Horst Evers: Tag der Angst
»Ihr fliegt mit Cross-Air?«
»Ja, warum?«
»Sind die nicht letzte Woche abgestürzt?«
»Nicht alle. Das war nur ein Flugzeug.«
»Ja, aber beunruhigt dich das nicht?«
»Ach was. Da steh ich drüber. Ich hatte noch nie Angst im Flugzeug.«
»Wie oft bist du denn schon geflogen?«
»Noch nie. Aber trotzdem. Statistisch gesehn kann gar nichts passiern. Daß ein und dieselbe Gesellschaft zweimal nacheinander abstürzt ist praktisch unmöglich. Das ist so unwahrscheinlich, wie ein Sechser im Lotto, wie Weihnachten und Ostern an einem Tag, wie eine U-Bahn-Kontrolle, wenn man einen Fahrschein hat. Wie wenn das alles drei zusammenkommt, so wahrscheinlich ist das. Praktisch unmöglich.«
»Naja, manchmal passierts doch.«
»Jaja, erzähl du nur, mir machst du keine Angst.«
Gern hätte ich bei diesem Satz überzeugend ausgesehen, aber blöderweise zittert meine Hand so sehr, daß ich mir den heißen Milchkaffee über die Hand und dann auf die Hose schütte. Ich will einen Schmerzensschrei ausstoßen, aber dann merke ich, daß der Schmerz für einen kurzen Moment die Angst verdrängt hatte. Ein angenehmes Gefühl. Ich schütte noch etwas von dem heißen Kaffee über meine Hand und genieße die kurzen angstfreien Sekunden. Ich lächle.
Dann frage ich Thomas, ob es okay ist, wenn ich ihm das Geld, das er mir gerade für die Reise gepumpt hat, im April zurückzahle.
Er legt mir eine Testamentarische Verfügung vor und winkt die Kellnerin heran, damit sie meine Unterschrift bezeugen kann. »Versteh das bitte nicht falsch.« Ich nicke und schütte mir den restlichen Milchkaffee über die Hand. Das tut gut.
Noch drei Tage bis zum Abflug. Die letzten drei Tage. Ich überlege, was ich noch unbedingt in meinem Leben tun will. Mir fällt nix ein. Naja, vielleicht mal richtig ausschlafen. Auja, das macht bestimmt Spaß. Lege mich ins Bett und warte ab. Kann nicht einschlafen. Verdammt. Wenn es etwas gibt, was ich immer sehr gut konnte, dann war das Einschlafen. Manchmal mitten im Satz. Die Gesprächspartner sind dann zwar ein wenig irritiert, viele finden das unhöflich. Aber das heißt noch lange nicht, daß ich deshalb irgendwie ein unhöflicher Klotz wäre, oder so. Nein, direkt vorm Einschlafen findet in mir immer noch der totale innere Kampf statt: »Mensch Horst, kannste das machen, so mitten im Satz wegdösen, kriegt der andere das nicht womöglich in den falschen Hals, gibts ja so Leute. Menschen können so pingelig sein.« So total rücksichtsvolle Gedanken denk ich nämlich noch. Erst dann schlummere ich weg. Und wenn ich dann wieder aufwache bin ich auch sofort wieder voll da. Weiß über alles Bescheid.
»Aaaah, guten Morgen, warum bist du da? Ach so ja, wir unterhalten uns gerade. Jaa. Toll. Äh. Dann kriegt Ihr also auch bald Nachwuchs. Ja, da gratulier ich doch mal.«
So wacht man doch mitten ins Leben auf, und verbringt nicht den ganzen Tag im Bett mit Fragen wie: Wenn ich aufs Zähneputzen verzichte, kann ich noch fünf Minuten länger liegenbleiben. Wenn ich aufs Frühstück verzichte nochmal sieben. Ach, zwölf Minuten reichen doch mit der BVG von Kreuzberg nach Mitte. Wenn ich aufs Anziehen verzichte, spar ich nochmal drei Minuten. Dann brauch ich auch keine Entschuldigung fürs Zuspätkommen, wenn man nackt zur Verabredung kommt, stellt keiner mehr Fragen übers Zuspätkommen. Was man halt so denkt, wenn man den Wecker ausgeschaltet hat, kurz bevor man nochmal tief und fest einschläft.

Einschlafen kann ich eigentlich immer. Nur jetzt nicht. Gehe zum Spiegel und gucke, ob ich überhaupt müde bin. Ja, ich sehe so müde aus wie immer. Komisch. Hole mir das Telefon ans Bett und sage alle Verabredungen für die nächsten Tage ab. Das Einschlafproblem hat jetzt absolute Priorität. Muß vier Anrufe machen, bis ich endlich zumindest eine Verabredung habe, die ich dann absagen kann. Danach liege ich weiter auf dem Bett und starre an die Decke. Nach zwei Tagen kriege ich Hunger. Ich rufe meinen Nachbarn an:
»Hallo, hier ist Horst, kannst Du für mich den Pizza-Service anrufen?«
»Warum machst’n das nicht selbst?«
»Ach, weißte, ich nehm doch nur immer Pizza-Salami, is mir langweilig. Such du was für mich aus. Dann hab ich ne Überraschung, was worauf ich mich freuen kann.«
Ich lege auf. Immerhin lenkt der Hunger von der Angst ab. Werde spürbar ruhiger. Zurecht, so dermaßen unwahrscheinlich, wie ein zweiter Absturz ein und derselben Linie, so unwahrscheinlich, wie...
