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Ahne: Beim Spezialarzt

Dienstag früh kurz nach Mittag. Ich in der Straßenbahn Richtung Spezialarzt. Man hatte bei mir einen Herzfehler festgestellt. Und um diesen Herzfehler richtig zu diagnostizieren, mußte ich natürlich nach Friedrichshain in die Gegend um den Bersarinplatz. Dort hatten sich schon seit Alters her die berühmten Spezialärzte mit ihren verschiedensten Apparaturen und Geräten niedergelassen. Selbst aus dem fernen Syrien war einer da. Herr Müller hieß er. Ein seltsamer Name, zumindest in Syrien. Genau zu dem Herrn Müller mußte ich auch. Er war eine echte Koryphäe, natürlich. Auf seinem Gebiet. Einer syrischen Abart der Herzfehlerdiagnostik.

Schade, ich war etwas zu früh da, es blieb mit noch ein wenig Zeit. Die Vögel. Sie singen wunderschön! Genauso war es. Die Vögel sangen ein wunderschönes Lied vom Sommer. Es hieß, Sommer in der Großstadt! Ich kannte es bisher nicht, denn seit kurzem höre ich kein Radio mehr. Ich hatte es kaputtgeschmissen wegen dem ganzen Dreck, der da immer zu hören war. Ich hatte ja keine Ahnung, im Prinzip, von aktueller Musik. Doch die hier klang wirklich gut. Man merkte, daß die Vögel ein Interesse für Melodien ihr eigen nannten. Obwohl ja natürlich in Wirklichkeit gar kein Sommer war. Es regnete nämlich Eis vom Himmel. Es war Frühling.

So, jetzt war es aber Zeit, genug gelauscht, ich besaß ja einen wichtigen Termin, es ging um Leben und Tod von mir. Schade, ich war ja noch jung, wenn ich jetzt wirklich schon sterben muß, aber egal, der Tod wartet nicht, was sein muß, muß sein. Ebenso wie der Tod wartete die syrische Arztkoryphäe Herr Müller nur ungern. Böse haute er mit einem medizinischen Instrument den ungeduldigen Takt des Ungeduldigen gegen die Wand. Doch es war nicht wegen mir. Jemand vor mir war einfach nicht gekommen.

»Den Arsch werde ich umbringen«, röchelte der Herzspezialist gnadenlos vor sich hin.

»Guten Tag, Herr Doktor Müller«, begrüßte ich ihn.

»Bin kein Doktor!«

Aha, nun gut. Titel sind ja auch bekanntermaßen Schall und Rauch. Ich mußte mir jedenfalls die Hände waschen und eine betont korpulente Schwester, vollständig in erlesene Tücher gewickelt, führt mich dann ins Labor, oder was das war. An der Wand hing ein Bild. Etwas schief für meinen Geschmack. Aber ich war ja hier nicht als Ästhet anwesend, sondern als Patient. Das ist ein Unterschied. Der wurde mir dann auch schnell klargemacht. Ausziehen sollte ich mich vor den Augen der dicken Schwester. Wer weiß, dachte ich, vielleicht hat sie ja noch nie in ihrem Leben einen nackten Mann gesehen? Aber wieder mal hatte ich keine Ahnung von Syrien. Wie mir später noch ein gutes Buch berichten sollte, bekommen in diesem arabischen Land kleine Mädchen bereits kurz nach der Geburt haufenweise nackte Männer vorgeführt, damit sie später nicht mit blöden Fragen nerven. Doch das war mir in dem Augenblick nicht bewußt.

Zeichnung von Anna Zimmermann

Ich mußte mich auf so was ähnliches wie einen Tisch legen. Der war sehr kurz. Eigentlich paßte außer meiner Brust kaum was rauf. Der dicke Bauch fiel fast runter und der Po lag auf dem Boden. Egal. Es ging schließlich um Leben und Tod. Die Koryphäe war auch schon da. Beherzten Griffes umschloß er mit seiner gewaltigen Pranke mein Herz, presste dreimal kräftig und bohrte noch irgendwie mit seinem Daumen drin rum. Dazu murmelte er vernehmlich auf syrisch. Ich verstand etwas, das wie »achallah« klang. Naja. Scheinbar war alles halb so schlimm.

»Kein Kaffee mehr!« gab er mir zu verstehen und zog als Warnung meine Ohrläppchen diametral auseinander. Junge, Junge, ein Meister seines Fachs. Ich kann ihn auch nur empfehlen. Wenn Ihr Probleme mit eurem Herzen habt oder auch Schnupfen oder Füße, Thaerstraße 47, Nähe Bersarinplatz, Friedrichshain, Praxis bei Herrn Müller, ohne Doktor. Und auf Pünktlichkeit achten, bitte.

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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