Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 27/2000 Rolf Thum: CeBIT 2000
Artikelaktionen

Rolf Thum: CeBIT 2000

Starkes Gedränge an der Tür. Herren im dunklen Anzug und gedeckt farbenen Krawatten schieben ihre Bäuche aneinander vorbei, müssen acht geben, daß sie sich nicht mit ihren Namensschildchen, die am Jackett prangen, ineinander verhaken. Dazwischen gemengt Teenies und Studenten, überwiegend in verwaschenen Pullovern und mit fettigen Haarschopf, mancher auch Punk-artig gestylt, zumindest was die Haare angeht. Reine Männerwelt, denn hier dürfen lediglich Männer rein.

Drinnen nur das Plätschern diverser Wässer und das Rumpeln der Handtuchautomaten. Ansonsten herrscht Schweigen. Die Herren im Anzug, die Teenies im Pullover, alle starren unbeteiligt vor sich hin, blicken weder links noch recht, schauen niemanden an, denn wer niemanden ansieht, wird auch von niemanden gesehen. Die Gesichter - draußen von wissender und wißbegieriger Freundlichkeit verzerrt - wirken hier drinnen teilnahmslos, ja sogar entspannt, vor allem bei denen, die schon am Handtuchautomat stehen.

Zeichnung von Anna Zimmermann

Ein Mann in einem weißen Kittel läuft mit einem Wischer auf und ab, blickt in die Kabinen, die gerade frei werden. Ein Trupp Japaner tritt zum kollektiven Wasserlassen an. Ein kurzatmiger, fettleibiger Amerikaner richtet vor dem Spiegel seine Krawatte, ein auf jugendlich getrimmter Nadelstreifenanzugträger fährt sich mit den nassen Händen durch die Haare.

Vor den Kabinen bildet sich eine Schlange. Die Wartenden zeigen keine Eile. Selbst wenn es einer eilig hätte - Ungeduld zu äußern verschaffte ihm keinen Vorteil. Doch wer erst einmal den abgeschotteten, wenige Quadratmeter großen Raum für sich erobert hat, läßt sich Zeit. Für so manchen ist diese Klause der einzige Ruhepol in der von einer erbarmungslosen Hektik gezeichneten »größten Computermesse der Welt« - frei nach Brecht: »Orge sagte mir, der liebst Ort, war ihm immer der Abort … das ist ein Ort wo sogar man, beim CeBIT-Dienst allein sein kann …«.

Doch das Kommunikationszeitalter erobert auch den letzten Winkel dieses Planeten: In der Kabine neben der meinen klingelt ein Handy. Ich spitze die Ohren. Wie wird der Angerufene sich verhalten? Wird er abnehmen und - auf deutsch, englisch oder japanisch? - gestehen, wo er sich gerade befindet. Ich werde enttäuscht. Der Angerufene stellt sein Handy nur ab. Statt dessen betätigt er die Spülung und verläßt hastig sein Asyl. Das war kein Anruf, der Herr hatte sein High-tech-Gerät als Wecker mißbraucht!

Copyright: Rolf Thum

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: