Jürgen Witte: Ich bin doch mehr so klassische Laufkundschaft
Berliner Frühling geht so: Unter einer langsam wegschmelzenden Schneedecke kommt die angesammelte Hundekacke des Winters zum Vorschein. Verschmierte Pappschalen von Curry & Pommes, die schon im Dezember oder November verspeist wurden. Kadaver von Krachern, die zu Silvester im Tiefschnee versanken und aschgelber Schneematsch vom Streuen gegen Glätte. Eine echte Scheißzeit. Alles flieht in neue klimatisierte Einkaufspassagen. Ich nicht. Ich kauf da nix. Iss ja alle neu und teuer da.
Plastikplanen über den Bücherkisten vor den Antiquariaten. Wie bitte soll ich da drunter was finden? Baugerüste vor Häusern, wo eigentlich Tische vor den Kneipen und und Obstkisten vor den Läden stehen könnten. Und kaum ist so ein Baugerüst endlich weg, da ist da in dem Haus kein Laden, sondern ein Architekturbüro, ein Statiker oder ein Steuerberater oder ein Belichtungs- und Layoutservice-Geschäft. Oder sonst was noch Unnützeres und Ekligeres. Überall in Mitte diese Kneipen, die mir viel zu teuer sind, und jetzt auch das noch.
Post production steht an der Neuen Schönhauser Straße. Was ist das? Sowas kauf ich nicht! Was wollen die da hinter ihren großen Schaufenstern? Uns allen ihre schwarzen Rollkragenpullover und ihre modischen dunkelrandigen Brillen vorführen? Die wollen doch gar keine Laufkundschaft. Wie stellen die sich das vor?

Grafikbüro, Layoutservice? Soll ich da vorbei gehen, »wow« sagen, »klasse Laden, da muß ich auch mal was kaufen, von denen. Iss ja so schick da. Und so gutgekleidete Angestellte!« Und ich bleib davor stehen, schau mir eine der üblichen Stummfilm-Kaffeepausen an und kriege plötzlich totale Lust, mir auch mal eine eigene Broschüre layoten und belichten zu lassen. Einen Prospekt. Sowas wie eine Homepage, bloß gedruckt, die ich dann in der U-Bahn verteilen lasse? Nee, ich glaube die sind für Publikumsverkehr überhaupt nicht eingerichtet. Da kannst du an die Scheiben klopfen so lange du willst, da kommt keiner lächelnd an und will dich bedienen. Da kriegt man bloß böse Blicke.
Können diese Leute mit ihren neumodischen Dienstleistungen nicht in ihren Fabriketagen bleiben, wo ich ihnen wenigstens nicht dauernd auf die geschäftig flimmernden Computer kucken muß. In allen Schaufenstern: Computer mit Bildschirmschoner. Ich kann schon lange keine Bildschirmschoner mehr sehen.
Immerhin, jeder Arbeitslose kann jetzt öffentlich besichtigen, daß in dieser modern-modischen Büro-Arbeitswelt trotz schwer angesagtem Hochdruckkapitalismus, doch eher müde bis arschlahm das Geld verdient wird. Diese Schauangestellten hängen da meistens abgeschlafft in ihren Räumen rum, schön Päuschen machen, wie man es als gemeiner Fußgänger sonst nur von Bauarbeitern zu sehen bekommt.
Sind diese Läden die Großraumbüro-Alternative für Kleinunternehmer. Soll ich - also in dem Fall: Die Öffentlichkeit - kontrollieren, daß da in den Desingner-Büros auch wirklich den ganze Tag über flott was weggeschafft wird? Daß da keiner auf die Idee kommt, die Füße auf den Tisch zu legen und mal eben einen Schwarm Moorhühner abzuschießen? Soll ich da vor diesen Läden stehen bleiben, bis den Leuten da drin das Rumalbern und Kaffetrinken peinlich wird und sie sich wieder pflichtbewußt ihren Bildschirmem zuwenden? Soll ich mit einem Groschen an die Scheiben hämmern und lauthals gröhlen: »Tu was für dein Geld, du Schlaffsack, sonst geh ich zu deinem Chef und nehm dir deinen Job weg!«
Nee, ehrlich, bei solchen Läden, da muß man immer ganz schnell vorbeigehen, diese armen, im Glaskasten ausgestellten Menschen leise bemitleiden. Da werkelt der echte Große Bruder, täglich live und in Ernst, nicht nur so ein Spiel. Aber da regt sich keiner drüber auf. Iss ja wie im Zoo.
Trotzdem, also wenn die Affen in so einem Kapitalisten-Käfig besonders affig sind, so die besonders aufgebrezelte Sorte, schwer hochnäsig, so ganz schlimme Wichtigtuer-Fuzzis, dann bleib ich doch auch schon mal stehen, und sehe mir das Humankapital des trendigen Kleingewerbebetriebs genauer an.
Da kann man dann winken, mit den Fingern deuten, lange Nasen drehen und all sowas. Da gibt’s dann was zu Grinsen, Feixen und zu Lachen. Nur Schade, daß man nie eine volle Tüte Erdnüsse dabei hat, wenn man sie wirklich mal brauchen könnte.