. Aber das gibt überhaupt kein Geräusch, nicht mal ich selber kann etwas hören.

Vielleicht ruft Jan die Polizei? Aber wie, womit? Bis zum nächsten Telefon ist es eine Stunde. Wie komme ich in ein Flugzeug? Und warum schwimme ich weiter im Wasser? Ich tauche bis zum Grund, doch überall das gleiche undurchdringliche Blech.

Gottseidank, es ist zu Ende. Ein Lichtschein, die Klappe öffnet sich wieder. Das Wasser fließt ans Licht, gleich werde ich von diesem Albtraum erlöst. Ich sehne mich nach Jan. Das Wasser strömt hinaus. Ich falle mit dem Wasser. Ich falle aus großer Höhe, dort unten sind Bäume und Rauch. Es ist kalt und ich habe Schwimmflossen an, die Taucherbrille, hinter deren Befestigung noch der Schnorchel steckt. Es brennt, der Rauch schmeckt bitter. Ich falle wie Regen mit dem Wasser. Ich schließe die Augen. Gleich ist es vorbei.

Copyright: Falko Hennig

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 26
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Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
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Kvara Bistroj: Der Ausländer
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