Das Telefon klingelt wieder. Mein Bruder.
»Mensch Horst, stell dir vor. Onkel Richard hat sechs Richtige im Lotto!«
Um Gotteswillen. Die Panik kehrt zurück.
»Aber weshalb ich eigentlich anrufe: Nimm dir Ostern bitte nix vor! Max, dein Patenkind mußte doch Weihnachten im Krankenhaus feiern. Deshalb haben wir beschlossen, das an Ostern einfach zuhause nachzuholen. Verstehst du? Dann hat er Ostern und Weihnachten an einem Tag. Da darfst du nicht fehlen.«
Entsetzt werfe ich den Hörer auf die Gabel, renne in die Küche, mache mir eine ganze Kanne heißen Kaffee und schütte ihn mir über den Kopf. Dann klingelt der Pizza-Service. Überlege, ob ich ihm so öffnen soll? Denke, wenn ich nur selbstbewußt genug gucke, merkt der’s gar nicht. Ich öffne.
»Eine Vegetaria-Maxi, der Herr. Macht 17 Mark 70.«
»Danke.«
»Übrigens, auch, wenn Sie noch so selbstbewußt gucken, ich sehe genau, daß Sie sich gerade eine Kanne Kaffee über den Kopf geschüttet haben. Ich glaub, das bringt nix. Kaffee ist zwar sehr belebend, aber Ihr Haarwuchs wacht auch davon, glaub ich, nicht wieder auf.«
Ich nicke, zahle und schließe die Tür. Vegetaria? Mist, hätte lieber Salami gehabt. Den Rest des Tages und der Nacht liege ich wach. Zum dritten Mal nacheinander.
Am nächsten Morgen geht der Flug. Ab fünf Uhr packe ich. Zwei große Taschen, weil ich auch alles einpacke, was meine Eltern nicht finden sollen, wenn sie die Wohnung auflösen. Um Acht holt Gabi mich ab.
Ich erkläre ihr meine letzten Tage. Trotzdem zwingt sie mich, eine U-Bahn-Karte zu kaufen. Es kommt, wie es kommen muß. Nach nur drei Stationen werden wir kontrolliert. Es ist passiert. Das dritte Zeichen! Auf einmal bin ich wieder völlig klar und logisch, also brülle ich: »Das ist der Beweis, wir werden alle sterben, ich steige nicht in dieses Flugzeug! Nein, nein, nein, auf gar keinen Fall, nein!«
Gabi nimmt geistesgegenwärtig meine Karte, zerreißt sie und wirft die Schnipsel in den Waggon. Gerettet. Erleichtert zahle ich die 60 Mark. Puh, das war knapp.
Aber jetzt kann ich endlich gelassen in das Flugzeug steigen. Beschließe trotzdem, vorsichtshalber den ganzen Flug über die Luft anzuhalten. Man weiß nie wofür’s gut ist. Als mir die Luft ausgeht, übermannt mich die Müdigkeit der letzten drei Tage. Irgendwann landen wir in Barcelona und Gabi stellt mich vor das Gepäcklaufband, damit ich auf meine Taschen warte. Als die an mir vorbeifahren bin ich allerdings viel zu fertig, um sie runterzunehmen, immerhin schaffe ich es, ihnen noch kurz zuzuwinken. Dann falle ich nach vorne auf das Laufband und schlafe wieder ein.
Eine offensichtlich stark kurzsichtige Frau verwechselt mich mit ihrem Gepäck, packt mich am Kragen und nimmt mich vom Band.
Nachdem wir in ihrem Hotel angekommen sind, will sie ihre Sachen aus mir herausnehmen. Davon wache ich auf. Sie bringt mich zurück zur Gepäckaufbewahrung des Flughafens und tauscht mich gegen ihren Koffer ein.
Gabi ist mit meinen Taschen auch noch da. Jetzt wird alles gut.
Die ersten fünf Tage in Barcelona hab ich mich erst mal richtig ausgeschlafen. Dann hatten wir zwei prima Urlaubstage, bis Gabi den schlimmen Satz sagte:
»Ohh, in drei Tage müssen wir schon wieder zurückfliegen.«
»Fliegen? Wir fliegen noch mal?«
Noch drei Tage zu leben. Ich überlege, was ich noch unbedingt in meinem Leben machen möchte. Mir fällt nix ein...
Endet da.