Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Meinung
(Tube) Früher, es war in der DDR, da hat einmal unser Nachbar seinen Kopf aus dem Fenster der Parterrewohnung gesteckt und über die Straße gerufen: »Osten gut, Westen schlecht!« Dann hat er den Kopf wieder eingezogen, kurz darauf wieder rausgesteckt und gerufen: »Osten geht so, Westen besser«, Kopf wieder rein, Kopf wieder raus: »Westen gut, Osten schlecht«, und das ganze hat er solange wiederholt, bis ihn die Stasi eingefangen, weggeschleppt und einen ganzen Tag gefoltert und verhört hat. Die Rufe galten übrigens allein seinem Sohn, der auf dem Dach des Hauses stand und die Fernsehantenne ausrichten sollte.
Kleiner Knigge für Berlin-Touristen I
(Sarah Schmidt) Nicht, wenn ich mal Bus fahren will, in meiner Stadt, immer laut schwatzend die guten Plätze im Doppeldecker, oben, ganz vorne besetzten und von einer Endstation zur anderen fahren.
Kindererziehung mal ganz anders
(Sarah Schmidt) Vor einer Weile war ich im Ruhrgebiet und wie sich das gehört, wenn ein Spiel ist, dann geh ich auf Schalke. Mit ein paar Freunden zusammen sitz ich in der Kurve und schrei mir den Hals wund. Drei, vier Plätze neben uns sitzt ein Vater mit seinem 7-jährigen Sohn. Die beiden sind echte Fans, das sieht man schon an der Schalke-Kleidung. Plötzlich schafft Yves Eigenrauch einen Durchbruch, rennt aufs Tor zu, zielt, schießt und trifft. Das Stadion tobt, alle stehen auf den Rängen und tanzen. Etwa drei Reihen über uns kann sich ein dicker Mann nicht mehr halten, verliert das Gleichgewicht und kullert runter; genau auf den kleinen Jungen! Der bricht zusammen, der betrunkene, dicke Mann rappelt sich auf, entschuldigt sich und torkelt wieder auf seinen Platz. Der Vater guckt den blutenden Jungen an, hilft ihm hoch und sagt: »Du musst aber auch mal ein bisschen besser aufpassen!« Tolle Erziehung!
Big Doctor
(Falko Hennig) Auf dem Anrufbeantworter blinken 14 Anrufe. Holla, da guck, ich bin doch ein gefragter Mann. Und da klingelt das Telefon schon wieder. »Ja?« »Guten Abend, hier ist Marker, IDEA-TV-Fernsehproduktionen. Sie haben sich bei uns als Probekandidat für Testsendungen von neuen Showformaten beworben?« »Äh, ja.« »Gut. Schön, daß ich sie endlich erwische, ich hab schon 14mal angerufen. Arbeitstitel der Show ist Big Doctor. Ihnen werden neun Ultraschallsonden eingepflanzt, die rund um die Uhr das Zusammenleben ihrer inneren Organe im Körper abfilmen. Damit's interessant bleibt, gibt's von Zeit zu Zeit kleine Herausforderungen für ihre Organe, mal ein wenig verdorbener Fisch, mal ein kleines Stück Metall mit den Logos unserer Werbepartner, sie verstehen. Und alle zwei Wochen können die Zuschauer dann abstimmen, welches innere Organ sie am meisten gelangweilt hat. Das muss dann raus. Haben sie Interesse?«
Verpasst
(Andreas Scheffler) Wie durch Watte dringen die Geräusche der Bohrmaschine aus der Nachbarwohnung in meinen Schädel. Ganz langsam werde ich wach; das Bett klebt verschwitzt an meiner Brust, und ich starre aus brennenden Augen auf meinen Wecker: Zwölf Uhr. Verdammt! So ein Mist! Um elf hatte ich einen wichtigen Termin. Klaus und ich wollten uns in einer neueröffneten Kneipe in Friedrichshain treffen, in der das Bier, null drei, von elf bis zwölf Uhr nur eine Mark kostet. Pech.
Ein Krokodil im Zoo
(Bov Bjerg) Grinsend liegt der breite Schädel flach auf dem Beton. Rutscht mir doch den Buckel runter. Ich hab die Saurier noch gesehen, so what? Gelassenheit durch Bestand in der Evolution. Doch der Preis ist hoch. Wäre der Türsteher vom Club Erde nicht so liberal, hätte das Tier wohl längst schon keine Chance mehr, hier hereinzukommen. Sein Outfit geht nicht mal mehr als »80er Jahre« durch. Und besonders gut tanzen kann es auch nicht.
