Hinark Husen: Rheiderland
oder: Suche nicht nach der verlorenen Zeit
»Und Ennepetal?« rief der neunjährige Junge: »Wie lange fährt man bis Ennepetal?« Sind das jetzt die entscheidenden Fragen, die ostfriesische Dorfkinder an einen Hauptstadtbewohner haben, dachte ich bei mir? Ein plumper Versuch meine Geographie-Kenntnisse zu testen? Hatte sich denn diese Berliner Schwäche, die Welt jenseits von Reinicken- Hellers- und Zehlendorf für die Wüste Gobi zu halten, bis an den Dollart herumgesprochen?
Wie denken die Ostfriesen über die Berliner? Auch das herauszufinden war ich in diesen herrlichen Landstrich gereist. Eigentlich wollte ich ja nur zum einzigen Dorf-Briefkasten, um ein paar Ansichtskarten abzuschicken. Dann waren mir diese zwei Gören begegnet. »Wo kommst du her?« hatte der Bengel gefragt und seine kleinere Schwester war ihm gleich über den Mund gefahren: »Es heißt Sie und nicht Du!« Der Junge schien mich also noch für so jung zu halten, daß ihm ein Du nicht verfehlt erschien. Sehr sympathisch, dachte ich bei mir. Wenn da System hintersteckt, müßte mich also die männliche Bevölkerung hier für jugendlich halten. Was die weibliche Hälfte vermutet, war mir egal.
Im Stillen hatte ich mir schon vorgenommen, diese Erkenntnis beim abendlichen Besuch in einer der bodenständigen und colakornduftgeschwängerten Discos zu verifizieren.
»Aus Berlin!« hatte ich also gutgelaunt geantwortet und nachdem ich ihm auch über die Dauer unserer Fahrtzeit Auskunft gegeben hatte, kam die eingangs erwähnte Frage nach Ennepetal. Der First-Contact war hergestellt und der Junge freute sich, über meine Auskunft, daß er nach Ennepetal eine etwa dreieinhalbstündige Autofahrt in Kauf nehmen müsse.
Der allwissende Metropolenbewohner; ich konnte nicht behaupten, mich in dieser Rolle unwohl zu fühlen.
Dann aber fuhr die Schwester mit dem messerscharfen Blick für fortschreitende Alterungsprozesse erneut dazwischen und meinte, es sei nun an der Zeit, sich wieder um eine bisher unsichtbar gebliebene Katze zu kümmern, die dringender Betreuung bedürfe, weil sie ständig auf die Hauptstraße renne. Die Aufmerksamkeit, die man einer so exotischen Erscheinung wie mir zubilligen sollte, schon nach zwei Minuten wieder an einen ordinären Stubentiger zu verlieren. Ich gebe zu, ich war etwas beleidigt.
»Meine Güte, ihr habt doch nun wirklich genügend Katzen hier. Spätestens wenn ihr morgen in der Schule seid, wird das debile Vieh so oder so plattgefahren!« Da waren sie wieder, meine Weltläufigkeit gepaart mit sublimer pädagogischer Kompetenz. Die Kinder trollten sich und ich stand alleine in der Gegend herum.
Vielleicht sollte ich aber doch nicht allzu sehr den Weddinger heraushängen lassen und mich vielmehr meiner westfälischen Wurzeln besinnen? Das klappte in der Disco ganz wunderbar. Außer den knapp aber souverän vorgetragenen Äußerungen: »ein Bier, bitte« oder auch mal »zwei Bier!« reduzierte ich mein Kommunikation auf das Aussenden skeptischer Blicke und demonstratives Verschränken der Arme. Vielleicht nicht unbedingt die optimale Voraussetzung, um mit den Ostfriesen in Kontakt zu treten, aber nach der Laser-Show, in der nackte, busen- und hüftenschwingende Frauen auf eine herabgelassene Leinwand projiziert wurden, war ich mir sicher, daß der Prozentsatz an Homosexuellen, die sich hier aufhalten könnten alleine durch mich und eine Freundin aus Berlin schon überreichlich abgedeckt war.
Schade eigentlich, denn die Vorstellung mit einer gutaussehenden ostfriesischen Schwuchtel eine dauerhafte Fernbeziehung aufbauen zu können, hatte mich schon seit meiner westfälischen Kindheit fasziniert.
Wieder nix.
Am späten Abend dann allerdings ein scheinbarer Silberstreif am Horizont. Einsam auf der Tanzfläche in ekstatische Zuckungen verfallen, tanzte sich ein barfüßiger Mitdreißiger im 70er Jahre Outfit zu Music was my first love die Seele aus dem Körper.
Um Himmelswillen, wer war denn da versehentlich an den Zeitmaschinenknopf geraten? Oder doch ein Wink des Schicksals: Hatte die unbarmherzige Fortuna mir diesen Anblick gesandt, um nun eindeutig zu zeigen, wie fragwürdig sie meine langgehegte Wunschvorstellung findet. Sollte das da etwa mein »frisian Lover« werden?
»Wie findest du den?« fragte ich neugierig meine Miturlauberin.
»Gruselig« hätte mir als passende Antwort durchaus genügt, aber ihr förmlich herausgestoßenes: »Echt krass« war noch um einiges authentischer.
»Okay«, sagte ich mir, sie hatte ja recht. War es wirklich das, was einstmals meine pubertären Fantasien beflügelt hatte? Wenn ja, wer wäre als Verantwortlicher dafür dingfest zu machen? Wenn dieser Derwisch auch nur irgendetwas mit meinen Kindheitsträumen gemein haben sollte, ich hätte auf der Stelle die Disco verlassen und meinen Heimatort aufsuchen müssen, um noch in der gleichen Nacht meine Eltern zu erschießen.