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Andreas Gläser: Weshalb ich kein schreibender Stasi-Spitzel geworden bin

Niemals war eine meiner Lehrerinnen in mich verliebt, dafür aber so eine Stasi-Frau vom Rat des Stadtbezirks Hohenschönhausen; Abteilung Innere Angelegenheiten. Sie wollte mich nicht so schnell gehen lassen, obwohl ich schon mindestens zwischen 20 und 30 Ausreiseanträge gestellt hatte.

Mir war es in der DDR zu langweilig, zu unpoppig zu abtötend. Viele Menschen setzten mit Anfang 20 alles daran, ihren Traum von einer Schrankwand, einem Fernseher und einer Couchgarnitur wahr werden zu lassen. Kinder kriegen, heiraten, Kinder töten, scheiden lassen - welch Erfüllung. In Hohenschönhausen kannte ich nur solche Menschen.

Zurück zur Stasi-Frau. Wir verstanden uns gut. Ich mußte ihr auch gar nicht das Märchen von den fehlenden Reise- und Meinungsfreiheiten wiederkäuen. Das hatte ich seit Mai 86 schon oft erzählt. Damals setzten sie mir in einem spärlich eingerichteten Raum drei Freiheitsräuber gegenüber. Einer fragte weshalb und warum? Ich antwortet deshalb und darum! Danach fragte der Nächste genau das selbe.

Ich sagte: »Sie haben doch die ganze Zeit am Tisch gesessen? Haben Sie denn nicht aufgepaßt?«

»Ja, aber ich möchte es noch einmal von Ihnen persönlich hören!«

Der Dritte hatte eine ähnliche Auffassungsgabe. So ging das fast drei Jahre, jeden zweiten und dritten Dienstag Nachmittag, jeweils eine Stunde.

Diese plappernden Tagträumer erzählten mir was von sozialer Sicherheit und gesellschaftlicher Geborgenheit, das klang gut, aber was war das schon gegen Punkrock und Pornografie? Wirklich, sie konnten nichts mit mir anfangen. Deshalb signalisierten sie mir Anfang 89 die baldige Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR.

Damit ich sie nicht in allzu schlechter Erinnerung behielt, setzten sie mir während der letzten Sprechstunden eine liebenswerte Kerkermeisterin vor. So eine zarte Mitzwanzigerin mit einer süßen Mireille-Mattieu-Frisur. Ihre erste frühsommerliche Bräune milderte die verräterische Blässe, Folge ihrer schlechten Ernährung. Sie trug ein kobaltblaues Polo-Shirt. Unter dem Verhandlungstisch versteckte sie einen langen, schwarzen Rock mit Sonnenblumen drauf. Ich hatte ihn gesehen, als sie mich hereinbat und sie umgehend zum Tisch eilte, um an der Innenseite vom Tischbein auf den Aufnahmeknopf zu drücken.

Weshalb setzte mir die Stasi dieses realexistierende Fabelwesen nicht schon während meiner Pubertät vor mein Pickelgesicht. Dann wäre ich ein schreibender Stasi-Spitzel geworden!

Wir sprachen über unsere Urlaubsreisen. Ich sagte: »Ach, bevor ich übersiedel, fahre ich noch ein letztes Mal an die Ostsee und dann mal sehen: Afrika, Amerika, Asien? Eben Alltag im Westen!«

Sie antwortete: »Ja, ich fahre ein letztes Mal nach Ungarn und im Übrigen geht das mit der DDR so nicht weiter.« Sie guckte so vielsagend, ich verstand nichts. Irgendwie dachte ich nur, daß sie mich niemals rüberlassen würden, wenn wir uns hier immer so nett unterhielten. Was sollte ich machen? Mit der Faust auf den Tisch hauen? Wahrscheinlich würde ich dann ganz viele Beschützerhormone ausschütten woraufhin sie mir möglicherweise um den Hals fallen würde?

Zeichnung von Anna Zimmermann

Das kannte ich aus der Schule: Wenn ich zu einer Schülerin nett war, durfte ich ihre Schultasche tragen, und wenn ich mal eine beleidigte, dann fragte sie, ob ich schon ein Freundin hätte. Ob in der Schule oder in der Clubgaststätte - Höflichkeit brachte nichts! Für die nächste Sprechstunde nahm ich mir vor, demonstrativ herumzupoltern. Unaufgefordert trat ich ein und sagte: »Guten Tag, ich liebe Sie nicht!«

Sie guckte überrascht, ja sogar ein wenig traurig! Nun bat sie mich eindringlich, nichts Unbedachtes zu machen. Was sollte das schon wieder heißen? War sie im Zirkel schreibender Mitarbeiter der Staatssicherheit? Jedenfalls durfte ich einige Wochen später meinen Personalausweis gegen eine Identitätsbescheinigung eintauschen. Im Juli ging ich fröhlich rüber.

Nein, die ganz große Liebe war es nicht! Heutzutage treffen wir uns nur, wenn der Verfassungsschutz ein Fest veranstaltet. Ihre langen blonden Haare sind aus Kunst, ihre solariumsbraune Haut ist aus Leder. Wir tun immer so, als ob wir uns nicht kennen. Na und? Dafür treffe ich mich heute häufiger mit meinen Lehrerinnen.

Copyright: Andreas Gläser

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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