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Gabi Schlaug: Blut im Treppenhaus

Als ich nach Hause kam, stellte ich fest, daß die Treppe mit wässrigen Blutflecken übersät war. Nicht so, wie die Spuren von Stigmatisierten, die unterwegs unvermittelt zu bluten beginnen, oder von Verletzten, die sich angestochen oder angeschossen nach Hause schleppen, was sicher auch vorkommt. Nein, das wässrige Blut erweckte den Eindruck, als ob rohe Fleischbrocken durchs Haus getragen würden. Das wunderte mich nicht weiter, da seit Monaten täglich Spuren von Soßen und Ölen und anderen klebrigen, undefinierbaren, wahrscheinlich nicht eßbaren Substanzen die Treppe verunreinigten. Einmal lag ein abgenagter Knochen vor meiner Tür, all das kommt vor. Wobei zu sagen ist, daß mir alles, was auf der Treppe liegt, grundsätzlich im gekochten Zustand lieber ist, als roh.

Vor kurzem wurde in meiner Wohngegend ein Mord begangen. An der Sparkassenwand hing so ein Plakat, auf dem die Kripo auf der Suche nach dem Mörder um Mithilfe bittet. Dummerweise bin ich davor stehen geblieben, um mir aufmerksam alles durchzulesen. Schließlich wollte ich darüber informiert sein, mit welchen Bestien man auf engstem Raum zusammenlebt. Erst viel zu spät fiel mir ein, daß der Mörder in diesem Moment an mir vorbeigehen und glauben könnte, ich wäre gerade dabei, mir die Telefonnummer einzuprägen, da ich der Polizei sachdienliche Hinweise über den Tathergang geben könnte. Ich wurde nervös, schluckte und versuchte, unauffällig zu wirken. Auf Umwegen ging ich nach Hause. Ich machte Station bei Woolworth, Drospa, Humana, Blume 2000 und Kaisers, betastete die Waren, um Kaufabsicht zu heucheln, spielte sogar der Reihe nach das gesamte Sortiment der im Supermarkt feilgebotenen Esoterik-CDs an, was jedoch wider jegliches Versprechen, zur inneren Ruhe zu kommen, keinerlei Wirkung zeigte. Denn, zu Hause angekommen, war ich fahrig und unkonzentriert und fürchtete mich. Am Abend klopfte es tatsächlich an die Tür wie zehn verrückte Mörder. Das war’s dann wohl, gelang es mir zu denken, und ich erstarrte mitten in der Bewegung.

Bei großer Aufregung geschieht mitunter etwas merkwürdiges mit mir: Begriffe schleichen sich in mein Gehirn und blockieren mein Denkvermögen. Es gibt drei Kategorien von Begriffen, die sich an die Synapsen andocken und somit jegliche Möglichkeit zu deren Aktivität verhindern, bzw. Aktivität in einen höchst monotonen Vorgang verwandeln. Die erste Kategorie ist tagespolitisch gebunden, ein dazu passender Begriff wäre z. B. »Inguschetien/Dagestan«. Die zweite Gruppe versammelt beliebig austauschbare, eher ungebräuchliche und mindestens dreisilbige Begriffe wie zum Beispiel »Munifizenz«. Die dritte Wortgattung schließlich besteht aus zeitlos schönen und immer aktuellen Begriffen.

Als Klassiker dieser Sammlung könnte »die forensischen Beweise« gelten. Genau dieser Ausdruck war es dann auch, der sich mir aufdrängte, während es klopfte. Ich starrte meine Tür an und in mir dachte es ein ums andere Mal: die fo-ren-sisch-en Be-wei-se, die fo-ren-sisch-en Be-wei-se ...

Es ist zwar kaum zu glauben, daß Mörder zur Wankelmütigkeit neigen, doch irgendwann war Schluß mit dem lästigen Lärm an meiner Tür. Die Starre war von mir abgefallen und ich hatte mich gerade dazu entschlossen, meinen Namen vom Türschild zu entfernen, das schien mir das Vernünftigste in dieser Situation, da klingelte das Telefon. Es war der Nachbar, er rief an, um mir zu sagen, daß ein Päckchen für mich abgegeben worden war und warum, wenn ich es mir sogleich abholen könnte, ich denn bitteschön meine Tür nicht selbst geöffnet hätte. Ja, so Sachen fragt er immer, am liebsten würde er jetzt hören, daß ich unter der Dusche gestanden, oder mich im Toilettenbereich aufgehalten hätte. Statt dessen erwiderte ich, daß es ja meistens doch nur Vertreter oder andere Verrückte sind, und warum man denn die Tür heutzutage überhaupt noch öffnen sollte. Ja, da gab er mir auch wieder Recht.

Ich nutzte die Gelegenheit, ihn an seinen Vorsatz zu erinnern, die Mieter aus dem dritten Stock zu ermahnen. Sie sollten ihrem Sohn bei Gelegenheit nahe legen, nicht immer die Treppe flächendeckend vollzuspucken. Allerdings schien mir das Projekt zum Scheitern verurteilt, hatte ich doch selbst die Eltern schon dabei erwischt, anstelle einer Begrüßung zum Beispiel, wie in anderen Stadtteilen durchaus üblich, schamlos vor mir auszuottern. Andere geben sich richtig Mühe, nicht den Boden zu beschmutzen und suchen nach Alternativen. Einmal, als ich meine Post aus dem Briefkasten zog, hing von meinem Handgelenk ein dicker, zäher Schleimfaden, der langsam wabernd zum Boden hin troff.

Ja, das alles passiert. Ich weiß nicht, was die Neuköllner mit ihren Leichen machen. Manche deponieren sie portionsweise in der Hasenheide. Dort werden sie von alten Damen gefunden, die dann Zeit ihres Lebens nicht mehr richtig durchschlafen können. Und die merkwürdigen wässrigen Blutflecken in meinem Haus und dieser widerwärtige Geruch jeden Tag? Ich glaube, ich will es gar nicht wissen.

Copyright: Gabi Schlaug

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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