Wladimir Kaminer: Die süsse ferne Heimat
Meine Frau Olga wurde auf der Insel Sachalin geboren, in der Stadt Ocha. 1000 Kilometer von Tokio entfernt, 10 000 Kilometer von Moskau, 12 000 von Berlin. In ihrer Geburtsstadt gab es drei Grundschulen, mit den Nummern 5, 4 und 2. Die Nummer 3 fehlte, in Ocha kursierte jedoch das Gerücht, daß diese Schule vor 30 Jahren von einem Schneesturm ins Meer gefegt wurde, weil sie ein Stockwerk zu viel hatte. In unmittelbarer Nähe der drei Schulen befanden sich die Straf- und Besserungsanstalten der Stadt. Neben der Schule 5 - das Gerichtsgebäude, neben der Schule 4 - die Irrenanstalt, und neben der Schule 3 der Knast. Diese Nachbarschaft hatte eine große erzieherische Wirkung und machte die Zähmung der Jugend für die Pädagogen in Ocha leicht. Eine Handbewegung, ein Blick aus dem Fenster wies die Jugend darauf hin, was sie erwartete, falls sie die Hausaufgaben nicht rechtzeitig erledigten. Zur Freude der Kinder gab es jedesmal schulfrei, wenn ein Schneesturm auf der Insel wütete oder die Temperatur unter 35 Grad fiel. Dann saßen alle zu Hause und warteten auf die Herbstferien.
Es existierten nämlich nur zwei Jahreszeiten auf Sachalin - der lange Winter und dann, ab Ende Juli, wenn sich der letzte Schnee auflöste, ging die Herbst-Navigation los. Viele Schiffe brachten leckere Sachen wie z.B. getrocknete Wassermelonenkrusten für die Kindergärten, damit die Kinder etwas zum Beißen haben. Aus China kamen getrocknete Ananas, getrocknete Bananen, gefrorene Pflaumen - und die chinesischen Sandstürme. Aus Japan kamen auf die japanischen Jeans Big John, die aber immer zu klein waren. Trotzdem standen die Sachalinbewohner Schlange, um sie zu ergattern. Alle schimpften auf die Japaner und wunderten sich, wie sie mit solch kurzen Beinen und derart fetten Hintern leben konnten. Doch jede Familie hatte eine Nähmaschine zu Hause und nähte sie dann ihre Big Johns zurecht.
Das Unterhaltungsprogramm auf der Insel war relativ eintönig. Im Winter saß meine Frau mit anderen Kindern in dem einzigen Kinotheater, das »Erdölarbeiter« hieß, und kuckte sich alte russische und deutsche Filme an - Drei Männer im Schnee, Verloren im Eis, Drei Freunde auf hoher See usw. .
Die Kinder waren die ersten Einheimischen auf der Insel, außer den Nivchen, den Ureinwohnern, die in einem Reservat auf der Südseite der Insel langsam ausstarben. Die Eltern der Kinder waren alle Geologen oder Ölbohrer und kamen aus sämtlichen fünfzehn Republiken der Sowjetunion.

Im Herbst gingen die Kinder gerne baden. Zwei Seen gab es in der Stadt. Der Pioniersee und der Komsomolzensee. Der Pionierensee war klein, flach und schmutzig. Der Komsomolzensee dagegen schön tief und sauber. Sogar ein wenig zu tief, deswegen wurden dort ständig Kinder vermißt. Jedes Jahr ertrank eines im Komsomolzensee.
Es gab noch einen weiteren Badeort - den sogenannten Bärensee, etwa zwei Kilometer hinter der Stadtgrenze - in der Nähe vom Kap des Verderbens. Aber keiner traute sich dorthin, wegen der mutierten Waschbären, die unter dem Einfluß der chinesischen Sandstürmen zu gefährlichen Wasserbewohnern geworden waren, zu einer Art Sachalin-Krokodil. Außer diesen Waschbären gab es noch andere Tiere dort: Braunbären, Füchse und jede Menge Hasen, die auf dem großen Feld hinter dem Krankenhaus lebten. Wölfe gab es keine mehr. Der letzte Sachaliner Wolf wurde 1905 am Kap des Verderbens erschossen, man ehrte ihn mit einem Beton-Denkmal, das jedoch irgendwann während eines Schneesturms umkippte und ins Wasser stürzte. Das Kap des Verderbens hieß nicht wegen des Wolfs so, sondern weil dort immer wieder die Flucht von Kartoga-Häftlingen geendet war, die aufs Festland zu entkommen versuchten. Entweder gerieten sie unter Eis oder wurden von Soldaten erschossen.
Alle auf Sachalin lebenden Erwachsenen bekamen eine Nordzulage - ihr Gehalt verdoppelte sich dadurch, außerdem durften sie früher in Rente gehen. Die auf Sachalin lebenden Kinder bekamen nicht einmal ein einfaches Gehalt. Olga sah mit zwölf Jahren zum ersten Mal einen Spatzen - auf dem Flugplatz von Chabarowsk. »Mama, Mama sieh mal da, große Fliegen«, schrie sie. »Das sind Spatzen. Spat-zen, keine Flie-gen, du blödes Katorgakind«, regte sich ein Mann auf, der seinem Äußeren nach gerade eine Freiheitsstrafe abgebüßt hatte und auf die nächste Maschine in Richtung Süden wartete. Er lachte, rauchte gierig und fluchte: »verdammte Spatzen, verfluchtes Land, verfluchte Kinder, verfluchte Taiga!«
Mit 16 war Olga mit der Schule fertig und flog nach Leningrad, um dort einen vernünftigen Beruf zu erlernen. Einige Jahre später übersiedelte sie nach Deutschland - schrecklich weit von ihrer Heimat entfernt, aber Berlin gefällt ihr trotzdem ganz gut...