Dan Richter: Was nettes für Wanda
Wanda hatte so schöne Augen, daß eigentlich unklar war, wie sich jemand, ob Mann oder Frau, nicht in sie verlieben konnte. Nach der Show, zu der ich dann und wann eingeladen wurde, ging ich mit den Kollegen öfters in die Sonder-Bar. Und dort arbeitete Wanda hinterm Tresen. Es war ein Jammer mit ansehen zu müssen, wie die notgeilen Schreiberlinge immer aufdringlichere und plattere Komplimente machten, je später der Abend wurde.

Der Jammer wurde noch größer, als ich nach einem Monat feststellen mußte, daß auch ich mich verliebt hatte. Ich machte mich also ans Baggern. Doch, obwohl Wanda sich mit mir offenbar gut amüsierte, schien sie blind zu sein, für die Zaunpfähle mit denen ich Abende lang vor ihrer Nase rumfuchtelte. Aus fadenscheinigen Gründen rief ich sie auch zu Hause an. Sie ließ es sich gefallen, und wir telefonierten stundenlang miteinander, mehr aber eben auch nicht. An einem Abend setzte ich alles auf eine Karte. Ich hatte die Gitarre dabei und sang vor ihr auf dem Barhocker sitzend, eine der weniger bekannten Liebesschnulzen von Elvis. Während meine Kollegen peinlich berührt die Decke oder ihr Bier nach irgendwas absuchten, hörte Wanda aufmerksam zu, und meinte hinterher: »Ach! Ich dachte, jetzt kommt noch ’n Witz.«
Ich gab es auf. Raus, Wanda! Raus aus meinem Leben! Schöne Frauen gibt es überall. Und schneller als gedacht hatte ich auch wieder eine am Wickel. Tanja - eine junge, unkomplizierte Lady. Der ultimative Verführungsabend stand an - wir hatten uns schön zum Essen verabredet, und ich wollte gerade die Spaghetti in den Topf legen, als das Telefon klingelte und Tanja mit der Begründung absagte, sie müsse noch arbeiten, es gäbe noch einiges zu tun, bevor sie übermorgen in Urlaub fliegt.
»In Urlaub?«
»Ja, hatte ich dir doch gesagt.«
»Äh ... joh.«
Wir verabschiedeten uns herzlich, ich legte auf und sofort klingelte das Telefon wieder - Wanda. Ob ich denn nicht Lust hätte, mit ins Kino zu kommen. Ach du Scheiße! Schnell die Gefühls-Software wechseln. »Ja, eigentlich schon.«
Wanda nach dem Kino: »Kannst doch noch’n Kaffee bei mir trinken.«
»Äh ... joh.«
Wanda nach dem Kaffee: »Ach? Schon so spät? Na, wenn du willst, kannst du hier schlafen.«
»Äh ... joh.«
Wanda im Bett: »Bist du verliebt?«
»Äh ... naja.«
Wanda nach einigen Minuten des Schweigens: »Vergiß es! Wir würden nie ein Paar werden. Aber weißt du, was ich dir schon immer mal sagen wollte: Du kannst nie was Nettes sagen. Du kannst es immer nur negativ ausdrücken. Oder so, daß man dreimal um die Ecke denken muß.«
»Joh. Kann schon stimmen. Ich habe eine unglaubliche Panik vorm Klischee.«
»Aber du könntest es doch wenigstens versuchen.«
»Wanda, was würdest du denken, wenn ich dir sage, du hast schöne Augen?«
»Das sagen alle.«
»Ich weiß.«
»Versuch was anderes!«
»Du hast schöne Augen, trotzdem es alle sagen.«
»Trotzdem? Das klingt ja schon wieder so negativ.«
»Aber wie soll ich es denn anders sagen! Es sind nun mal deine Augen, die mich betören. Daß es den anderen auch so geht, kann ich nur zu gut verstehen.«
Ich tätschelte ihren Bauch.
»Lass mich! Ich kann nicht! Nicht mit dir, nicht heute und nicht hier.«
»Ich frag jetzt lieber nicht, wieso.«
»Besser ist.«
»Wie sieht denn deiner Meinung nach ein Kompliment aus? Mach doch mal eins über mich.«
»Man kann gut mit dir reden.« Wanda sprach diesen Satz, den ich selber oft genug gehört hatte, der ja schon Teil der Zitatensammlung jedes anständigen Junggesellen ist, mit einer Ernsthaftigkeit, die mich irritierte. Dennoch entwand sich mir ein »Oh, no!«

Wanda sprang auf und schrie: »Du bist wohl völlig irre! Das ist das größte Kompliment, was ich machen kann, es bedeutet mir so viel. Das kannst du dir gar nicht vorstellen! Was ich dir über meinen Vater erzählt habe, hat noch nie ein Mann von mir gehört. Und alles, was du dazu sagen kannst, ist: Oh, no?«
Ich fühlte mich tatsächlich geehrt und über ihren Ausbruch betroffen. Auch hatte ich keinen Grund zum Selbstmitleid. Ich war bloß einer von Millionen Männern, die diesen Satz an jenem Tag zu hören kriegten. Während ich Wanda beschwichtigte und wieder ins Bett lotste, frug mich meine andere Gehirnhälfte, wie man vorgehen sollte, wenn man eben nur halb verliebt war. Prinzipiell gäbe es zwei Wege - vom Herzen ins Bett oder vom Bett ins Herz. Wahrscheinlich funktionierte bei Halbverliebtheit keiner von beiden.
»Du bist kaltherzig«, sagte Wanda.
»Was?«
»Ja. Und du kannst gut anfassen.«
»Äh ... joh.«