Sarah Schmidt: Die Tanten, der Tinnef & der Tod
Letztens habe ich zwei Tote gesehen, mitten auf der Autobahn, kurz vor Irxleben, ich finde bei einem Autounfall zu sterben ist schon echt beschissen, aber dann auch noch bei Irxleben in der Nähe von Magdeburg, das ist richtig blöd.
Damit nicht genug, am Abend des gleichen Tages mußte ich in einem Hotel übernachten, oder besser gesagt in dem Gasthof Zur Kastanie.
Von außen sah es ganz schön aus, eine alte Fachwerkscheune, die hübsch aufgearbeitet wurde. Auf dem Weg zu meinem Zimmer dann sah ich es in allen Ecken und an den Wänden: Hier war eine hochgradig Süchtige am Werk.
Eine große Bodenvase mit Seidenforsythien aus der ein Strohschaukelpferd seinen kleinen Kopf steckte. Im Cafe ein alter Trog, gefüllt mit wenigen Pflanzen und vielen an langen Stöckern steckenden bemalten Tulpen aus Holz. Dazwischen sitzen kleine Terrakottahasen und Enten und Vögel. In meinem Zimmer schließlich eine venezianische Federmaske an der Wand. Wer soll denn bitte mit so einer Fratze im Raum ruhig schlafen können?
Ich hab ja schon mal eine Lanze gegen die Verbindung von Frauen und Bärchen gebrochen. Viel Erfolg hatte ich, glaub ich, nicht, aber ich kann nicht anders. Ich fühle mich dazu verpflichtet, ja fast berufen, Geschmacksverirrungen anzuprangern.
Was treibt Frauen soweit? Ich denke, es ist eine Sucht, schlimmer als Heroin gepaart mit dem dauernden Verlangen McDonalds besuchen zu müßen. Die Dekorationssucht. Und leider befällt nur Frauen dieser absolute Zwang Alles zu verschönern. Ich habe ja überhaupt nichts dagegen, mal eine Blumenvase auf den Tisch zu stellen oder ein Bild an die Wand zu hängen. Ja, das kann sogar schön sein. Aber muß man wirklich alles mit so niedlichem Zeug zukleistern? Die ganze Wohnung, das ganze Haus? Nein und nochmal nein! Was will frau damit ausdrücken? Ich bin so süß? Und dazu noch sehr kreativ?
Ganz schlimm, neben den erwähnten Terrakottatieren ist auch künstlicher Efeu oder Farn, der am liebsten mit goldenen Spiegeln gepaart wird oder von Regalen herunterschwabbelt. Gut, wenn man ein Badezimmer ohne Fenster hat, kann man keine echten Pflanzen nehmen, das versteh ich schon, aber muß man echt immer auf diesen Efeu starren, wenn man in den Spiegel gucken will? Ich bekomm in diesen Wohnungen jedesmal das alte Punkrockgefühl: Arrgh! Alles kaputtmachen! Zerstören! Vernichten! Den Efeu im Klo runterspülen! verbrennen!
Meine Schwägerin ist auch so eine. Sie lebt in einer großen Wohnung und alles ist voll mit Gedöns. Jahreszeitlich wird umdekoriert und sie kauft auch diese absolut nutzlosen, glänzenden, bunten Kugeln, die man mit in Blumenkästen steckt. Damit die Blumen nicht so einsam sind. Ich bekomme jedesmal Atembeschwerden da, denn egal wohin ich meinen Blick schweifen lasse um Entspannung zu finden, es gibt kein Entrinnen von der Dekoration. Ich fühle mich in solchen Umgebungen mental gezwungen irgendwas Nettes zu sagen. Also nicht über die Wohnungsbesitzerin, sondern zum Outfit der Wohnung. »Uiih, wie herzig.« Und ich glaube, das ist auch genau der Trick, der dahinter steckt. Ablenken von der eigenen Person, hin zum Plunder. Und diese Frauen sind auch noch stolz darauf, viel Geld auszugeben, damit es gemütlicher wird. Gemütlich!!!
Ich versuch jedesmal, wenn ich zum Beispiel bei der Schwägerin bin, die Wohnung zu erleichtern. Sie ist eine großzügige Frau und so sage ich bei etwas besonders Gräßlichem: »Oh, diese künstlichen Sonnenblumen sehen aber fröhlich aus!« Da sie der Meinung ist, ich hätte nicht so ein Gefühl für Verschönerungen, denn bei mir sei es so kahl und deshalb irgendwie unwohnlich, ist sie immer bereit mich zu unterstützen: »Ja, findest du auch? Ich find die auch toll! Weißt du was, ich schenk sie dir!« - »Oh toll, danke!« Kaum bin ich draußen, schmeiß ich das Zeug in die nächste Mülltonne, nicht ohne es vorher noch unbrauchbarer zu machen, als es sowieso schon ist. Damit die Gefahr kleiner ist, daß eine Nachbarin die Dinger bei ihrem nächsten Mülltonnenbesuch findet, für toll befindet und sie in ihre Wohnung schleppt. Allerdings ist diese Taktik ein Vabanque-Spiel. Denn oft lächelt Petra auch nur still in sich hinein und zaubert das Zeug bei ihrem nächsten Besuch aus der Tasche. »Guck mal - Überraschung! - was ich dir mitgebracht habe. Das fandest du doch auch so toll wie ich.«
Dann gibt es den Mist doppelt. Ich schmeiß das trotzdem weg.
Zu Ostern wird es immer besonders schlimm, denn Ostern schreit gradezu nach Dekorationen, das wissen auch die Dealer in den Blumengeschäften und bei Nanu-Nana. Große Tonnen Plunder stehen an jeder Ecke rum und ist man erst mal angefixt, kann man nicht dran vorbei ohne was zu kaufen. »Oh guck mal, kleine Bienen aus Federn, die sind ja süß. Kosten auch nur 16 Mark 99. Kauf ich!"
Ich fordere Selbsthilfegruppen und Therapieeinrichtungen für diese Frauen. Dort werden sie lernen, z.B. ein Regal aufzustellen und alles was in ein Regal hineingehört, also Bücher, Musik-Anlagen, Aktenordner zu plazieren. Dann müßen sie das Regal anstarren. Sonst nichts.
Neben ihnen werden viele Gänse aus Keramik stehen, diese angeblichen Buchstützen, deren Schwimmflossen oder Köpfe so lustig am Regal herunterhängen, und sie dürfen sie nicht benutzen. Erst werden sie von Heulkrämpfen geschüttelt, dann werden sie verzweifelt versuchen, aus Buchseiten kleine Origami-Kunststücke zu basteln, damit es schöner wird. Aber irgendwann können sie sich einfach hinsetzten und sagen: »Mensch so ein Regal ohne Dekoration sieht richtig gut aus.« Dann ist schon ein großer Schritt für die Menschheit getan.
Frage: Was haben die Toten von Irxleben damit zu tun? Nichts, die wollt ich nur nicht so links liegen lassen.