Volker Strübing: Schweinskram
Auch meine Eltern haben bei der Aufklärung versagt. Zwar haben sie mir Geschichten über Störche oder Bienen und Blüten erspart und sogar die beiden wichtigsten Fragen, nämlich »Wo kommen die Kinder her?« und »Wie kommen sie dahin, wo sie her kommen?« fast richtig beantwortet, aber sobald ich nähere Details erfahren wollte, schickten sie mich auf die falsche Fährte.
»Du Mutti, wo kommen eigentlich die kleinen Kinder her?«
»Aus den Bäuchen ihrer Muttis.«
»Und wie kommen die da raus?«
»Durch ein kleines Loch hier unten.«, sagte sie und legte die Hand auf ihren Schoß.
Ich wollte mehr wissen: »Das zum Pullern oder das zum Kacken?«
Mag sein, daß die Direktheit meiner Frage ihr zum erstenmal die etwas unglückliche Kombination von Fortpflanzungs- und Ausscheidungsorganen deutlich vor Augen führte, jedenfalls behauptete sie verschämt, für Kinder gäbe es noch ein Extratürchen.
Als ich sie fragte, wie denn die Kinder überhaupt in den Bauch hineinkommen, erzählte sie, wissenschaftlich nicht ganz korrekt, dafür für ein Kind meines Alters verständlich, daß ein Samen des Vaters im Bauch der Mutter zu einem Kind heranwachse.
»Und wie kommt der Samen da rein?«
»Ähhmmm, also... , wenn sich Papi und Mami ganz doll lieb haben, dann wandert er nachts in Mamis Bauch.«
Sie hätte wenigstens verraten können, daß Mami und Papi dazu kuscheln müssen.
»Merkt man das?« fragte ich.
»Nein«, log sie.
Es war ein harmloses, unkompliziertes und wunderbar sauberes Bild von den Mechanismen der Fortpflanzung, das sie mir mit auf den Weg in die Schule gab, wahrscheinlich mit dem festen Vorsatz, mich richtig aufzuklären, wenn ich alt genug wäre - vielleicht 13 oder 14 - um die schmutzigen, aggressiven und ihr etwas peinlichen Aspekte zu verkraften.
Enrico Schulze war da weniger feinfühlig. Es war vielleicht in der vierten Klasse, als er in der Hofpause allen erzählte, daß er seine Eltern beim Bumsen beobachtet hatte. Je nach Aufklärungs- und Entwicklungsstand löste diese Nachricht entweder lautes Iiiiieeeeehhh-Rufen oder Kichern aus. Es waren hauptsächlich Mädchen die kicherten, ich entschied mich also für lautes Iiiiieeeeehhh-Rufen, obwohl ich nicht die geringste Ahnung hatte, worum es ging.
Am Ende der Pause fragte ich Steffen Lichtner so beiläufig wie möglich, was genau Bumsen jetzt gleich nochmal war. Er erklärte es mir und ich hatte große Lust, noch einmal, diesmal aber aus vollem Herzen Iiiiieeeeehhh zu rufen. Natürlich riß ich mich zusammen und blieb cool-lässig, wie wir damals sagten - und murmelte nur »Ach ja, stimmt ja«.
Ich stellte damals noch keine Beziehung zu den Erklärungen meiner Mutter her. Erstens, weil hier ganz eindeutig nicht von einer mystischen und reinen Pforte ins Leben die Rede war sondern von der Muschi von Enricos Mutter, und zweitens, weil die Beschreibung ganz nach etwas klang, das man sehr wohl bemerkt.
»Meine Eltern bumsen nicht!« behauptete ich voller Überzeugung. »Die sind nicht so ne Schweine!«
Steffen nickte zustimmend: »Meine würden das auch nie machen!«
Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, wie sich in den folgenden Jahren das Geheimnis der körperlichen Liebe langsam enthüllte. Obwohl ich ziemlich bald auf dem Schulhof erklärt bekam, daß Bumsen sehr wohl mit Kinderkriegen zu tun hat und das Abflußrohr des Mannes eine große Rolle dabei spielt, glaubte ich noch ziemlich lange an die Reinheit der weiblichen Sexualität. Vielleicht hatte Enrico damals alles falsch verstanden und die »Möse*«, von der jetzt in diesem Zusammenhang immer die Rede war, war etwas ganz anderes als die Muschi, die zum Pinkeln benutzt wurde.
