Andreas Rüttenauer: München im Herbst 89
Der weiß-blaue Himmel ist grau, das Bier ist hell und die Lodenhüte sind grün. Ein paar Menschen freuen sich schon auf Weihnachten, andere sind normal. Es gibt Leute, die weinen müssen, wenn sie die Bilder aus Berlin sehen. Die meisten sind froh, daß die DDR weit weg ist. Plötzlich fallen die Ostler in München ein. Alle finden, daß die ziemlich blaß aussehen. Deswegen mag man sie nicht. Außerdem sind sie so komisch gekleidet. Manche erkennen die Kleidungsstücke wieder, die sie einmal in den Osten geschickt haben, und sehen sich bestätigt: Das war schon richtig, daß wir das rübergeschickt haben, das kann man ja wirklich nicht mehr anziehen.
Es gibt auch Respekt: Wer von den Ostlern hat eigentlich rausgekriegt, daß es in München neben dem üblichen auch noch 80 Mark kommunales Begrüßungsgeld gibt? Pfiffige Mathematiklehrer formulieren witzige Textaufgaben: Wie viele Bananen (Durchschnittsgewicht 200 Gramm) kann man sich bei einem Kilopreis von 2 Mark für 180 Mark kaufen? Schon die zehnjährigen Schulkinder wissen, daß das lustig ist.
Viele meiden die Innenstadt: Da kann man nicht mehr hingehen. Arschlöcher, die schon seit Jahren zum Ostlerinnen-Ficken im Sommer an den Plattensee gefahren sind, werden bemitleidet. Man stellt fest, daß alle Ostler häßlich sind. Idioten sind immer noch fassungslos, daß die Mauer zwei Jahre zu spät gefallen ist: Daß der Strauß, Franz-Josef das nicht mehr erleben durfte! Junge Menschen machen Pläne. Jetzt müßte man ein Puff aufmachen in der DDR oder einen Sex-Shop: Die haben vierzig Jahre nur nach Plan gevögelt. Junge Wixer pilgern in die Innenstadt zum Glotzen: Was kauft der Ostler mit der Seemannsmütze bei Beate Uhse? Gründerstimmung. Man zermartert sich den Kopf. Jeder will sie haben, die 180 Mark: Was kann man diesen Bleichgesichtern andrehen? Die ersten sprechen schon von Haß: Wieso schenkt mir denn niemand niemals etwas?
Am Abend fährt der Zug vom Bahnhof. Es gibt nur einen täglich. Der Bahnsteig ist seit Stunden überfüllt. Ein Ostler fällt vom Bahnsteig auf die Gleise und wird überrollt. Man atmet auf in München. Ein Toter für die gute Sache. Jetzt wird das kommunale Extrageld gestrichen. Die Stadt ist endlich wieder ostler-frei. Geblieben ist der Haß. Die meisten sind heilfroh, daß München wieder weit, weit weg ist von der DDR. Im Sommer 90 kriegt der Osten unser Geld. Noch einmal gibt es Gründerstimmung. Jetzt fahren Münchner mit gebrauchten Autos in die DDR. Man holt sich mehr als 180 Mark. Der ist fast neu und hat elf Jahre TÜV. Viele fühlen sich bestätigt. Die sind ja wirklich blöd, die Ostler. Zehn Jahre später erinnert man sich auch in München an den Wahnsinn 89. Jetzt nennt man Ostler Ossis, doch eigentlich ist alles scheißegal. In München hat sich nichts geändert, das finden alle ziemlich gut.