Andreas Scheffler: Teufel Telefon
Ich bekomme dauernd Jobvorschläge. Nicht etwa Angebote, darüber wäre ich sogar dankbar. Nein, Vorschläge bekomme ich, oder auch Tips, Ratschläge oder Winke mit Zaunpfählen. Schwiegermutter ruft an und macht mich auf eine Anzeige im Stellenmarkt irgendeiner Zeitung aufmerksam. Letztes Mal wurden Leute für ein Call-Center gesucht, also Menschen, die den ganzen Tag mit einem Headset vor einem Computerbildschirm hocken und auf blöde Fragen höflich Auskunft geben müssen. Schwiegermutter sagte, da würden ausdrücklich auch Nicht-Profis gesucht. Wegen solcher Anrufe gehe ich nicht gern ans Telefon. Wegen solcher Anrufe habe ich einen Anrufbeantworter. Da kann man draufsprechen, was man möchte, ich kann es mir in Ruhe anhören und eine Weile überlegen, was ich dazu sage. Ich kann mir eine Antwort zurechtlegen, warum ich nicht morgens um zwei Uhr in Hellersdorf die Zeitung austragen will. Oder weshalb eine Bewerbung für den Posten eines Filialleiters bei Aldi für mich nicht in Frage kommt. Hauswart möchte ich auch nicht so gerne werden. Doch selbst wenn es nicht um Jobs geht, telefoniere ich nur ungern. Meine Eltern, zum Beispiel, fragen mich grundsätzlich als Erstes nach meinem gesundheitlichen Zustand, als Zweites, warum ich sie nicht nach ihrem frage und als Drittes nach dem Wetter in Berlin. Dann wird vom Wetter in Gütersloh und von meinem kleinen Neffen und meiner noch kleineren Nichte erzählt mit dem Untertext: »Wann ist es denn endlich bei Euch soweit.« Fragen nach einer geregelten Arbeit haben sie inzwischen aufgegeben. Immerhin.
Wenn ein Telefonat unbedingt sein muß, fasse ich mich kurz: »Hallo Ralf. Biertrinken? Okay, 18 Uhr Trommel.«
Auch mit unserer Hausverwaltung spreche ich nicht mehr. Unser Beantworter dokumentiert einen sehr schönen Versprecher der Miethaie: »Bitte setzen Sie sich zwecks Verhandlungen mit uns in Verbindung, damit die Modernisierungsmaßnahmen für Sie so unangenehm wie möglich verlaufen.« Das haben wir auf Band. Wird nicht gelöscht, nie. Nee, mit dem Hausbesitzer verkehre ich nur noch über unseren Anwalt. Außerdem klingt das gut: »Unsere Anwälte handeln das untereinander aus.« - Jetzt schon in der zweiten Instanz.

Ansonsten kommuniziere ich am liebsten per Brief. Noch lieber sogar per Fax. Vielleicht irgendwann über Internet und E-mail. Aber das kann ich mir erst leisten, wenn ich einen festen, geregelten Job habe.
Es gab mal eine Zeit, da habe ich nächtelang telefoniert, bis zu sechs Stunden am Stück. Damals kostete ein Anruf innnerhalb Westberlins, egal wie lange, 30 Pfennig. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich kann es mir auch nicht mehr vorstellen, wie ich mehrmals in der Woche stundenlang mit dieser Frau telefoniert habe. Darüberhinaus ist noch nicht mal eine Liebesbeziehung dabei herausgekommen. Letztenendes hauptsächlich Ärger. Ein paar Jahre später wollte eine andere Frau mal Telefonsex mit mir machen. Mußte ich ablehnen. Da muß man ja dauernd was sagen. Die Beziehung ist dann auch in die Brüche gegangen. Zu Recht. Mit Fax-Sex hätte ich mich möglicherweise einverstanden erklärt. Das wäre, wenn ich’s mir jetzt überlege, vielleicht sogar eine prima Geschäftsidee - für Leute, die nicht ins Internet reinkommen, weil sie es nicht können oder keinen festen Job haben. Mal gucken...