Ungefähr in der sechsten Klasse bot sich mir eine erste Gelegenheit für anatomische Studien am Frauenkörper. Man muß wissen, daß meine Kindheit durch die Mauer vor Schmutz, Schund und Faschismus geschützt war. Doch leider riß damals, Anfang der achtziger Jahre, schon der Schlendrian ein. Wer ein paar Jahre Anabolika fraß, durfte zum Sport in den Westen fahren, auf der Glienicker Brücke ging es zu wie in einem Taubenschlag, Republikflüchtlinge wurden meistens nur noch angeschossen, Rentner durften hin und her reisen und die Zollbeamten, von den beschlagnahmten Westsüßigkeiten fett und faul geworden, kontrollierten Oliver Kauls Opa nicht, als der ihm eines Tages ein Pornoheft mitbrachte.
Olli lud Steffen, Matthias Richter und mich zum Angucken ein.
»Nackte Frauen?« fragte Steffen, »wieso soll ich mir bei dir nackte Frauen angucken? Mein Vater sammelt das Magazin, da sind genügend drin!«
Oliver winkte verächtlich ab: »Da sieht man doch jarnüscht! Aber bei denen, da siehste alles. Echt eklig!«
Das klang interessant und wir gingen gespannt mit. Es waren tatsächlich sehr offenherzige, sagen wir lieber offenschenklige Fotos und wir schüttelten uns, obwohl uns damals schon klar war, das wir uns eines Tages aus anderen Gründen für gewisse Teile des weiblichen Körpers interessieren würden als aus der Art von Neugier, die einen zum Beispiel auch in die Präparatensammlung der Charité treibt.
Trotz der guten Qualität der Fotos ließen sich die Öffnungen in den Frauen leider schlecht durchzählen, da sich der weibliche Schoß dem ungeübten Betrachter viel unübersichtlicher als der männliche präsentiert.
Als wir etwa in der Heftmitte angekommen waren, verriet uns Matthias kichernd, daß er einen Steifen hatte. Wir riefen natürlich »Du Sau!«, gelobten aber Verschwiegenheit und am nächsten Tag wußte es die ganze Schule.
Nun, meine Illusionen zerstörte jedenfalls erst der Biologieunterricht in der achten Klasse endgültig und zu Matthias Richter fällt mir noch eine kleine Anekdote ein, die nicht wirklich zum Thema der Geschichte paßt.
Wohl in jeder Schule gab es jemandem, von dem das Gerücht ging, er habe experimentell überprüfen wollen, ob Fürze wirklich brennbar sind. Bei uns war es angeblich irgend so ein Typ, drei Klassen über uns, der nach dem erfolgreichen Versuch zwei Wochen nicht sitzen konnte.
Matthias, schon immer ein Tüftler und Visionär, revolutionierte das fäkale Kokelvergnügen. Statt die Darmwinde direkt beim Austritt in Brand zu setzen, fing er sie in der Badewanne mit seinem Zahnputzbecher pneumatisch auf und konnte sie so in sicherer Entfernung zünden.
Ich hoffe, ihr hattet auch eine schöne Kindheit.
* Naja, eigentlich sagten wir Votze. Aber das Wort klingt so doof. Möse klingt nicht ganz so böse. Meine Textverarbeitungsprogramm beschwert sich gerade darüber, daß ich Votze mit V geschrieben habe. Laut aktuellem Duden wird es mit F geschrieben. Ich glaube jedoch, daß der Duden der einzige ist, der das Wort mit F schreibt, die meisten schreiben es mit V und Personen von Geschmack und Bildung schreiben es gar nicht. Das war jedoch nicht immer so: Ich erinnere mich daran, es in unserem alten Ost-Schülerduden mit V und der Worterklärung »alte Ledertasche« gefunden zu haben.