Kleiner Knigge für Berlin-Touristen II
(Sarah Schmidt) Nicht mit dem Auto durch die »neue Mitte« fahren, Tempo 20, Augen überall, nur nicht auf der Straße, plötzlich anhalten, ohne zu blinken, alles blockieren, weil man soeben den Gendarmenmarkt entdeckt hat, aber zu faul zum Aussteigen ist.
DDR-Witz Nr. 3932
»Es war ja nicht alles schlecht damals.« »Aber die Autobahnen...« (Bov Bjerg)
Der Fachmann
»Du bist jetzt … « sagt er und seine Augen schweifen eine Kunstpause lang über die vor ihm stehende Gestalt » … als Frau, sagt ich mal«, und wie ernsthaft er das sagt »… an dieser Sache erstaunlich interessiert.« Kurz später kam heraus, dass es sich um irgend etwas total Blödes, Naturwissenschaftliches drehte. Aber wie er mit einem ausdrucksvoll forschenden Blick ihre Geschlechtszugehörigkeit, ihr fundamentales Anderssein, identifiziert, verifiziert und klassifiziert hat, einfach so mitten im Satz. Das kam so herablassend, gönnerhaft und doch war es als Kompliment gemeint. (Jürgen Witte)
Auswüchse des Atheismus
Ella fragt wegen einer Gipstafel die ein biblisches Motiv darstellt: »Was'n das?« »Jesus und seine Jünger.« »Was sind'n Jünger?« »Dasselbe wie Apostel, nur jünger.« (Falko Hennig)
Witz ohne Bart
(Bov Bjerg) Wenn endlich der letzte Bundeswehrsoldat in seiner feschen Uniform aus Zink nach Haus geflogen wird, dann wird Rudolf - »Ist das etwa aaauch Propaganda?« - Scharping vor die Nation treten: »Heute weiß ich, dass es richtig war, alles Grieneisen zu überlassen.« Wir aber werden ihm entgegnen: »Fahr zur Hölle, Scharping! Es ist eben nicht pietätlos, Preis und Leistung für eine Bestattung zu vergleichen!«
So lacht der Wedding
(Hinark Husen) Vor mir machen sich gerade zwei jugendliche Freundinnen daran die Straße zu überqueren, als aus der Groninger Straße ein Auto mit überhöhter Geschwindigkeit um die Ecke biegt, mit quietschenden Reifen zum Stehen kommt und den verdutzten Mädels den Weg abschneidet. Der Beifahrer, ein schwarzhaarig-pomadierter Mitzwanziger, kurbelt das Fenster runter und fragt die jungen Damen: »Na wie wär's denn, wollt ihr nicht einsteigen?« Die beiden Mädchen fangen an zu gackern, und ich muss zugeben, auch mich überkommt heftige Heiterkeit. Die Westentaschenmachos sind in einem Smart unterwegs. Sie fahren den lachenden Frauen noch ein wenig auf dem Bürgersteig hinterher und entschwinden dann in die Malplaquetstraße.
Kleiner Knigge für Berlin-Touristen III
(Sarah Schmidt) Rucksacktouristen, die sich in der vollen U-Bahn fühlen wie ein kleines Reh, aber den Platz eines Seelefanten brauchen und allen gnadenlos ihren Buckel um die Ohren hauen, bekommen mitunter auch mal Prügel.
Hauptstadtsprech
»Hallo, hier ist die Gabi«, meldet sie sich am Telefon, »ist dein Frauchen da?« Falls die Gabi, die wegen gemeinsamer Söhne beim Fußball neuerdings oft mit uns telefoniert, eines Tages auch mal nach mir fragen wird, was sagt sie dann? »… ist dein Männchen da?«? Nein, Gabi ist eine, die findet Frauen eher klein und schwach; Männer aber, stellt sie sich ganz anders vor. Verniedlichen kommt da wohl kaum in Frage. Wahrscheinlich schlägt ihr der Wortschatz dann ins Gegenteil um und sie nennt mich Macker oder Kerl. Ganz liebevoll natürlich. (Jürgen Witte)
Kleiner Knigge für Berlin-Touristen IV
(Sarah Schmidt) Niemals sagen: »Boah, hier in Berlin ist es aber sehr dreckig.« Auch nicht: »Nach Kreuzberg gehen wir aber nicht, da ist es ja so gefährlich.« Ihr Menschen, die ihr stattdessen am Bereitscheidplatz herumlungert. Übrigens: Keiner wird gezwungen, in der Kneipe zu sitzen und Berliner Weisse zu bestellen.
zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07