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Bov Bjerg: Achtung Anleger - Kapitalismus bald vorbei

Abstract: Dieser Essay handelt davon, wie der Verfasser einmal das Wesen des Kapitalismus (im folgenden zur Datenmengenreduktion kurz "K." genannt) durchschaut und gleichzeitig gesehen hat, was dem K. mal das Genick brechen wird, also praktisch sowas wie ein moderner Karl Marx war.

Der K. hat ein paar große Vorteile. Es gibt zum Beispiel überall Pornografie zu sehen, es gibt alle Drogen, die man sich vorstellen kann, und von denen, die man sich nicht vorstellen kann, gibt es auch ein paar, und es gibt richtige fiese Nazis, die frei herumlaufen und die man angucken kann, und wenn man stark genug ist und schnell genug rennen kann, kann man sie sogar hauen. Da fühlt man sich wie Teddy Thälmann, und nicht wie damals im Osten, wo man Teddy Thälmann gut finden mußte, aber sich nie so fühlen durfte wie er. Ja, das ist schon ein ziemliches Paradoxon, daß man im Sozialismus nur ein Second-Hand-Thälmann sein durfte. Daß man immer gläubig sein mußte, aber nie Heiliger sein durfte. Und daran ist der Sozialismus ja schließlich auch zugrunde gegangen. Aber der Sozialismus ist ein Kapitel für sich, mir geht’s jetzt um den K. Seine Vorzüge hab ich genannt, ich hoffe, jeder hat sich die gemerkt: Pornos, Drogen, Nazis.

Der K. hat aber auch einen großen Nachteil, der ihm irgendwann einmal das Genick brechen wird, knick-knack. Das ist, daß er einen immer wieder dazu bringt, sinnloses Zeug zu kaufen. Im Osten gab es nichts zu kaufen, und jeder Impuls, dagegen aufzubegehren, prallte auf eine rohe unverputzte Wand hinter einem Kaufhaustresen; eine Wand, die sprach: »Hammwanich. Überlegen Sie sich doch mal, ob Sie das überhaupt wirklich brauchen.«

Dieses sinnlose Zeug, zu dem der K. einen bringt, es zu kaufen, ist oft sogar so eine ganz besonders abgefeimte Art von sinnlosem Zeug. Es begnügt sich nicht damit, bis ans Ende seiner Tage in der Wohnung rumzulungern und Staub zu fangen, sondern zwingt einen, wenn man es erst einmal gekauft hat, noch mehr sinnloses Zeug zu kaufen, gleichsam sinnloses Meta-Zeug, und genau das wird dem K. noch mal das Genick brechen, knick-knack.

Zeichnung von Anna Zimmermann

Nachdem ich diesen K. jetzt seit dreißig Jahren studiere, bzw., im Jargon der Sozialwissenschaften, teilnehmend beobachte, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß er genauso funktioniert wie die Chaostheorie. Ja, ich weiß, wenn man irgend etwas nur lange genug teilnehmend beobachtet, dann kommt man früher oder später immer zu dem Schluß, daß es genauso funktioniert wie die Chaostheorie.

Was besagt die Chaostheorie? Besagt sie:

a) Wenn ein Schmetterling am Amazonas mit den Flügeln schlägt, dann fängt ihn der Amazonasfrosch mit seinem klebrigen Zungenlasso?

Oder besagt die Chaostheorie:

b) Wenn in China ein Sack Reis umfällt, dann hat ihn der Bauer nicht richtig hingestellt?

Oder besagt die Chaostheorie nicht vielmehr, daß am Amazonas nur ein Frosch Bäuerchen machen muß, und dann fällt unter Umständen in China ein Sack Reis um, wenn’s ganz dumm läuft? Genau, richtig, sehr gut, das besagt die Chaostheorie.

Auf den K. angewandt bedeutet das zum Beispiel: Ich kaufe mir ein schickes weißes Hemd, und das hat zur Folge, daß seit Monaten eine Mehrfachsteckdose unbenutzt unter meinem Schreibtisch herumliegt, die ich mir gekauft habe, damit ich die Schreibtischlampe nicht ausstecken muß, wenn ich das Hemd mal bügle mit dem Bügeleisen, das ich mir gekauft habe, um das schicke weiße Hemd zu bügeln, weil, ein weißes Hemd wird erst dann zum richtig schicken weißen Hemd, wenn es gebügelt ist, das ist jedenfalls die landläufige Meinung, der auf Teufel komm raus mich entgegenzustellen ich mich inzwischen einfach zu alt fühle (für Optimisten: zu reif), und deshalb hab ich mir also ein Bügeleisen gekauft, das seit einem Jahr unbenutzt im Regal steht. Der Weiße-Hemd-Kauf war nämlich nur so ein Impuls. »Och«, dacht ich mir, »kaufste dir mal ein weißes Hemd, warum auch nicht, siehste mal schick aus, das hat noch niemand geschadet, jawollo, mal bißchen Mut zum weißen Hemd hier«, und diesem Impuls bin ich nachgegangen. Und dann hab ich das Bügeleisen gekauft, und dann hab ich die Mehrfachsteckdose gekauft, und dann hab ich ein gepolstertes Brett mit emaillierten Stahlbeinen drunter gekauft, und dann hab ich noch so eine flaschenhafte Spritzpistole aus dunkel-lila Plastik gekauft, und dann hab ich mich gefragt: »Ziehst du eigentlich jemals im Ernst ein weißes Hemd an?«, und ich hab mir die Antwort gegeben: »Nein, tuste nicht. Nicht mal zum Spaß.«

Und sowas macht Verdruß. Daß sowas im K. möglich ist. Daß da niemand sagt, »Hammwanich!«, oder »Weißes Hemd kaufen ist verboten!«, oder »Mensch, überleg dir das doch nochmal« oder sowas. Und da fühlt man sich doch ganz schön verschaukelt. Und wenn man dann irgendwann mal zusammenrechnet, wieviel Geld man so schon völlig sinnlos ausgegeben hat, wieviele Stunden man für dieses Geld schon völlig sinnlos gearbeitet hat, Stunden, in denen man viel besser spazieren gegangen wär oder rumgeknutscht hätte oder gevögelt oder sich ein bißchen gefühlt wie Teddy Thälmann oder wenigstens mal ein gutes Buch aus der Leihbücherei gelesen - und wenn dann zufällig mal alle gleichzeitig ausrechnen, was sie eigentlich wegen dem K. so verpaßt haben in ihrem Leben, oder wenigstens ein paar Leute, so daß halt die kritische Masse zusammenkommt, ja, dann ist die Situation da, und das bricht dem K. dann das Genick, knick-knack. Das haben, glaub ich, schon die Klassiker gesagt.

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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