Andreas Scheffler: Meine Eltern waren keine Hippies
Meine Eltern waren tatsächlich keine Hippies. Meine Eltern haben Ende der 60er Jahre ein Haus gebaut. Da war ich Zwei. Wenn meine Eltern studiert hätten, wären sie sehr wahrscheinlich auch keine Hippies geworden. Ich begrüße das. Denn erstens werde ich irgendwann ein Haus erben und zweitens stünde ich sonst womöglich heute als Hippie-Eltern-Kabarettist herum. Ich müßte mich lustig beklagen über meinen Namen, der irgendwas mit Frieden zu tun hätte, müßte jammern über meine Ernährung, meine langen Haare und meine Kleidung damals, Latzhosen, daß ich die anderen Kinder beneidet hätte und furchtbar leiden mußte, weil mich alle ständig veräppelt hätten und ich noch nicht einmal zuschlagen gedurft hätte, denn ich wäre ja ein Kind des Friedens gewesen. Ich bin wirklich froh, daß meine Eltern keine Hippies waren.
Autoritär ging es zu bei Schefflers. Ich kenne niemanden, bei dem es autoritärer zuging. Ich nehme an, deshalb habe ich mich als kleiner Junge in der Schule ständig geprügelt. Fast nur mit älteren. Ich habe immer verloren. Vielleicht wollte ich gedemütigt werden. Ich kannte ja von zu Hause nichts anderes. Zudem mit zwei älteren Brüdern...
Umso wichtiger wurden später die Perioden, da die Eltern ohne mich in Urlaub fuhren. Als ich achtzehn war, hatte ich schon einige sehr laute Auseinandersetzungen hinter mir über nächtliches Fortbleiben, Alkoholfahnen und Haarlängen. Als ich achtzehn war, wünschte ich mir, meine Eltern wären Hippies. Aber sie hielten das Wort »bürgerlich« für ein gutes, und ich wurde Juso. Ich war ein guter Juso, ein linker Juso, welcher der DDR auch gute Seiten abgewinnen konnte. Ich war gegen Atomkraft, gegen den NATO-Doppelbeschluß und für den Umweltschutz. Ich kämpfte gegen die Rechten und war verbündet mit den Gütersloher Punks, obwohl ich selbst eher ordentlich angezogen war. Ich kann mich noch erinnern, daß ich einmal, ganz zu Beginn dieser Zeit, spät am Abend einem dieser Leute sagte, er sei zwar Punk aber ansonsten total in Ordnung. - Mit Abstand betrachtet eher peinlich.
Es wurde damals viel diskutiert, viel getrunken und wenig für die Schule getan. Meine Eltern, weil sie keine Hippies waren, wollten, daß ich Beamter im Nordrhein Westfälischen Innenministerium werde. Aber erstmal war ich ununterbrochen Juso und kannte in Gütersloh Gott und die Welt.
Dann kam mein 19. Geburtstag. Bei uns zu Hause wurden sonst keine Parties veranstaltet. Feiern schon, aber keine Parties. Zu meinem 19. Geburtstag aber waren die Eltern verreist und die Geschwister in Münster am Studieren. Ich kaufte drei Kästen Bier, einige Flaschen Wodka und Chips und lud zur Party ein. Ein übersichtlicher Kreis von etwa 20 Leuten. Es war ein Reinfeier-Geburtstag, und so erschienen fast alle erst so gegen zehn Uhr. Laute Musik, es wurde sogar getanzt, hauptsächlich aber hing man auf alten Matratzen herum, trank Wodka und Bier und rauchte, daß es nur so qualmte. Einige knutschten. Das war schön. Und um zwölf sang Stevie Wonder Happy Birthday aus den Boxen heraus. Ich war gerührt.
Mit einem Mal aber standen 30 Punks im Partykeller. So viele gab es in Gütersloh überhaupt nicht. Sei’s drum. Ich schickte einen Genossen, der noch fahren konnte, mit meinem letzten Geld los, noch zwei Kästen Bier besorgen. Die Punk Szene verteilte sich unterdessen im Haus. Ich schloß vorsichtshalber das elterliche Schlafzimmer ab sowie den Weinkeller. Nun hieß es für mich, nicht in den Ruf eines Spießers zu kommen. Eigentlich wollte ich die Feier auf den Keller beschränken, jetzt aber waren auch Wohnzimmer Terasse und Küche belegt. Zwei junge Frauen, die ich vorher noch nie gesehen hatte, fingen an zu kochen. Drei andere Menschen saßen im Garten und kifften. Im Badezimmer duschte jemand.
»Wer ist das? Wer hat die eingeladen?« fragte ich einen Freund. »Die sind aus Bielefeld, haben wohl gehört, daß hier heute Party ist. Mach dir nichts draus und trink einen.« Die Flucht in den Alkohol? - Warum eigentlich nicht. Wäre ich von Hippies erzogen worden, ich hätte die Sache sicher besser durchgestanden. So aber patroullierte ich mit einem Glas Wodka durch das Haus und bat darum, nichts kaputt oder dreckig zu machen. »Bitte nicht mit den Springerstiefeln auf die Couch.« - »Ich möchte nicht, daß jemand in meinem Bett vögelt.« - »Nein, nicht die Kippe auf dem Wachstuch ausdrücken.« - »Das Geschirr kommt dann in die Spülmaschine.«

Gegen vier Uhr saß ich im Keller und murmelte vor mich hin: »Alles ausgesoffen, alles aufgefressen. Ich möchte, daß jetzt alle gehen.« Die mich hörten, lachten.
Am nächsten Mittag wachte ich auf mit Rückenschmerzen. Ich weckte drei Menschen und setzte sie vor die Tür. Dann ging ich durchs Haus. Jemand hattte es geschafft, in der Diele an die Wand zu kotzen. Im Bad war eine ganze Flasche Schaumbad auf dem Fußboden ausgeschüttet. Überall lagen Essensreste, im Garten zwei Dutzend heruntergerauchte Joints, am Sofa war ein Fuß abgebrochen, der Kühlschrank war leer.
Das Aufräumen hat zwei Tage gebraucht und einen Denkprozeß bei mir in Gang gesetzt. Ich will nicht verallgemeinern, aber diese Bielefelder Punks waren es, die mich ein Stück in Richtung Spießer geschoben haben. Auch bei Parties muß ein gewisses Maß an Ordnung herrschen. Weil das offenbar nicht gelingen kann, habe ich (mit Ausnahme meines Polterabends) seitdem keine Party mehr veranstaltet. Gelegentlich mal eine Feier, aber keine Party mehr.
Wenn meine Eltern allerdings Hippies gewesen wären - wer weiß, wie es dann gekommen wäre.